Volatility Skew Trading: warum OTM-Puts mehr IV haben als OTM-Calls.
In einer idealen Black-Scholes-Welt hätten alle Strikes derselben Laufzeit dieselbe implizite Volatilität. In der Realität ist das nie der Fall — und der Unterschied zwischen den Strikes, der Skew, ist eine der konstantesten Marktstrukturen überhaupt. Über Reverse-Skew, Smile, Sticky-Strike-Verhalten und konkrete Skew-Trades auf den S&P 500.
Was Skew überhaupt ist.
Die implizite Volatilität (IV) einer Option ist keine einzelne Zahl — sie hängt vom Strike ab. Plottet man IV gegen Strike (oder Delta) bei fester Laufzeit, ergibt sich eine Kurve. Diese Kurve heißt Volatility Skew, der Unterschied der IV zwischen verschiedenen Strikes der Skew-Wert. Üblich ist der 25-Delta-Skew: IV des 25-Delta-Puts minus IV des 25-Delta-Calls.
Bei Aktienindizes wie dem S&P 500 ist dieser Wert fast immer positiv. OTM-Puts haben mehr IV als OTM-Calls — oft 5 bis 10 Vola-Punkte mehr. Das ist die Form, die Praktiker als Reverse-Skew bezeichnen: links (Puts) hoch, rechts (Calls) flach.
Reverse-Skew bei Equities — und warum.
Vor dem Oktober 1987 existierte der Reverse-Skew so nicht. Die Optionspreise lagen ungefähr auf einer flachen Kurve. Der Crash am 19. Oktober 1987 hat das beendet. Seitdem preist der Markt Krasch-Risiko strukturell ein — auch in ruhigsten Phasen. Drei Erklärungen werden in der Literatur regelmäßig genannt:
- Crashophobia: Marktteilnehmer kaufen Puts als Versicherung gegen Crashes. Die Nachfrage nach OTM-Puts ist strukturell hoch, das treibt die IV.
- Leverage-Effekt: fällt eine Aktie, steigt das Verschuldungs-Ratio Equity/Debt, das Equity wird mechanisch volatiler. Realisierte Vola steigt mit fallendem Preis — und Optionen preisen das ein.
- Korrelations-Anstieg in Krisen: in Crashes geht alles synchron. Index-Optionen müssen diese gestiegene Korrelation einpreisen, vor allem auf der Downside.
Empirisch ist der dritte Punkt am stärksten. Index-Skew ist deutlich ausgeprägter als der Skew einzelner Aktien — exakt weil Index-Optionen die Korrelations-Wette mittragen.
Smile statt Skew: FX und Commodities.
Bei Aktienindizes ist die Kurve einseitig schief. Bei FX und vielen Rohstoffen sieht sie anders aus — beide Seiten sind teurer als die Mitte. Das ist der klassische Volatility-Smile: ATM-IV ist niedriger als OTM-IV auf beiden Seiten.
Warum? Bei EUR/USD oder USD/JPY gibt es kein offensichtliches "Crash"-Szenario nur in eine Richtung. Beide Seiten haben Tail-Risiken: Zentralbank-Interventionen, geopolitische Schocks, Risk-Off-Bewegungen. Bei Gold ist es ähnlich — sowohl extreme Risk-Off-Käufe als auch Liquidations-Verkäufe sind möglich. Der Smile reflektiert symmetrische Tail-Verteilungen.
Bei einzelnen Commodities — Crude Oil, Natural Gas — kann der Smile asymmetrisch werden, manchmal sogar als Forward-Skew: OTM-Calls teurer als OTM-Puts. Das tritt typischerweise auf, wenn Versorgungsengpässe oder Squeeze-Risiken auf der Upside drohen.
Skew-Trading: Risk-Reversal als Basisinstrument.
Wer Skew handeln will, braucht einen Trade, der gegen den Skew gerichtet ist und das Delta minimiert. Der Klassiker ist der Risk-Reversal: gleichzeitig einen OTM-Put verkaufen und einen OTM-Call kaufen (oder umgekehrt). Bei gleichem Delta beider Seiten ist die Netto-Position weitgehend Delta-neutral und reine Skew-Wette.
# Long-Skew-Trade (Wette: Skew steigt, d.h. Puts werden teurer) short_call_25d = sell SPX 4700C @ IV 14.5 long_put_25d = buy SPX 4300P @ IV 19.0 # Skew aktuell: 19.0 - 14.5 = 4.5 Vola-Punkte # Steigt Skew auf 7.0: Put wird relativ teurer, Position gewinnt # Fällt Skew auf 2.0: Call wird relativ teurer, Position verliert # Delta wird täglich durch SPX-Futures geneutralisiert # P&L kommt rein aus Vega/Skew-Bewegung
Sticky-Strike vs. Sticky-Delta.
