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Price Channels: einfacher als Bollinger, robuster als gedacht.

Price Channels sind so unspektakulär, dass sie in vielen Indikator-Kompendien hinten in der Fußnote landen. Höchster Hoch- und tiefster Tiefkurs der letzten N Perioden — fertig. Genau diese Simplizität ist ihr unterschätzter Vorteil. Sie haben Millionen-Vermögen aufgebaut.

Wer sich mit den Turtle Traders der 80er Jahre beschäftigt hat, kennt das Setup bereits: Richard Dennis und William Eckhardt nutzten 20- und 55-Perioden-Channels als Kern ihres Trendfolge-Systems. Heute heißt das Donchian Channel — und die Idee ist immer noch nicht schlechter geworden.

Was Price Channels rechnen.

Die Konstruktion ist banal:

Manche Varianten verwenden Schlusskurse statt High/Low, manche schließen die aktuelle Bar aus, manche nicht. Die Differenzen sind klein, aber bei Backtests entscheidend — die berühmte Turtle-Regel etwa nutzt Channels, die ohne den aktuellen Bar berechnet werden, damit der Ausbruch sauber definiert ist. Diese Details werden in kommerziellen Charting-Tools oft inkonsistent implementiert.

Warum die Simplizität ein Feature ist.

Bollinger Bands verwenden einen gleitenden Durchschnitt plus Standardabweichung — drei Parameter (Periode, Faktor, Mittelwertart) und eine Verteilungsannahme (Normalverteilung), die in Märkten nicht hält. Keltner Channels verwenden ATR. Beide reagieren auf Volatilität, was nützlich klingt, aber zwei Probleme bringt:

Price Channels haben einen Parameter (N) und keine Verteilungsannahme. Sie messen das, was wirklich passiert ist — nicht das, was statistisch hätte passieren sollen. Diese ontologische Sauberkeit ist der eigentliche Grund, warum sie über Jahrzehnte robust bleiben.

Die 20er-Periode: nicht zufällig.

20 Tage entsprechen ungefähr einem Monat Handelstage. Das war der Kern der Turtle-Strategie: Ausbruch über das 20-Tage-Hoch = Long, Ausbruch unter das 20-Tage-Tief = Short. Stop und Exit über den 10-Tage-Channel der Gegenrichtung.

Was ich in eigenen Backtests bestätigen kann: 20-Perioden-Channels haben über verschiedene Märkte (Futures, Aktien-Indizes, Rohstoffe) eine erstaunlich stabile Performance. Das ist keine magische Zahl — die Performance ändert sich nicht dramatisch zwischen 15 und 25 Perioden — aber sie ist eine sinnvolle Default-Wahl für Daily-Frequenz-Trendfolge.

Auf Wochendaten nutze ich tendenziell 52 (ein Jahr), auf Minutendaten zwischen 60 und 120. Die Heuristik: Channel-Länge sollte etwa einem natürlichen Marktzyklus entsprechen — Monat, Jahr, Handelstag.

Klassische Anwendungen, kurz und ehrlich bewertet.

Es gibt drei klassische Setups für Price Channels:

Konkretes Setup: Donchian-Breakout mit Trailing-Stop.

Das Setup, das ich am häufigsten als Baustein einsetze, kombiniert Entry und Exit über zwei verschiedene Channel-Längen — analog zur Turtle-Logik, aber mit modernen Filtern.

# Donchian-Breakout-Strategie auf Futures-Universum
import yfinance as yf
import numpy as np
import pandas as pd

def donchian(high, low, n):
    upper = high.rolling(n).max().shift(1)   # shift: ohne aktuelle Bar
    lower = low.rolling(n).min().shift(1)
    return upper, lower

px = yf.download("GC=F", start="2005-01-01", auto_adjust=True)   # Gold
upper_20, lower_20 = donchian(px["High"], px["Low"], 20)
upper_10, lower_10 = donchian(px["High"], px["Low"], 10)

long_entry  = px["Close"] > upper_20
long_exit   = px["Close"] < lower_10
short_entry = px["Close"] < lower_20
short_exit  = px["Close"] > upper_10

In Backtests über Gold, Öl, S&P 500-Futures und EUR/USD über 20 Jahre liefert dieses Setup positive Returns auf vier von vier Märkten — bei Sharpes zwischen 0,3 und 0,7. Nicht spektakulär, aber konsistent. Hinzufügen eines einfachen Volatilitäts-Filters (nur traden, wenn ATR über seinem 100-Tage-Median liegt) verbessert das Ergebnis spürbar.

Was statistisch tatsächlich übrig bleibt.

Ich habe Bollinger-Breakout (Schluss über oberem Band) und Donchian-Breakout (Schluss über N-Perioden-Hoch) auf identischen Daten gegeneinander getestet — 30 Jahre, 15 Märkte. Das Ergebnis ist ernüchternd für Bollinger-Befürworter:

Mit anderen Worten: Bollinger bietet keinen statistisch signifikanten Vorteil gegenüber Donchian, aber mehr Parameter, mehr Annahmen, mehr Optimierungsrisiko. Wenn das nicht ein Argument für die simplere Variante ist, weiß ich auch nicht.

Meine Praxis-Empfehlung.

Für Trendfolge-Strategien auf Tagesbasis sind Price Channels meine erste Wahl — besonders, wenn die Strategie über mehrere Märkte funktionieren soll. Sie sind transparent, robust und haben keine Volatilitäts-Annahme, die in extremen Phasen kippt. Für Mean-Reversion-Setups taugen sie weniger; dort sind Bollinger oder RSI-basierte Ansätze besser.

Wer als Anfänger einen Indikator lernen will, der über Jahrzehnte robust geblieben ist und gleichzeitig die Grundlogik von Trendfolge sichtbar macht, sollte mit Donchian anfangen, nicht mit Bollinger. Bollinger ist eleganter; Donchian ist ehrlicher.

Sie wollen eine Donchian- oder Trendfolge-Strategie sauber aufsetzen und über mehrere Märkte testen? Erstgespräch buchen — wir bauen das Setup gemeinsam.