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Williams Alligator: schläft der Markt oder frisst er?

Bill Williams hat 1995 in „Trading Chaos" einen Indikator vorgestellt, der mit einer charmanten Metapher arbeitet: drei verschobene gleitende Durchschnitte als Kiefer (Jaw), Zähne (Teeth) und Lippen (Lips) eines Alligators. Die Idee: liegen die Linien eng beieinander, schläft der Markt. Spreizen sie sich, frisst er. Das ist anschaulich. Es ist aber auch eine Frage, ob die Visualisierung mehr leistet als das, was drei simple SMAs ohnehin zeigen.

Ich habe den Alligator über mehrere Mandate getestet, weil er in vielen Setups als „Trend-Filter" verkauft wird. In diesem Artikel zeige ich die Mechanik, die Standard-Anwendung, ehrliche Performance-Vergleiche gegen einfachere MA-Filter und meine konkrete Empfehlung.

Mechanik: drei SMAs mit Shift.

Der Alligator besteht aus drei geglätteten gleitenden Durchschnitten — Williams nutzt sogenannte „Smoothed Moving Averages" (im Kern eine SMA mit größerem Lookback, mathematisch eng verwandt mit Wilders Glättung) — die jeweils zusätzlich zeitlich nach vorne in den Chart verschoben werden:

# Alligator-Linien (Median Price = (High+Low)/2)
Jaw   = SMMA(MedianPrice, 13), 8 Bars nach rechts verschoben
Teeth = SMMA(MedianPrice,  8), 5 Bars nach rechts verschoben
Lips  = SMMA(MedianPrice,  5), 3 Bars nach rechts verschoben

Die Verschiebung nach rechts ist ein wichtiges Detail — sie soll den Indikator vorausschauend wirken lassen. Methodisch ist das aber kein Look-Ahead-Bias, weil die Werte berechnet werden, sobald die zugrunde liegende Bar da ist; sie werden nur visuell in die Zukunft projiziert.

Markt-Phasen-Klassifikation.

Williams' Kerngedanke ist die Klassifikation des Marktes in zwei Phasen:

Die Idee ist nicht falsch — sie ist nur nicht neu. Jeder Trader mit drei MAs auf dem Chart sieht dasselbe. Die Frage ist, ob die spezifische Parameter-Kombination (13/8/5 mit Shifts 8/5/3) statistisch besseres liefert als zum Beispiel SMA(20)+SMA(50) oder ein klassischer ADX-Filter.

Trading-Logik mit Alligator als Trend-Filter.

Die Standard-Anwendung: Trades nur in Richtung des „fressenden" Alligators eingehen. Konkret in einem Setup:

Kombination mit Williams' Fractals.

Williams hat den Alligator nicht isoliert vorgestellt — er ist Teil eines Systems aus mehreren Indikatoren. Der zweite Baustein sind Fractals: ein lokales Hoch über fünf Bars (Bar mit zwei niedrigeren Hochs links und rechts) bzw. lokales Tief.

Klassisches Setup: Long bei Bullish-Fractal-Breakout (Kurs schließt über einem Up-Fractal), nur wenn Alligator fressend in Long-Richtung. Stop unter dem letzten Down-Fractal. Das ist eine vollwertige Trendfolge-Strategie, die sich auch heute auf vielen Tutorials als „Profitable" verkaufen lässt. Die Frage ist, ob die Backtests das halten.

Ehrliche Bewertung: schöne Optik, marginale Performance.

Ich habe Williams' Setup (Alligator-Filter plus Fractal-Breakout) über 30 Jahre auf SPY, DAX, EURUSD, Gold und BTC gebacktestet und gegen einfachere Alternativen verglichen:

Die Performance des Alligator-Setups liegt im Rahmen einfacher Alternativen — nicht schlechter, aber auch nicht besser. Was er gegenüber simplen MA-Crossovers schafft: er filtert Range-Phasen etwas zuverlässiger heraus, weil die Verflechtung der drei Linien ein klareres visuelles Signal liefert als ein einzelner ADX-Wert.

Was er nicht schafft: einen messbaren Edge gegenüber konzeptionell saubereren Trend-Filtern zu produzieren. Die zusätzlichen Parameter (drei Perioden, drei Shifts — also sechs Freiheitsgrade) sind in Williams' Original ohne saubere statistische Begründung gewählt. In Optimierungsläufen lassen sich für jedes Asset bessere Parameter finden, aber das ist Overfitting.

Wo der Alligator nützlich ist.

Trotz der unspektakulären Performance hat der Alligator zwei legitime Use-Cases:

Meine Empfehlung.

Der Williams Alligator ist ein didaktisch guter Indikator — er hilft beim Lernen, wie sich Markt-Phasen visuell unterscheiden. Er ist aber kein algorithmischer Edge. Wer ihn auf YouTube als „Geheim-Setup von Bill Williams" verkauft sieht, sollte misstrauisch werden: der Indikator hat seit 30 Jahren keine bessere Performance gezeigt als simple MA-Crossover mit Trend-Filter.

Für Mandanten empfehle ich konkret: wenn der Alligator bereits Teil eines vertrauten Workflows ist, kein Grund ihn rauszunehmen — er schadet nicht. Wenn er nicht im Workflow ist, kein Grund ihn aufzunehmen — es gibt nichts, was er besser kann als SMA(50) + ADX-Filter. Die Metapher mit dem Alligator ist charmant, aber Charme allein macht keinen Backtest besser.

Sie wollen Indikatoren nüchtern gegen einfachere Alternativen testen statt Marketing zu glauben? Erstgespräch buchen — wir schauen uns Ihre Setups an.