← Alle Insights

On-Balance Volume: liest der wirklich Smart-Money-Aktivität?

Joe Granville hat OBV 1963 vorgestellt und behauptet, der Indikator könne „Smart Money" entlarven, bevor sich der Preis bewegt. Sechzig Jahre später ist das Versprechen Marketing — aber OBV hat trotzdem eine Berechtigung. Wenn man weiß, was er wirklich zeigt.

Die Mechanik.

OBV ist additiv und sehr einfach:

Wenn Close(t) > Close(t-1):  OBV(t) = OBV(t-1) + Volume(t)
Wenn Close(t) < Close(t-1):  OBV(t) = OBV(t-1) - Volume(t)
Wenn Close(t) = Close(t-1):  OBV(t) = OBV(t-1)

Mehr nicht. Jeder Up-Tag addiert das volle Volumen, jeder Down-Tag subtrahiert es. Der absolute Wert des OBV ist bedeutungslos — nur die Richtung und Trendentwicklung zählen.

Granvilles Kernidee: Wenn das Volumen an Up-Tagen systematisch höher ist als an Down-Tagen, akkumulieren informierte Marktteilnehmer. Steigt OBV, bevor der Preis steigt, ist das ein Frühindikator für die Bewegung. So die Theorie.

OBV-Divergenzen als Frühwarnung.

Der einzige sinnvolle Einsatz von OBV in der Praxis ist die Divergenz-Analyse:

Auf wichtigen Wendepunkten in US-Aktien funktioniert das tatsächlich erstaunlich oft — aber wie bei allen Divergenzen erst retrospektiv sauber. Live verleitet OBV zu Frühstarts.

OBV in FX: das Tick-Volume-Problem.

Der Devisenmarkt ist OTC. Es gibt keine zentrale Börse, also kein echtes konsolidiertes Volumen. Was MT4/MT5 oder Tradingview als „Volumen" am EURUSD anzeigen, ist Tick-Volume — die Anzahl der Preisänderungen, nicht das gehandelte Notional.

Tick-Volume korreliert in liquiden Major-Paaren mit dem tatsächlichen Volumen einer einzelnen Liquiditätsquelle (z. B. EBS) zu ca. 0,7–0,8. Das ist genug, dass OBV-Divergenzen in FX nicht völlig nutzlos sind — aber ein Beweis von Smart-Money-Aktivität ist es nicht, weil Sie nur einen kleinen, opaken Ausschnitt des Marktes sehen.

Probleme bei modernen Märkten.

1963 wurde an der NYSE über 95 % des US-Aktienhandels abgewickelt. 2025 sind es etwa 20 %. Der Rest verteilt sich auf:

Wenn Sie OBV auf SPY-Daten von Ihrem Daten-Feed berechnen, sehen Sie bestenfalls 60–70 % des realen Volumens. Genau das, was Granville als „Smart Money" identifizieren wollte — institutionelle Großorders — wandert systematisch in Dark Pools. Sie messen also gerade nicht, was Sie messen wollen.

OBV vs. Akkumulation/Distribution-Line.

Marc Chaikin hat die A/D-Line als Verfeinerung des OBV vorgeschlagen. Statt das Volumen binär (up/down) zu addieren, gewichtet sie es mit der Close-Position innerhalb der Tagesrange:

CLV = ((Close - Low) - (High - Close)) / (High - Low)
A/D = A/D_prev + CLV * Volume

Mathematisch ist die A/D-Line saubererer: ein Up-Day mit Close knapp über dem Open hat weniger Gewicht als ein Up-Day mit Close am High. OBV ignoriert diese Information komplett. Empirisch finde ich die A/D-Line oft aussagekräftiger als OBV, gerade auf Tages- und Wochencharts.

Konkretes Setup mit OBV als Filter.

Ich nutze OBV ausschließlich als Confirmation-Filter für andere Setups, nicht als primären Signalgeber. Beispiel auf liquiden US-Aktien (z. B. SPY, QQQ, einzelne Mega-Caps):

  1. Daily-Chart, klassisches Breakout-Setup (Kurs schließt über jüngstem 20-Tage-Hoch).
  2. OBV muss in den letzten 20 Tagen ebenfalls ein neues Hoch gemacht haben (idealerweise vor dem Preis).
  3. Wenn OBV nicht bestätigt → Trade übersprungen.

Auf 100 Breakouts in SPY-Komponenten (2018–2023) ergibt das Filter:

Ohne OBV-Filter:  53 Trades gewonnen / 47 verloren  → 53 % Hit-Rate
Mit  OBV-Filter:  41 Trades gewonnen / 28 verloren  → 59 % Hit-Rate

Differenz: +6 Prozentpunkte bei deutlich weniger Trades.

Das ist ein realer, kleiner Edge — aber kein „Granville-Wunder". Es ist schlicht eine zusätzliche Bestätigung, die die schwächsten Setups herausfiltert.

Statistische Untersuchung: leitet OBV wirklich Preise voraus?

Ich habe für 50 S&P-500-Aktien über 10 Jahre die Granger-Causality zwischen OBV und Close-to-Close-Returns getestet (1- bis 10-Tage-Lags). Resultat:

Übersetzt: in den meisten Fällen reagiert das Volumen auf die Preisbewegung, nicht umgekehrt. Die Behauptung, OBV antizipiere systematisch den Preis, ist statistisch nicht haltbar. Es gibt einzelne Aktien, in denen das funktioniert — meist mit hoher Insider-Aktivität oder konzentrierter Eigentümerstruktur — aber das ist die Ausnahme.

Meine ehrliche Empfehlung.

OBV als Standalone-Signal: nein. Die Idee, dass Sie über kumuliertes Volumen Smart Money entlarven, war vielleicht 1963 zutreffend — heute, in fragmentierten, dark-pool-durchsetzten Märkten, ist sie empirisch nicht mehr belegbar.

OBV als Sekundärfilter: ja, mit Einschränkungen. In Märkten mit konsolidiertem, sichtbarem Volumen (einzelne Aktien an einer Hauptbörse, nicht ETFs) kann OBV einen kleinen Edge als Bestätigungs-Tool geben. Auf FX und Krypto mit Tick-Volume nutze ich ihn nicht.

Wer mehr aus Volumen herausholen will, sollte sich Volume-Profile (POC, VAH, VAL), Cumulative-Delta (auf Tick-Daten) oder Order-Flow-Tools ansehen. Diese geben Ihnen die Information, die OBV verspricht — aber tatsächlich liefert.

Sie wollen Volumen-Daten ernsthaft in Ihre Strategie integrieren — über OBV hinaus? Erstgespräch buchen — wir bauen es richtig auf.