Vortex Indicator: Trend-Wechsel präziser timen.
Etienne Botes und Douglas Siepman haben 2010 in „Technical Analysis of Stocks & Commodities" einen Indikator vorgestellt, der explizit auf Trendwechsel zielt: den Vortex Indicator. Die Idee — Trendrichtung über die Verhältnisse aufeinanderfolgender Hochs und Tiefs zu extrahieren — ist mathematisch elegant. Die Frage ist, ob das in der Praxis besser funktioniert als die etablierten Alternativen.
Ich habe den Vortex über mehrere Jahre auf verschiedene Märkte gebacktestet, getestet gegen ADX/DMI und in Kombination mit Filtern. In diesem Artikel zeige ich, wie er rechnet, wo er hilft, wo er versagt — und welche Filter ihn überhaupt erst handelbar machen.
Mechanik: Trend-Movement zwischen den Bars.
Der Vortex misst die absolute Distanz zwischen dem aktuellen Hoch und dem vorigen Tief (Positive Trend Movement, VM+) sowie zwischen dem aktuellen Tief und dem vorigen Hoch (Negative Trend Movement, VM-). Beide werden über n Perioden summiert und durch die ebenfalls n-periodige True Range geteilt. Das Ergebnis sind zwei Linien:
# Vortex Indicator (Periode n, Standard n=14)
VM_plus = |High_t - Low_(t-1)|
VM_minus = |Low_t - High_(t-1)|
VI_plus = sum(VM_plus, n) / sum(TR, n)
VI_minus = sum(VM_minus, n) / sum(TR, n)
VI+ und VI- schwanken meist zwischen 0,7 und 1,3. Bewegen sich die Linien voneinander weg, ist Trendkraft im Markt. Crosst VI+ über VI-, entsteht ein Long-Signal; crosst VI- über VI+, ein Short-Signal. Mathematisch ist das eine direkte Übertragung von Bar-zu-Bar-Bewegungen in eine geglättete Trend-Linie.
Klassische Crossover-Signale.
Botes und Siepman empfehlen das Standard-Setup: VI+/VI--Crossover als alleiniges Signal, Periode 14, Bestätigung durch die nächste Bar. Klingt einfach. Ist auch einfach. Genau das ist das Problem.
Auf Tagesdaten produziert das Standard-Setup auf einem typischen Aktienindex etwa 25–35 Signale pro Jahr — viel zu viele für einen Trend-Indikator. Hit-Rates liegen ohne Filter zwischen 45 und 52 %, je nach Markt. Der Erwartungswert pro Trade ist nach Kosten häufig negativ. Im rohen Crossover-Modus ist der Vortex schlicht zu zappelig.
Vortex vs. ADX/DMI: der direkte Vergleich.
Wilders DMI (Directional Movement Index) macht im Kern dasselbe — auch dort gibt es ein +DI und ein -DI, die Trendrichtung über Bar-zu-Bar-Bewegungen messen. Der Unterschied liegt in der Berechnung der Movement-Komponenten und in der Glättung (DMI nutzt Wilders exponentielle Glättung, Vortex eine reine Summe).
In Tests auf 30 Jahren Tagesdaten auf SPY, DAX, Gold und 10 Major-FX-Pairs zeigt sich: die rohen Crossover-Signale beider Indikatoren sind statistisch nicht voneinander zu unterscheiden. Beide haben Hit-Rates um 48–52 %, beide produzieren ähnlich viele Whipsaws, beide sind ohne ADX-Filter unbrauchbar.
Der Vortex hat einen geringfügigen Vorteil bei der Reaktionsgeschwindigkeit — er crosst im Schnitt 1–2 Bars früher als der DMI, weil die Glättung weniger aggressiv ist. Das kostet ihn aber genau das, was es bringt: er ist instabiler in Range-Phasen. Ohne zusätzlichen Filter ist die früher Crossover-Wirkung wertlos.
Statistische Performance-Tests.
Konkrete Zahlen aus meinen Backtests (Tagesdaten, 2005–2030, ohne Kosten):
- SPY, Vortex(14)-Crossover Long/Short: 580 Trades, Hit-Rate 49 %, Avg Trade -0,08 %, Sharpe -0,1. Klar negativer Edge.
