Morning Star und Evening Star: 3-Bar-Reversal-Klassiker.
Morning Star und Evening Star gehören zum Standardrepertoire jedes Candlestick-Buchs. Drei Bars, eine klare Geschichte: Trend, Unentschlossenheit, Wende. Die Realität ist differenzierter — vor allem in einer Marktumgebung, in der Gaps zwischen Bars seltener geworden sind als in Nisons Originalbeispielen.
Die formale Definition.
Morning Star (bullish, am Ende eines Down-Trends):
- Bar 1: große Bear-Candle, klarer Down-Trend-Body.
- Bar 2: kleiner Körper (Bull oder Bear), idealerweise mit Gap-Down zur Bar 1.
- Bar 3: große Bull-Candle, schließt mindestens in die obere Hälfte der Body von Bar 1.
Evening Star ist das exakte Spiegelbild am Ende eines Up-Trends — große Bull, kleine Indecision-Body, große Bear-Candle, die deep in die ursprüngliche Bull-Body schließt.
Die Gap-Frage.
In Nisons Originalliteratur (japanische Reisterminkontrakte) waren Gaps zwischen aufeinanderfolgenden Sitzungen normal. In modernen 24/5-Forex- oder 24/7-Krypto-Märkten sind Gaps die Ausnahme. Auch im US-Aktienhandel werden Gaps häufig schnell geschlossen. Die formale Bedingung „Bar 2 öffnet mit Gap unter Bar 1“ wird in der Praxis selten buchstabengetreu erfüllt.
Meine pragmatische Lösung: zwei Definitionen, eine strenge (klassisch mit Gap) und eine relaxierte (Bar-2-Body komplett unterhalb der Bar-1-Body, ohne Gap-Pflicht). Die relaxierte Variante findet mehr Kandidaten, hat aber niedrigere Trefferquote. Welche man verwendet, hängt vom Markt und Timeframe ab.
# Morning Star — relaxierte Variante
def morning_star(bars, body_min=0.6, small_max=0.3):
a, b, c = bars[-3], bars[-2], bars[-1]
rng = lambda x: x.high - x.low
body = lambda x: abs(x.close - x.open)
body_ratio = lambda x: body(x) / rng(x) if rng(x) > 0 else 0
if not (a.close < a.open and body_ratio(a) >= body_min): return False
if not (body_ratio(b) <= small_max): return False
if not (c.close > c.open and body_ratio(c) >= body_min): return False
return c.close >= (a.open + a.close) / 2
Volume-Bestätigung.
Das Volume-Muster ist Bestandteil der Original-Lehre und sollte auch in der algorithmischen Detection enthalten sein:
- Bar 1: normales bis erhöhtes Volume (Trend-Fortsetzung).
- Bar 2: niedriges Volume (Erschöpfung des Trends, Indecision).
- Bar 3: deutlich erhöhtes Volume (mindestens 1,3-faches 20-Tage-Durchschnittsvolumen).
Die Volume-Bedingung in Bar 3 verbessert die Trefferquote von Morning Star in der Regel spürbar — sie gehört zu den wirksamsten einzelnen Filtern für dieses Pattern.
Statistische Performance.
Bulkowski meldet für Morning Star eine Reversal-Rate von ca. 78 %, für Evening Star ca. 72 %. Diese Werte gelten ohne Berücksichtigung von Transaktionskosten und Slippage. Ein illustratives Rechenbeispiel (keine Messwerte) zeigt die Größenordnung, wenn Kosten und Filter berücksichtigt werden:
| Setup | Hit-Rate | Avg R/R | Profit-Faktor |
|---|---|---|---|
| Morning Star (relaxiert, rein) | 54 % | 1.3 | 1.27 |
| Morning Star (mit Gap, strikt) | 62 % | 1.5 | 1.71 |
| MS + Volume-Filter + Down-Trend | 65 % | 1.7 | 2.04 |
| Evening Star + Volume + Up-Trend | 59 % | 1.5 | 1.69 |
Die Asymmetrie zwischen Morning Star und Evening Star ist konsistent in fast allen Studien: bullische Reversal-Patterns funktionieren in Aktien-Indizes besser als bearische. Das ist kein Zufall — Aktien-Märkte haben einen statistischen Drift nach oben, der bullischen Setups einen Vorteil verschafft.
Algorithmische Detection in der Praxis.
Drei Punkte, die in der Live-Implementierung wichtig sind:
- Bestätigung erst auf Close von Bar 3. Das Pattern ist erst nach Schluss der dritten Bar abgeschlossen. Eintritt frühestens auf Open von Bar 4 (oder dem Folgetag bei Daily-Charts).
- Strenge Body-Ratios. Bar 1 und Bar 3 brauchen kräftige Bodies (mindestens 60 % der Range). Bar 2 muss klein sein (maximal 30 % der Range). Wer die Toleranzen lockert, verwässert das Signal schnell.
- Trend-Kontext per ADX oder SMA. Morning Star nur in einem etablierten Down-Trend handeln (z. B. ADX > 20, Preis unter SMA-50). Ohne Trend keine Reversal — und ohne Reversal kein Edge.
Backtest-Notizen.
Typische Ergebnisse auf drei Universen — S&P-500-Aktien (Daily), EUR/USD (4H und Daily) und BTC/USD (4H):
- Aktien-Daily: stärkster Effekt, vor allem Morning Star.
- EUR/USD 4H: schwacher Effekt, selbst mit Filtern. Forex zeigt klassische Candlestick-Patterns weniger zuverlässig.
- BTC/USD 4H: oft überraschend solider Effekt, vermutlich weil Krypto-Märkte volatil genug sind, um die Body-Größen klar auszudifferenzieren.
Patterns sind nicht universell. Eine Strategie, die in Aktien funktioniert, kann in Forex versagen — und umgekehrt. Wer ohne Markt-spezifische Validierung handelt, verallgemeinert leichtfertig.
Meine ehrliche Bewertung.
Morning Star und Evening Star sind solide Reversal-Patterns mit einer der besseren statistischen Grundlagen unter den 3-Bar-Sequenzen. Sie sind nicht so selten wie Three White Soldiers, aber gut definiert und mit den richtigen Filtern handelbar. In Aktien und Krypto eignen sich beide als Hauptsignal, in Forex eher als Bestätigung neben anderen Signalen.
Wer Gaps in der Definition nicht aufweicht, findet weniger Kandidaten, hat aber sauberere Signale. Diese strenge Variante bevorzuge ich, wenn ich Pattern als Hauptsignal verwende. Die relaxierte Variante eignet sich für ein breiteres Screening, dem dann zusätzliche Filter folgen. Beides hat seinen Platz — solange man die Trade-offs kennt.
Stand: Mai 2026, überarbeitet Oktober 2026. Angaben zu Produkten, Preisen, Gesetzen und Fristen können sich seitdem geändert haben; maßgeblich sind die aktuellen Angaben der Anbieter und Behörden.
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