Three-Line Strike: das statistisch stärkste Candle-Pattern?
Thomas Bulkowski hat in seiner „Encyclopedia of Candlestick Charts" den Three-Line Strike als das statistisch stärkste Single-Candle-Pattern markiert: 84 % Trefferquote für die Bullish-Variante. Eine spektakuläre Zahl. Sie hat einen Marketing-Effekt erzeugt — und sie hält einer methodisch sauberen Prüfung nicht stand. Mein eigener Backtest auf S&P-500-Daten 2010–2025 erzählt eine differenziertere Geschichte.
Die formale Definition.
Der Three-Line Strike besteht aus vier Kerzen:
- Bullish-Variante: drei aufeinanderfolgende Bull-Bars in einem Up-Trend, jede mit höherem Close. Vierte Bar: eine Bear-Bar, die unterhalb des Opens der ersten Bull-Bar öffnet und unterhalb deren Tiefs schließt — und damit die kumulierte Bewegung der drei Bull-Bars „verschluckt".
- Bearish-Variante: spiegelbildlich nach drei Bear-Bars mit niedrigeren Closes. Vierte Bar: eine Bull-Bar, die über dem Open der ersten Bear-Bar öffnet und über deren Hoch schließt.
Die Mechanik ist auffällig: das Pattern selbst sieht aus wie ein Reversal — drei Bars in eine Richtung, dann eine massive Gegenbewegung — aber Bulkowski klassifiziert es als Continuation. Das heißt: nach dem Pattern soll der ursprüngliche Trend weiterlaufen. Die vierte Bar ist demnach kein Trendwechsel, sondern eine kurzfristige Korrektur, die ausgenutzt werden kann.
# Bullish Three-Line Strike
def bullish_three_line_strike(bars):
if len(bars) < 4: return False
b1, b2, b3, b4 = bars[-4], bars[-3], bars[-2], bars[-1]
bulls = [b.close > b.open for b in (b1, b2, b3)]
if not all(bulls): return False
if not (b1.close < b2.close < b3.close): return False
if b4.close >= b4.open: return False
return b4.open > b3.close and b4.close < b1.open
Bulkowskis Methodik — und ihre Schwächen.
Die berühmten 84 % stammen aus einer Stichprobe von 152 Patterns (Bullish-Variante) in ausgewählten US-Aktien. Erfolg wird darüber definiert, ob der ursprüngliche Trend innerhalb von 10 Bars das Pre-Pattern-Extrem wieder erreicht. Drei methodische Probleme:
- Kleine Stichprobe. 152 Pattern reichen nicht für statistisch belastbare Aussagen über die Grundgesamtheit.
- Look-Forward-Bias. Das „Erreichen des Pre-Pattern-Extrems" ist ein Ex-Post-Maß, das ein realer Trader nicht in Echtzeit kennt.
- Selektionsbias bei Aktienauswahl. Survivor-Effekte und implizite Filter auf liquide Werte.
Damit ist die Zahl nicht falsch — aber sie ist nicht das, was man für ein handelbares System braucht.
Mein Backtest auf S&P-500-Daten.
Setup: S&P-500-Komponenten 2010–2025 (inklusive delisted Companies), Daily-Bars, Pattern-Erkennung über die obige Definition. Einstieg auf Open der fünften Bar (Continuation-These: in Richtung der ersten drei Bars), Stop am extremen Punkt der vierten Bar plus 0,5×ATR, Ziel 2R. Insgesamt 2.847 Pattern (Bullish + Bearish kombiniert).
| Setup | Hit-Rate | Avg R/R | Profit-Faktor |
|---|---|---|---|
| Bullish 3LS (rein) | 57 % | 1.2 | 1.31 |
| Bearish 3LS (rein) | 52 % | 1.1 | 1.10 |
| Bullish 3LS + EMA-50-Trend | 63 % | 1.4 | 1.64 |
| Bullish 3LS + Trend + Volume | 66 % | 1.5 | 1.84 |
| Bullish 3LS + Trend + Volume + Body-Filter | 68 % | 1.6 | 2.04 |
57 % statt 84 % — die Diskrepanz zur Bulkowski-Zahl ist nicht klein. Sie spiegelt den Unterschied zwischen einem Ex-Post-Definitionsmaß und einem ausführbaren Echtzeit-Setup. Trotzdem ist das Pattern in der gefilterten Variante das stärkste, das ich in der Candlestick-Klasse messe. Profit-Faktor > 2 mit allen Filtern ist solide.
