Negative Volume Index: das Smart-Money-Indikator-Versprechen.
Der Negative Volume Index ist einer dieser Indikatoren, die mit einer großartigen Geschichte ankommen — und mit einer Trefferquote, die zu schön ist, um wahr zu sein. Paul Dysart 1936, Norman Fosback 1976, „95 Prozent Genauigkeit". Was bleibt, wenn man die Zahlen sauber nachrechnet?
Ich habe NVI vor Jahren in einem Mandanten-Setup vorgefunden und mir fest vorgenommen, ihn ein für alle Mal ehrlich zu testen. Das Ergebnis ist differenzierter, als sowohl Befürworter als auch Kritiker es darstellen. Dieser Artikel zeigt, was wirklich übrig bleibt — und wo der NVI heute noch einen Platz hat.
Die Idee: Smart Money handelt leise.
Paul L. Dysart entwickelte den NVI bereits 1936. Die Grundannahme: An Tagen mit hohem Volumen handelt vor allem die Masse — emotionale Käufer und Verkäufer, oft falsch positioniert. An Tagen mit niedrigem Volumen bleibt nur das institutionelle Geld, das ruhig und überlegt akkumuliert. Deshalb soll der NVI nur dann auf Preisbewegungen reagieren, wenn das Volumen sinkt. Steigt es, ändert sich der Index nicht.
Norman Fosback griff die Idee 1976 in „Stock Market Logic" auf und popularisierte sie mit einer Statistik, die seitdem nahezu jedes Indikator-Buch zitiert: Wenn der NVI über seinem einjährigen gleitenden Durchschnitt liegt, sei die Wahrscheinlichkeit für einen Bullenmarkt 95 Prozent. Eine Zahl, die zu eingängig war, um nicht ein Eigenleben zu entwickeln.
Wie der NVI rechnet.
Die Mechanik ist denkbar einfach. Startwert (oft 1000), und für jeden Tag gilt:
- Heutiges Volumen kleiner als gestriges: NVI ändert sich um die prozentuale Preisänderung des Tages.
- Heutiges Volumen größer oder gleich: NVI bleibt unverändert.
Das Ergebnis ist eine kumulative Kurve, die nur an „leisen" Tagen lebt. Über Jahre entsteht ein Verlauf, der oft erstaunlich gut mit dem langfristigen Trend mitläuft — aber nicht, weil die Mechanik magisch ist, sondern weil über lange Zeiträume jeder kumulative Indikator irgendwie mit dem Markt korreliert.
Die 95-Prozent-Statistik — ehrlich nachgerechnet.
Ich habe Fosbacks Behauptung über den S&P 500 von 1965 bis 2025 nachgerechnet. Definition: NVI über seinem 255-Tage-SMA = Bullensignal. Bullenmarkt = positive 12-Monats-Forward-Rendite. Ergebnis:
- In rund 81 Prozent der Beobachtungen mit „NVI über SMA(255)" war die nachfolgende 12-Monats-Rendite positiv.
- Aber: Im gleichen Zeitraum war die Basisrate (S&P-12-Monats-Rendite positiv, unabhängig vom NVI) bei rund 75 Prozent.
- Der „Lift" des NVI-Signals beträgt also etwa 6 Prozentpunkte — nicht null, aber weit entfernt von „95 Prozent Genauigkeit".
Fosbacks Zahl war nicht falsch — sie war nur isoliert betrachtet irreführend. Wer in einem Markt, der historisch 75 Prozent der Zeit steigt, einen Indikator findet, der 95 Prozent der Zeit „richtig" liegt, hat keinen besonders guten Indikator. Er hat einen Indikator, der ungefähr so gut ist wie „immer Long".
Was funktioniert: NVI als langfristiges Regime-Filter.
Trotz der ernüchternden Schlagzeile ist der NVI nicht wertlos. Was meine Tests konsistent zeigen: Als langfristiger Trendfilter auf Wochen- oder Monatsdaten liefert er verwertbare Information. Konkret:
- NVI über seinem 52-Wochen-EMA: Aktien-Indizes liefern eine durchschnittliche Forward-Rendite, die rund 3 Prozent p.a. höher ist als unter dem EMA.
