Global Carry Trades: die zweitälteste Quant-Strategie der Welt.
Nach Trend-Following ist Carry die älteste systematische Strategie der Finanzmärkte — und nach jeder Krise totgesagt. Die Mechanik: Long-Hochzins, Short-Niedrigzins, über Asset-Klassen hinweg. Die Prämie ist real, das Crash-Risiko ist real, und der Beitrag zu einem diversifizierten Portfolio kann erheblich sein. Aber nur, wenn man sie nüchtern dimensioniert.
Carry-Definition jenseits von FX.
Die intuitive Form ist der FX-Carry: Sie leihen sich Japanischen Yen zu rund 0,1 % und legen die Mittel in Australischen Dollar zu 4 % an. Wenn der Wechselkurs sich nicht ändert, ernten Sie 3,9 % p. a. Die akademische Definition ist allgemeiner: Carry ist die erwartete Rendite eines Assets, wenn alle Preise sich nicht ändern.
Diese Definition öffnet das Konzept für jede Asset-Klasse. Eine 10-Jahres-Anleihe mit Yield von 4 % bei einer Geldmarktrate von 2 % hat einen Carry von 2 % (vereinfacht). Eine verkaufte Aktien-Index-Option hat einen Carry über die Zeitwertabnahme. Eine Aktie mit 5 % Dividendenrendite minus 2 % Geldmarktzins hat einen Equity-Dividend- Carry von 3 %. Die Strategie ist immer dieselbe: Long-Hoher-Carry, Short-Niedriger- Carry, innerhalb einer Asset-Klasse.
Klassische FX-Carries — und warum sie seit 2022 weniger interessant sind.
Die historischen Brot-und-Butter-Carries waren AUD/JPY und NZD/JPY. Über drei Jahrzehnte lieferten sie 4–6 % p. a. mit moderater Volatilität — bis zur jeweiligen Krise. Seit 2022 hat sich das Bild gedreht: die Fed hat US-Zinsen aggressiv erhöht, der USD wurde zur High-Yield-Währung. Klassische Carries wie AUD/JPY funktionieren weiter, aber die historische Asymmetrie ist kleiner geworden.
Was bleibt: ein Cross-Sectional-FX-Carry über die G10-Währungen oder ein erweitertes Universum inklusive EM (MXN, BRL, ZAR, INR). Long die Top-3-Yielder, Short die Bottom-3, monatlich umgeschichtet. Die Brutto-Prämie liegt historisch bei rund 4–5 % p. a. bei Vola von rund 8–10 %, deutlich besser als ein einzelner Bilateral- Carry.
Andere Carry-Quellen.
- Anleihen-Carry (Term Premium): die Zinskurve ist normalerweise positiv geneigt. Lange Anleihen tragen mehr Yield als kurze. Cross-Sectional über Länder: Long-Steile-Kurven, Short-Flache-Kurven. AQR hat das ausführlich dokumentiert.
- Optionen-Carry (Volatility Risk Premium, VRP): implizite Volatilität liegt im Schnitt rund 3–4 Punkte über realisierter Volatilität. Systematisches Short-Volatility (Verkauf von Index-Optionen, Variance-Swaps) erntet diese Prämie. Klassiker, mit Tail-Risiko.
- Equity-Dividend-Carry: Long-Hoch-Dividenden-Aktien, Short-Niedrig-Dividenden-Aktien innerhalb eines Marktes. Funktioniert auf Cross-Sectional-Basis als Quality-naher Faktor.
- Commodity-Carry (Backwardation vs. Contango): Long-Rohstoffe in Backwardation, Short-Rohstoffe in Contango. Strukturelle Prämie aus Lagerkosten und Convenience-Yield.
AQRs Cross-Asset-Carry-Studie 2009.
Pedersen und Koautoren (AQR) zeigen in „Carry" (2009), dass dieselbe Logik in jeder der oben genannten Asset-Klassen statistisch eine signifikante Long-Short-Prämie liefert. Wenn man Carry-Strategien aus FX, Anleihen, Equities und Commodities kombiniert, ergibt sich ein Portfolio mit Sharpe von rund 0,7 bis 0,9 in den akademischen Backtests — deutlich besser als jede einzelne Komponente, weil die Drawdowns nur teilweise korreliert sind.
Wichtig: die akademischen Carry-Renditen sind brutto vor Transaktionskosten und Finanzierung. Real-world-Implementierungen (DB Currency Carry, Mount Lucas) liefern historisch eher 3–4 % p. a. nach Kosten, mit deutlich anderen Drawdown-Profilen als der Backtest.
Das klassische Crash-Risiko von Carry.