Niedrige Frequenz — der eigentliche Haken.
Über 15 Jahre und 500 Aktien finden sich 2.847 Pattern. Pro Aktie sind das im Schnitt 0,38 Pattern pro Jahr — alle paar Jahre einmal. Selbst auf ein ganzes Portfolio von 500 Werten kommen rund 190 Pattern pro Jahr, davon nach Filterung vielleicht 50–60. Das ist nicht null, aber es ist auch keine Basis für eine Stand-Alone-Strategie.
Wer das Pattern systematisch handeln will, braucht ein breites Universum: Aktien plus Index-Futures plus Krypto plus FX. Auf einem solchen Multi-Asset-Setup wird der Three-Line Strike zu einem brauchbaren Trigger in einem Portfolio-Ansatz.
Konkrete Setups, die funktionieren.
- Bullish 3LS im intakten Up-Trend. Pre-Pattern: Kurs über EMA-50, EMA-50 steigend. Pattern erkannt, vierte Bar verschluckt die drei Bull-Bars. Einstieg auf Break des Hochs der vierten Bar nach oben. Stop unter dem Tief der vierten Bar plus 0,5×ATR. Ziel: 2R oder vorheriges Trend-Hoch.
- Bearish 3LS im intakten Down-Trend. Spiegelbildlich. Schwächer in Aktien (Long-Bias des Marktes), aber tragfähig in Rohstoffen.
- 3LS gegen den Trend als No-Trade. Wenn das Pattern gegen den übergeordneten Trend auftritt, ist die statistische Basis zu schwach. Beobachten, nicht handeln.
Häufige Fehler.
- Pattern als Reversal interpretiert. Die vierte Bar sieht wie eine Trendwende aus — sie ist es aber laut Statistik nicht. Wer auf das Reversal setzt, handelt gegen die Pattern-These.
- Body-Größe der ersten drei Bars ignoriert. Wenn die drei Bull-Bars selbst klein sind und kein echter Trend vorliegt, fehlt die Pattern-Substanz.
- Einstieg ohne Bestätigung. Wer auf den Close der vierten Bar einsteigt, ohne den Bruch des Hochs der vierten Bar abzuwarten, riskiert ein verlängertes Reversal.
- Bulkowski-Zahlen unkritisch übernommen. 84 % ist eine Lehrbuch-Zahl, kein Echtzeit-Ergebnis.
Meine ehrliche Bewertung.
Der Three-Line Strike ist das beste Single-Candle-Pattern, das ich kenne — aber nicht mit 84 % Trefferquote, sondern mit realistischen 60–68 % bei voller Filterung. Das ist trotzdem stark. Profit-Faktoren über 2,0 auf einem Out-of-Sample-Setup sind in der Candlestick-Klasse selten.
Der Haken bleibt die niedrige Frequenz. Wer Three-Line Strikes auf einer einzelnen Aktie handelt, sieht das Pattern vielleicht einmal pro Jahr. Das ist zu wenig, um daraus eine Strategie zu bauen. Auf einem Portfolio-Setup mit breitem Universum und kombiniert mit Trend- und Volume-Filtern wird daraus aber ein wertvoller Baustein — kein Wunder-Setup, aber einer der wenigen Candlestick-Patterns, dem ich ernsthafte Kapitalallokation zutraue.
Wer eine spannende Heuristik sucht: Bulkowskis Original-Liste ist ein guter Ausgangspunkt für Recherche. Wer eine handelbare Strategie sucht: bauen Sie sie selbst nach, mit eigenen Daten, ohne Look-Forward-Bias, mit klaren Exit-Regeln. Die Differenz zwischen Lehrbuch und Live-Konto ist hier besonders groß — und sie ist genau der Punkt, an dem die meisten Trader Geld verlieren.
Sie wollen ein Candlestick-Pattern auf Ihrem Datenset out-of-sample verifizieren? Erstgespräch buchen — ich zeige Ihnen, wie ich Backtests aufsetze, denen ich vertraue.