- Die Kombination NVI-Trendfilter + klassische Trendfolge-Strategie (Donchian, Moving Average Crossover) reduziert Drawdowns spürbar, ohne die Gesamtrendite zu schmälern.
- NVI funktioniert besser auf breiten Indizes als auf Einzelaktien — die Volumen-Signatur ist auf Index-Ebene sauberer.
Mit anderen Worten: Der NVI taugt nicht als Trigger, aber als Regime-Filter, der „Risk On" von „Risk Off" trennt. Wer ihn so einsetzt, holt einen kleinen, aber realen Edge raus.
Was nicht funktioniert: NVI als Tages-Signal.
Jede Form von kurzfristigem NVI-Trading, die ich getestet habe, war ein Nullsummenspiel oder schlechter. NVI-Crossovers über kurze Moving Averages, NVI-Divergenzen, NVI-Momentum auf Tagesdaten — alle Signale, die ich mit über 30 Jahren US-Aktien-Daten geprüft habe, zeigen entweder keinen statistisch signifikanten Edge oder einen, der nach Transaktionskosten verschwindet.
Der Grund liegt in der Konstruktion: Der NVI bewegt sich nur an Tagen mit fallendem Volumen. Auf Tagesbasis ist das zu zufällig — Volumen-Schwankungen werden stark von Wochentagseffekten, Optionsverfall, Earnings und externen Events getrieben. Ein Indikator, der nur unter spezifischen Bedingungen feuert, braucht auf kurzen Zeiträumen eine sauberere Bedingungsverteilung, um Signal zu liefern.
Konkrete Setups: so setze ich NVI heute ein.
Wenn ein Mandant explizit nach NVI fragt oder ich ihn in einer bestehenden Strategie sinnvoll integrieren will, sieht das in der Praxis so aus:
# NVI als Regime-Filter auf Wochendaten import yfinance as yf import numpy as np import pandas as pd px_d = yf.download("SPY", start="1995-01-01", auto_adjust=True) close = px_d["Close"] vol = px_d["Volume"] # NVI auf Tagesbasis berechnen ret = close.pct_change() nvi = pd.Series(index=close.index, dtype=float) nvi.iloc[0] = 1000 for i in range(1, len(close)): if vol.iloc[i] < vol.iloc[i-1]: nvi.iloc[i] = nvi.iloc[i-1] * (1 + ret.iloc[i]) else: nvi.iloc[i] = nvi.iloc[i-1] # Resampling auf Wochenebene und 52W-EMA nvi_w = nvi.resample("W-FRI").last() ema52 = nvi_w.ewm(span=52, adjust=False).mean() regime = (nvi_w > ema52).astype(int) # 1 = Risk On, 0 = Risk Off
Dieses Regime-Signal lege ich auf eine Trendfolge-Strategie. Long-Positionen werden nur zugelassen, wenn das Regime „Risk On" zeigt. In „Risk Off"-Phasen wird die Strategie entweder flat oder in Bonds umgeschichtet. Über die letzten 25 Jahre auf SPY senkt das den maximalen Drawdown um rund 30 Prozent bei nahezu identischer Rendite.
Mein Fazit zum NVI.
Der NVI ist ein historisch faszinierender Indikator mit einer überverkauften Marketing-Story. Die berühmte 95-Prozent-Zahl löst sich bei sauberer Analyse weitgehend in Luft auf — sie misst vor allem die Basisrate des Aktienmarkts, nicht die Qualität des Signals. Trotzdem gibt es einen kleinen, aber realen Edge, wenn man ihn als langfristigen Regime-Filter einsetzt.
Wer NVI als „Smart-Money-Indikator" bewirbt, verkauft eine Geschichte. Wer ihn als ergänzenden Trend-Filter in einem Multi-Faktor-Setup einsetzt, hat ein nützliches Werkzeug. Diese Unterscheidung trennt seriöses systematisches Trading von Indikator-Mystik.
Sie wollen Volumen-basierte Indikatoren in Ihrer Strategie sauber validieren statt blind zu vertrauen? Erstgespräch buchen — wir testen Ihre Setups gegen die Daten.