Spinning Tops: das Gegenstück zu Marubozus.
Wenn der Marubozu die sauberste Trendkerze ist, ist der Spinning Top sein Gegenstück: kleiner Body, lange Wicks auf beiden Seiten — eine Tageskerze, die nach erbittertem Hin und Her dort schließt, wo sie ungefähr eröffnet hat. Indecision in Reinform. Das macht den Spinning Top zu einem schwierigen Pattern: als Stand-Alone-Trigger nahezu wertlos, im richtigen Kontext jedoch ein präziser Filter und gelegentlich ein Reversal-Frühwarner.
Definition.
Ein Spinning Top hat per Definition einen kleinen Body relativ zur Range und in etwa symmetrische Wicks oberhalb und unterhalb. Die Farbe (bullish/bearish) ist zweitrangig — wichtig ist die Struktur der Kerze.
range = high - low
body = abs(close - open)
upper = high - max(open, close)
lower = min(open, close) - low
is_spinning_top =
body / range <= 0.35 # kleiner Body
and upper / range >= 0.25 # spürbarer oberer Docht
and lower / range >= 0.25 # spürbarer unterer Docht
and abs(upper - lower) / range <= 0.20 # annähernd symmetrisch
and range >= 0.8 * ATR20 # nicht zu klein
Die Symmetrie-Anforderung ist entscheidend. Ohne sie würden auch Hammer- und Shooting-Star-Kandidaten in den Topf fallen — beides sind einseitige Strukturen mit anderer Bedeutung.
Was die Kerze über den Tag sagt.
Ein Spinning Top ist eine Tageskerze, in der weder Käufer noch Verkäufer die Kontrolle behalten konnten. Beide Seiten haben Vorstöße gewagt — sichtbar in den Wicks — und sind jeweils auf Gegendruck gestoßen. Der Schluss in der Mitte ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer ausgewogenen Auktion.
Das macht den Spinning Top zu einem klaren Indecision-Signal. Er sagt: „Hier passiert gerade nichts Eindeutiges." Was daraus folgt, hängt zu 100 % vom Kontext ab — und das ist der entscheidende Unterschied zum Marubozu, der bereits für sich genommen eine Information trägt.
Kontext-Wichtigkeit: Trend-Pause vs. Reversal-Frühwarnung.
Spinning Tops haben zwei sehr unterschiedliche Bedeutungen, je nachdem, wo sie auftreten:
- Mitten in einem etablierten Trend: Indecision = Trend-Pause. Der Trend macht eine Atempause, bevor er sich fortsetzt. Statistisch tritt nach Spinning Tops in trendstarken Phasen häufig eine 1–3-Tage-Konsolidierung auf, gefolgt von Continuation. Kein eigener Trade-Trigger.
- An einem Extremwert nach längerem Trend: Indecision = potenzielle Trendwende. Die einseitige Kraft, die den Trend getragen hat, lässt nach. Hier ist der Spinning Top eine Frühwarnung, kein Reversal-Signal. Erst eine bestätigende Folgekerze (z. B. Engulfing) macht daraus ein Trade-Setup.
- In einer Range: Spinning Tops in Range-Mitte sind Lärm. Nahe der Range-Grenzen sind sie hingegen interessant, weil sie typische Fehlausbrüche signalisieren.
Die mechanische Anwendung „Spinning Top = Reversal" funktioniert nicht. Wer das backtestet, bekommt einen Profit-Faktor um 1,0 — schlicht Zufallsrauschen.
Volume-Konfirmation.
Ein häufig unterschätzter Aspekt. Spinning Tops auf hohem Volumen haben eine andere Bedeutung als auf niedrigem. Hohes Volumen + Indecision-Struktur deutet auf einen aktiven Übergang hin: viel Hand-Wechsel bei einem Preis, der sich kaum bewegt. Das ist die Auktionssignatur einer Verteilungs- oder Akkumulationsphase und häufig ein guter Reversal-Hinweis im richtigen Kontext.
Niedrigvolumen-Spinning-Tops sind dagegen meist einfach uninteressant — wenig Beteiligung, wenig Information. Filter: nur Spinning Tops berücksichtigen, deren Volumen mindestens dem 20-Tage-Schnitt entspricht. Optimal: > 1,5× Schnitt an Extremwerten.
Konkrete Setups.
Setup 1: Reversal-Frühwarnung am Trend-Ende
- Bestehender Trend mind. 15 Bars, Preis im obersten/untersten Quintil der 60-Tage-Range.
- RSI(14) > 70 (für bearish) bzw. < 30 (für bullish).
- Spinning Top mit Volumen > 1,5× 20d.
- Trade-Trigger: Bestätigungskerze am Folgetag (Engulfing oder starker Schlusskurs gegen den Trend).
- Entry: Close der Bestätigungskerze. Stop: Hoch (bzw. Tief) des Spinning Top.
- Target: erstes signifikantes Swing-Niveau oder 1× ATR-Vielfaches.
Setup 2: Spinning Top als Filter für Breakouts
Direkt vor einem Breakout-Versuch ist ein Spinning Top ein Warnsignal: die unmittelbare Vor-Stimmung ist ambivalent. Konsequenz: Breakout-Trades nach einem Spinning Top am Vortag erst eingehen, wenn der Breakout-Tag selbst klar bestätigt (Range > 1,2 ATR, Schluss im oberen/unteren Drittel der Range).
Setup 3: Mehrfach-Cluster als Übergangssignal
Zwei oder drei Spinning Tops in Folge sind selten, aber aussagekräftig. Eine solche Cluster-Bildung tritt fast immer in Übergangszonen auf — entweder am Ende eines Trends oder als Mid-Range-Konsolidierung in einem größeren Pattern. Direkt handeln lässt sich das nicht, aber als Vorbereitung für den nächsten klaren Move ist es Gold wert.
Ehrliche Bewertung.
Spinning Tops sind ein klassisches Beispiel für ein Pattern, das in der populären Literatur überverkauft wird. Allein gehandelt liefern sie keinen Edge. In jedem sauberen Backtest, den ich gefahren habe, landet eine mechanische Spinning-Top-Strategie bei Profit-Faktor 0,9–1,1 — also breakeven oder leicht verlierend nach Kosten.
Ihre Stärke liegt anderswo: als Kontextsignal, als Filter, als Vorbereiter für andere Setups. Wenn ich aus einem Trendfolge-Modell ein Continuation-Long-Signal bekomme, aber die letzte Tageskerze ein hochvolumiger Spinning Top am Range-Hoch ist, reduziere ich die Position oder warte. Wenn ich aus einem Mean-Reversion-Setup heraus einen Long an einer Unterstützung erwäge und genau dort ein Spinning Top mit Volumen entstanden ist, gehe ich aggressiver hinein. In dieser Rolle ist der Spinning Top wertvoll — aber als Trigger taugt er nicht.
Wer Candlestick-Analyse ernst nimmt, lernt mit Spinning Tops einen wichtigen Mechanismus: nicht jedes Pattern muss Action erzeugen. Manche Patterns sind dazu da, Inaktivität zu rechtfertigen — und das ist eine Disziplin, die im Trading deutlich seltener gewürdigt wird als sie es verdient.
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