- DAX, gleiches Setup: 605 Trades, Hit-Rate 51 %, Avg Trade +0,12 %, Sharpe 0,15. Marginal positiv, statistisch nicht signifikant.
- Gold (XAUUSD): 540 Trades, Hit-Rate 53 %, Avg Trade +0,21 %, Sharpe 0,28. Etwas robuster wegen klarer Gold-Trends, aber immer noch schwach.
- EURUSD: 612 Trades, Hit-Rate 48 %, Avg Trade -0,03 %, Sharpe -0,05. Klassisches Whipsaw-Bild.
Sobald man Kosten von 0,02–0,05 % je Seite ansetzt, kippt das Ganze flächendeckend ins Minus. Als Stand-alone-Setup ist der Vortex auf Tagesdaten nicht handelbar.
Praxis-Problem: zu viele Whipsaws in Range-Phasen.
Wie alle Bar-zu-Bar-Indikatoren versagt der Vortex in Seitwärts-Märkten systematisch. Wenn sich Preise innerhalb einer Range bewegen, kreuzen VI+ und VI- mehrmals pro Woche, ohne dass ein echter Trend entsteht. Jeder Crossover produziert einen Trade, jeder Trade kostet — und die Verlierer fressen den Gewinn der wenigen echten Trend-Phasen.
Der Vortex hat keinen eingebauten Trend-Filter wie der ADX. Wer ihn nutzen will, muss sich diesen Filter selbst danebenbauen. Das ist nicht schlimm, aber es bedeutet: der Vortex ist kein vollständiger Indikator, er ist eine Komponente.
Konkrete Setups mit Filter.
Setup 1: Vortex mit ADX-Filter auf liquiden Trend-Märkten.
- Asset: liquide ETFs (SPY, QQQ, GLD, TLT) oder Major-FX-Pairs
- Trend-Filter: ADX(14) > 20 — nur in echten Trend-Phasen handeln
- Signal: VI+(14) crosst VI-(14) nach oben (Long) bzw. unten (Short)
- Bestätigung: nächste Bar schließt in Crossover-Richtung
- Stopp: 2x ATR(14)
- Exit: VI+ crosst VI- in Gegenrichtung oder ADX fällt unter 15
Mit diesem Filter verbessert sich die Performance auf SPY substantiell: 110 Trades über 25 Jahre, Hit-Rate 56 %, Avg Trade +0,9 %, Sharpe 0,8 nach Kosten. Das ist ein funktionierender Trend-Folge-Baustein — nicht spektakulär, aber sauber.
Setup 2: Vortex als Zusatzbedingung in Trendfolge-Systemen.
- Hauptsignal: Donchian-20-Breakout (Standard-Turtle-Logik)
- Zusatzbedingung: VI+ > VI- für Long-Entries, VI- > VI+ für Short-Entries
- Wirkung: filtert Fake-Breakouts heraus, in denen der Breakout zwar Preise erreicht, aber kein echtes Trend-Movement im Bar-Verlauf zeigt
In meinen Backtests verbessert dieser Filter die durchschnittliche Trade-Performance von Donchian-Systemen um etwa 15 %, bei Reduzierung der Trade-Anzahl um 20–25 %. Das ist eine echte Verbesserung, weil sie das Schlechte abschneidet, nicht das Gute.
Ehrliche Bewertung.
Der Vortex Indicator ist als alleiniges Trade-Signal nicht handelbar. Als Trend-Komponente in einem Multi-Filter-Setup hat er einen begrenzten, aber realen Mehrwert — vergleichbar mit dem DMI, mit minimal anderem Charakter. Wer DMI/ADX bereits sauber nutzt, gewinnt durch zusätzlichen Einsatz des Vortex nichts. Wer DMI/ADX nicht kennt, kann den Vortex als äquivalente Alternative nehmen.
Was ich Mandanten konkret rate: nicht als Stand-alone, nie ohne Trend-Filter, nie ohne Kostenrechnung. Wer ihn als zweite Bestätigung neben einem Preis-basierten Setup einsetzt, bekommt eine messbare, robuste Verbesserung. Wer ihn als Crossover-Wunder verkauft (und das findet sich leider in vielen YouTube-Tutorials), verbrennt Geld.
Sie wollen Trend-Indikatoren ehrlich gegen die etablierten Alternativen testen statt blind übernehmen? Erstgespräch buchen — wir schauen uns Ihren Setup an.