Zigzag-Indikator: Markt-Struktur algorithmisch erkennen.
Der Zigzag ist einer der häufigsten Indikatoren in Chart-Analyse-Tools — und einer der am häufigsten missbrauchten. Er liefert eine saubere, gefilterte Sicht auf die wesentlichen Hochs und Tiefs im Markt. Das ist ungemein nützlich. Es bedeutet aber nicht, dass man darauf handeln darf. Wer den Zigzag als Trade-Indikator verwendet, macht einen handwerklichen Fehler.
In diesem Artikel zeige ich, wie der Zigzag algorithmisch funktioniert, warum er repaintet, was die seriösen Anwendungen sind — Pivot-Identifikation, Elliott-Wave, Pattern-Detection — und wie eine saubere Python-Implementation aussieht.
Was der Zigzag tut.
Der Zigzag ist kein klassischer Indikator mit einer Berechnungsformel, sondern ein Filter-Algorithmus. Er nimmt eine Preis-Serie und reduziert sie auf die markanten Wendepunkte — Hochs und Tiefs, die eine Mindest-Bewegung überschritten haben. Bewegungen darunter werden ignoriert.
Standard-Parameter sind 5 % oder 10 % Mindest-Bewegung. Setzt man den Threshold auf 5 %, zieht der Zigzag nur dann eine neue Linie, wenn der Preis seit dem letzten Wendepunkt um mindestens 5 % gegengelaufen ist. Das filtert das Rauschen aus und macht die strukturelle Bewegung sichtbar.
Warum er repaintet — und was das bedeutet.
Das entscheidende Problem: der Zigzag bestätigt einen Wendepunkt erst, wenn die gegenläufige Bewegung den Threshold überschritten hat. Solange das nicht passiert ist, wandert das aktuelle „Hoch" (oder „Tief") mit jedem neuen Extremwert mit. In der Vergangenheits-Ansicht sieht der Zigzag immer wunderschön präzise aus — er trifft jedes Top und jedes Bottom perfekt. In Echtzeit ist das letzte Zigzag-Bein immer vorläufig.
Das ist kein Bug, das ist der Algorithmus. Aber jeder Backtest, der die letzte Zigzag-Bewegung als Signal nutzt, ist mit Lookahead-Bias kontaminiert. Wer den Zigzag algorithmisch traded, verliert in Live-Trading garantiert das, was im Backtest verlockend aussah. Das ist mathematisch unausweichlich.
Sinnvolle Anwendungen.
- Pivot-Identifikation: der Zigzag liefert eine algorithmisch saubere Liste signifikanter Pivots, die für Support/Resistance-Niveaus, Fibonacci-Retracements und horizontale Zonen genutzt werden können — alles auf Basis abgeschlossener, bestätigter Pivots.
- Elliott-Wave-Analyse: wer mit Wave-Counts arbeitet, braucht eine klare Definition signifikanter Hochs und Tiefs. Der Zigzag liefert genau das. Die Wave-Strukturen werden auf den abgeschlossenen Zigzag-Beinen aufgebaut, nicht auf dem letzten unvollständigen.
- Chart-Pattern-Detection: Head-and-Shoulders, Double Tops, Triangles — alle diese Muster basieren auf relativen Hochs und Tiefs. Mit Zigzag-Pivots lässt sich Pattern-Detection sauber algorithmisch implementieren.
- Strukturelle Markt-Analyse: Higher Highs / Lower Lows als formale Trend-Definition — der Zigzag macht das messbar und replizierbar.
Python-Implementation.
Eine schlanke Zigzag-Implementation in Python, ohne externe Libraries:
# Zigzag-Algorithmus mit prozentualer Schwelle import numpy as np def zigzag(prices, threshold=0.05): pivots = [(0, prices[0], 'init')] last_pivot_idx = 0 last_pivot_price = prices[0] direction = 0 # 0 = unbekannt, 1 = up, -1 = down for i in range(1, len(prices)): p = prices[i] change = (p - last_pivot_price) / last_pivot_price if direction == 0: if change >= threshold: direction = 1 elif change <= -threshold: direction = -1 elif direction == 1: if p > last_pivot_price: last_pivot_price = p last_pivot_idx = i elif (p - last_pivot_price) / last_pivot_price <= -threshold: pivots.append((last_pivot_idx, last_pivot_price, 'high')) last_pivot_price = p last_pivot_idx = i direction = -1 else: # direction == -1 if p < last_pivot_price: last_pivot_price = p last_pivot_idx = i elif (p - last_pivot_price) / last_pivot_price >= threshold: pivots.append((last_pivot_idx, last_pivot_price, 'low')) last_pivot_price = p last_pivot_idx = i direction = 1 return pivots
Wichtig: die Funktion gibt die bestätigten Pivots zurück — das letzte (noch nicht durch eine Gegenbewegung bestätigte) Extremum ist nicht in der Liste. Genau diese Sauberkeit ist der Schlüssel: für Live-Anwendungen darf nur mit der Liste der bestätigten Pivots gearbeitet werden, nicht mit dem laufenden Hoch/Tief.
Was der Zigzag NICHT kann.
Es kursieren zahlreiche „Zigzag-Trading-Strategien", die auf der Annahme basieren, dass der Indikator Wendepunkte vorhersagt. Das tut er nicht. Er identifiziert Wendepunkte nachträglich. Jeder Backtest, der ein Long-Signal an einem Zigzag-Tief setzt und einen Exit an einem Zigzag-Hoch, hat per Konstruktion 100 % Hit-Rate — weil er aus der Zukunft weiß, wo die Hochs und Tiefs liegen.
Diese Backtests sehen spektakulär aus. Sie sind wissenschaftlicher Unsinn. Wer eine solche Strategie kauft oder lizenziert, kauft Lookahead-Bias in schöner Verpackung. In meiner Praxis sehe ich diese Falle bei Mandanten regelmäßig — meist von externen Anbietern eingekauft, mit „95 % Hit-Rate" beworben, in Live-Trading dann sofort zerlegt.
Ehrliche Empfehlung: nutzen für Analyse, NIE für Live-Trades.
Der Zigzag ist ein hervorragendes Analyse-Tool. Ich nutze ihn selbst regelmäßig, wenn ich für Mandanten strukturelle Marktanalysen mache — Identifikation von Swing-Hochs und -Tiefs für Fibonacci-Zonen, Pattern-Erkennung in historischen Charts, formale Trend-Definition. Im Backtest verwende ich ihn nur dann, wenn ich nachweisen kann, dass ich ausschließlich mit bestätigten (also älteren) Pivots arbeite und der letzte Pivot mindestens eine vollständige Gegenbewegung hinter sich hat.
Für Live-Signale: nie. Wenn Sie irgendwo eine Strategie sehen, die direkt auf Zigzag-Pivots handelt, prüfen Sie zwei Dinge: Erstens, wird strikt nur mit bestätigten Pivots gearbeitet (also mit Verzögerung)? Zweitens, ist das Out-of-Sample-Verhalten sauber dokumentiert? Wenn die Antwort auf eine der beiden Fragen unklar ist, ignorieren Sie das Setup.
Der Zigzag ist eines der nützlichsten Werkzeuge in der technischen Analyse — und eines der gefährlichsten, wenn man die methodischen Grenzen ignoriert. Wer ihn als das einsetzt, was er ist (Analyse-Tool), gewinnt klare strukturelle Einblicke. Wer ihn als das einsetzt, was er nicht ist (Trade-Indikator), verliert Geld.
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