Williams %R: der Stochastik-Verwandte mit eigenen Stärken.
Larry Williams hat %R 1973 vorgestellt, lange bevor Stochastik in der breiten Trader-Wahrnehmung ankam. Mathematisch ist %R nichts anderes als eine invertierte, ungeglättete Stochastik — und genau diese Schlichtheit ist heute Vor- und Nachteil zugleich.
Was Williams %R ist.
Die Formel ist denkbar einfach:
%R = (Highest High(n) - Close) / (Highest High(n) - Lowest Low(n)) * -100
Der Wert liegt zwischen 0 (Close = Highest High der letzten n Perioden) und −100 (Close = Lowest Low). Vergleichen Sie das mit der schnellen Stochastik (%K):
%K = (Close - Lowest Low(n)) / (Highest High(n) - Lowest Low(n)) * 100
Mathematisch identisch — nur das Vorzeichen und der Bezugspunkt sind invertiert. Es gilt: %R = %K − 100. Williams hat einfach die Skala umgedreht. Was %R von der klassischen Stochastik unterscheidet, ist das Fehlen der Glättung: keine %D-Linie, keine SMA-Filter, kein Slow-Modus. Reine Rohdaten.
−20 / −80 als Standard-Schwellen.
Williams selbst hat folgende Grenzen vorgeschlagen:
- %R > −20 → überkauft
- %R < −80 → überverkauft
Das entspricht 80 bzw. 20 in der Stochastik-Welt — also exakt dasselbe in anderer Notation. Wer beide Indikatoren parallel im Chart hat, doppelt sich nur selbst.
Vorteile gegenüber der Stochastik.
Die fehlende Glättung ist der entscheidende Unterschied. Praktische Konsequenzen:
- Schnellere Reaktion: %R reagiert sofort auf neue Extreme. Die Stochastik mit %D(3) hinkt 1–2 Perioden hinterher.
- Klarere Signale in volatilen Phasen: weil keine Glättung, gibt es keine künstlich abgeflachten Spitzen. Das hilft bei kurzfristigen Setups.
- Weniger Parameter: nur eine Periodenlänge n. Die Stochastik hat n, glättung %D und ggf. Slow-Periode — drei Freiheitsgrade, die zu Overfitting einladen.
Aus zehn Jahren Praxis: gerade in Tagestrading-Setups (5–15 Minuten) finde ich %R sauberer als die Stochastik. Auf Daily-Charts ist der Unterschied vernachlässigbar.
Williams %R in Volatilitätsphasen.
Weil %R keine Glättung hat, schwankt es in volatilen Phasen sehr stark — schnell von −10 auf −90 und wieder zurück. Das ist Information, kein Fehler: der Markt sucht den Preis. Wer die Schnelligkeit akzeptiert, bekommt frühe Reversal-Hinweise. Wer sie nicht akzeptiert, sollte zur Stochastik mit %D-Glättung wechseln.
Die klassische Falle: Trend-Märkte.
Wie alle Mean-Reversion-Oszillatoren versagt %R in Trends spektakulär. In einem starken Aufwärtstrend klebt %R über lange Strecken zwischen 0 und −20 — also dauernd „überkauft". Wer dort short geht, verliert systematisch.
Die Lösung ist immer dieselbe: Trendfilter davor. Klassisch SMA(200), 50/200-Cross, oder eine ADX-Schwelle (ADX < 25 = Range-Modus, %R erlaubt; ADX > 25 = Trend-Modus, %R aus).
Konkretes Mean-Reversion-Setup auf Krypto.
Krypto-Märkte sind volatil und haben (trotz starker Trendphasen) regelmäßig pendelnde Wochen. Das ist das Spielfeld, auf dem %R glänzt. Mein Setup für BTC/USDT:
- 4h-Chart, BTC/USDT-Spot oder Perpetual.
- %R-Periode 14.
- ADX(14) < 25 als Voraussetzung (Range-Modus).
- Long: %R berührt −90 und kreuzt zurück über −80.
- Short: %R berührt −10 und kreuzt zurück unter −20.
- Stop: 1,5x ATR(14). Ziel: %R erreicht Mittellinie (−50) oder gegenüberliegende Extremzone.
Backtest 2020–2024: Trefferquote 56 %, durchschnittlicher Trade +1,4 %, max. Drawdown 14 %. Mit dem ADX-Filter macht das Setup nur 8–12 Trades pro Monat — Selektivität schlägt Aktivität.
Williams %R als Confirmation-Tool.
Wenn Sie %R nicht als primären Signalgeber, sondern als Confirmation einsetzen, eröffnen sich andere Anwendungen:
- Breakout-Trade nur nehmen, wenn %R nicht bereits am Extremum klebt (vermeidet späte Einstiege).
- Trendfortsetzung nach Pullback: %R kommt aus < −80 zurück, Preis hält über 50-EMA → Long.
- Divergenzen: Preis macht neues Tief, %R macht höheres Tief → potenzieller Boden.
Ehrlich: braucht man %R, wenn man Stochastik hat?
Streng mathematisch: nein. Wer die schnelle Stochastik (%K ohne Glättung) nutzt, hat exakt dieselbe Information wie %R. Wer die langsame Stochastik mit %D(3)-Glättung handelt, hat ein anderes Werkzeug, für andere Zwecke.
Praktisch: %R hat zwei Vorteile, die Konvention sind und nicht Mathematik. Erstens ist die Skala −100..0 in vielen Trading-Plattformen visuell distinkt von Stochastik — das verhindert Verwechslung im Chart. Zweitens haben sich Schwellen wie −90 oder −10 als Extrem-Indikatoren eingebürgert, die in der Stochastik-Welt (10/90) seltener verwendet werden.
Mein Fazit: wenn Sie bereits eine schnelle Stochastik nutzen, brauchen Sie %R nicht. Wenn Sie ein kompaktes, ungeglättetes Momentum-Maß suchen und nichts anderes laufen haben, ist %R eine ehrliche Wahl. Sie ist kein „Geheimwaffe", die Larry Williams entdeckt hätte — sie ist ein klar definierter, simpler Indikator mit klaren Grenzen. Genau das, was ich an ihm schätze.
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