„Carry trades go up by the stairs and down by the elevator" — das berühmte Diktum. Es beschreibt das Risiko-Profil exakt:
- AUD/JPY im Oktober 2008: minus 40 % in acht Wochen. Globale Risiko-Aversion führte zur Liquidation aller Carry-Positionen gleichzeitig. Der Yen, in dem die Welt short war, schoss zurück.
- CHF-Peg-Removal Januar 2015: die Schweizerische Nationalbank gab den 1,20-EUR/CHF-Floor unerwartet auf. EUR/CHF fiel innerhalb von Minuten von 1,20 auf 0,85. Viele Retail-Broker gingen pleite, FXCM musste durch Notfinanzierung gerettet werden.
- EM-FX August 2015 und März 2020: jeweils zweistellige Verluste in EM-Carry-Positionen in wenigen Tagen, durch Risk-Off-Bewegung getriggert.
Strukturell verständlich: Carry ist ein Short-Volatility-Trade. Man wird für Stabilität bezahlt und verliert in Instabilität. Die Verteilung ist linksschief — viele kleine Gewinne, gelegentlich große Verluste. Sharpe Ratios täuschen.
Carry mit Risk-Filter — die ehrliche Implementierung.
Reine Carry-Strategien sind in der Praxis nicht haltbar. Zwei Filter machen die Strategie deutlich besser:
- Trend-Filter: ein Carry-Trade wird nur eingegangen, wenn die High-Yield-Währung nicht in einem Abwärtstrend ist (z. B. über 200-Tage-Linie). Das eliminiert die schlimmsten Crash-Episoden, in denen Carry und Trend gleichzeitig negativ sind.
- Vola-Skalierung: Positionsgröße invers zur realisierten Vola. In ruhigen Phasen größere Positionen, in turbulenten Phasen automatisch kleinere.
# Pseudocode: Carry mit Trend- und Vola-Filter
for currency in g10_currencies:
carry = interest_rate[currency] - interest_rate['USD']
trend = price[currency] - sma(price[currency], 200)
if trend > 0 and carry > 0:
signal = +1
elif trend < 0 and carry < 0:
signal = -1
else:
signal = 0
vol = realized_vol(returns[currency], 60)
weight = signal * (target_vol / vol)
# Rebalancing monatlich, Vola-Ziel 10 % p. a. Portfolio
Backtest 2003–2024 für ein gleichgewichtetes G10-Carry-Portfolio mit Trend- und Vola-Filter: Rendite rund 4,5 % p. a., Vola rund 8 %, Sharpe rund 0,55, Max-Drawdown rund 12 %. Ohne Filter: Sharpe rund 0,35, Max-Drawdown über 30 %.
Konkrete Implementierung für Retail.
Pure Carry-Strategien sind in der UCITS-Welt für Retail kaum direkt zugänglich — außer über FX-Broker mit entsprechendem Risiko. Es gibt aber zwei sinnvolle Vehikel:
- Multi-Strategie-CTAs: AQRs Style-Premia-Fonds (institutional, hohe Mindestanlage), für Retail einige UCITS-Vehikel wie Lyxor Epsilon Global Trend mit Carry-Komponente.
- EM-Hochzins-Anleihen-ETFs: indirekter Bond-Carry. Vorsicht: Korrelation mit Equity-Risiko hoch.
- Equity-Income-Faktor-ETFs: indirekter Equity-Dividend-Carry.
Meine Praxis: Carry als Diversifikation, niemals als Hauptstrategie.
Ich halte Carry-Komponenten in eigenen und Mandanten-Portfolios als zwei bis fünf Prozent der Risiko-Allokation — nicht als Kern. Der Grund ist nicht, dass ich an die Prämie nicht glaube. Sie ist statistisch robust und ökonomisch begründbar (Carry ist eine Versicherungsprämie für Stabilität). Der Grund ist die Drawdown-Eigenschaft: in den Momenten, in denen Mandanten am meisten Beratungsbedarf haben (Krisen), liefert Carry den größten Schmerz.
Wer eine 60/40-Aktien-Anleihen-Allokation um zehn Prozent Trend-Following und drei Prozent Carry ergänzt, hat ein deutlich besseres Risiko-bereinigtes Portfolio — das ist über lange Zeiträume gut dokumentiert. Wer Carry zur Hauptstrategie macht, ist irgendwann ehemaliger Trader. Dazwischen liegt die Praxis.
Sie wollen Carry-Strategien als Diversifikationsbaustein in Ihr Portfolio integrieren? Erstgespräch buchen — wir prüfen die Sizing-Frage und die zugänglichen Vehikel für Ihr Mandat.