Ein praktisches Detail, das in Lehrbüchern oft fehlt, in der Realität aber jeden Trade beeinflusst: wie verhält sich die Skew-Kurve, wenn der Spot sich bewegt?
Im Sticky-Strike-Regime bleiben die IVs der einzelnen Strikes konstant, wenn der Spot wandert. Der ATM-Strike ändert sich — die Kurve scheint sich also relativ zu ATM zu verschieben. Im Sticky-Delta-Regime (auch Sticky-Moneyness genannt) bleibt die IV als Funktion von Delta (oder Moneyness) konstant. Die Kurve wandert mit dem Spot mit.
In ruhigen Phasen herrscht meistens Sticky-Strike. In Krisen kippt der Markt in Sticky-Delta — die gesamte Vola-Oberfläche verschiebt sich. Das hat enorme Konsequenzen für Hedges: wer einen Hedge auf Sticky-Strike-Annahme aufgebaut hat, wird in der Krise auf dem falschen Fuß erwischt.
Konkrete Strategie: Skew-Mean-Reversion bei SPX.
Der CBOE-SKEW-Index misst den Skew-Wert für 30-Tage-Optionen auf den S&P 500. Historisch oszilliert er zwischen 115 und 150. Extreme Werte über 145 deuten auf erhöhte Crash-Wahrscheinlichkeit im Optionsmarkt hin — und neigen historisch zur Mean-Reversion.
Ein einfaches Setup: wenn SKEW-Index über 145, verkaufe Long-Skew (verkaufe Risk- Reversal, d. h. kaufe Calls / verkaufe Puts). Wenn SKEW unter 115, kaufe Long-Skew (kaufe Risk-Reversal). Beide Trades werden Delta-gehedgt mit SPX-Futures gehalten, etwa 20 bis 30 Tage.
Im Backtest seit 2010 liefert dieses Setup eine positive Erwartung mit Sharpe um 0,7 bis 1,0 — nicht spektakulär, aber dekorreliert zu klassischen Aktien-Strategien. Die Trades sind nicht häufig (vielleicht 8 bis 12 pro Jahr), dafür gut planbar.
Caveat: Skew kann jahrelang extrem bleiben.
Wer Skew als Mean-Reversion-Wette aufsetzt, sollte sich daran erinnern, dass "extrem" jahrelang extrem bleiben kann. Nach 2008 war der SPX-Skew über lange Phasen erhöht. Nach 2020 dauerte es Monate, bis er sich normalisierte. Während COVID stieg er auf Werte, die historische Bands sprengten.
Mean-Reversion-Setups auf Skew funktionieren nur, wenn das Sizing klein genug ist, um lange Phasen gegen die Position auszuhalten. Wer das ignoriert, gerät in den klassischen Trade-the-Tail-Fehler: jahrelang kleine Gewinne, dann ein einzelner Schock, der die kumulierten Gewinne mehrfach wieder einsammelt.
Meine Praxis: Skew als Risk-Off-Indikator.
Ich handle Skew nicht primär als eigenständige Strategie. Bei mir läuft er als Indikator: steigt der Skew innerhalb weniger Tage stark an, ohne dass der VIX-Spot mitzieht, ist das ein Risk-Off-Frühsignal. Der Markt fängt an, sich gegen Downside zu versichern, lange bevor die realisierte Vola anzieht.
Konkret beobachte ich drei Werte: CBOE-SKEW, 25-Delta-Risk-Reversal auf SPX und VIX-Term-Structure. Wenn alle drei gleichzeitig in Stress-Richtung kippen, reduziere ich Brutto-Exposure in den anderen Sleeves. Das ist kein Trading-Setup, sondern Risiko-Management — aber es hat in den letzten Jahren mehrfach geholfen, vor Drawdowns kurzfristig defensive zu werden.
Skew ist eines der subtileren Werkzeuge im Optionsmarkt. Wer ihn versteht, sieht den Markt mehrdimensional. Wer ihn ignoriert, handelt blind auf der Vola-Oberfläche.
Sie wollen Skew-Indikatoren in Ihr Risiko-Management integrieren? Erstgespräch buchen — wir schauen, wie sich Skew als Frühwarnsignal in Ihr Setup einfügen lässt.