Three-Line Strike: das statistisch stärkste Candle-Pattern?
Thomas Bulkowski weist in seiner Statistik den Three-Line Strike als eines der stärksten Candlestick-Muster aus: Die bearishe Variante wirkt laut seinen Daten in rund 84 % der Fälle als bullische Umkehr. Eine spektakuläre Zahl. Sie beschreibt allerdings die Kursentwicklung nach dem Muster, nicht einen handelbaren Edge nach Kosten. Ein eigener Backtest mit klaren Regeln erzählt eine differenziertere Geschichte.
Die formale Definition.
Der Three-Line Strike besteht aus vier Kerzen:
- Bullish-Variante: drei aufeinanderfolgende Bull-Bars in einem Up-Trend, jede mit höherem Close. Vierte Bar: eine Bear-Bar, die unterhalb des Opens der ersten Bull-Bar öffnet und unterhalb deren Tiefs schließt — und damit die kumulierte Bewegung der drei Bull-Bars „verschluckt“.
- Bearish-Variante: spiegelbildlich nach drei Bear-Bars mit niedrigeren Closes. Vierte Bar: eine Bull-Bar, die über dem Open der ersten Bear-Bar öffnet und über deren Hoch schließt.
Die Mechanik ist auffällig: das Pattern selbst sieht aus wie ein Reversal — drei Bars in eine Richtung, dann eine massive Gegenbewegung — aber die klassische Candlestick-Literatur klassifiziert es als Continuation. Das heißt: nach dem Pattern soll der ursprüngliche Trend weiterlaufen. Die vierte Bar ist demnach kein Trendwechsel, sondern eine kurzfristige Korrektur, die ausgenutzt werden kann.
# Bullish Three-Line Strike
def bullish_three_line_strike(bars):
if len(bars) < 4: return False
b1, b2, b3, b4 = bars[-4], bars[-3], bars[-2], bars[-1]
bulls = [b.close > b.open for b in (b1, b2, b3)]
if not all(bulls): return False
if not (b1.close < b2.close < b3.close): return False
if b4.close >= b4.open: return False
return b4.open > b3.close and b4.close < b1.open
Lehrbuch-Statistik vs. handelbarer Edge.
Eine Pattern-Statistik misst, wie sich der Kurs nach dem Muster bewegt. Für ein handelbares System reicht das aus drei Gründen nicht:
- Bewegung ist nicht Ergebnis. Ob sich der Kurs nach dem Muster in eine Richtung bewegt, sagt noch nichts über Einstieg, Stop und Ziel eines echten Trades.
- Kosten. Spreads, Slippage und Gebühren entscheiden, wie viel von einem kleinen Edge übrig bleibt.
- Out-of-Sample. Erst ein Test auf ungesehenen Daten und anderen Märkten zeigt, ob das Muster robust ist.
Damit ist die Zahl nicht falsch — aber sie ist nicht das, was man für ein handelbares System braucht.
Was ein ehrlicher Backtest typischerweise zeigt.
Ein sauberes Setup: S&P-500-Komponenten über viele Jahre (inklusive delisted Companies), Daily-Bars, Pattern-Erkennung über die obige Definition. Einstieg auf Open der fünften Bar (Continuation-These: in Richtung der ersten drei Bars), Stop am extremen Punkt der vierten Bar plus 0,5×ATR, Ziel 2R.
Ungefiltert liegt die Trefferquote in solchen Tests deutlich unter der Lehrbuchzahl; mit Trend-, Volumen- und Body-Filter verbessert sie sich spürbar, bei sehr niedriger Frequenz. Die Diskrepanz zur Lehrbuchzahl spiegelt den Unterschied zwischen einer Pattern-Statistik und einem ausführbaren Echtzeit-Setup.
Niedrige Frequenz — der eigentliche Haken.
Auf Tagesbasis taucht das Muster pro Aktie nur selten auf — oft nur alle paar Jahre einmal. Selbst auf einem Universum von 500 Werten bleibt nach Filterung nur eine überschaubare Zahl an Signalen pro Jahr. Das ist nicht null, aber es ist auch keine Basis für eine Stand-Alone-Strategie.
Wer das Pattern systematisch handeln will, braucht ein breites Universum: Aktien plus Index-Futures plus Krypto plus FX. Auf einem solchen Multi-Asset-Setup wird der Three-Line Strike zu einem brauchbaren Trigger in einem Portfolio-Ansatz.
Konkrete Setups, die funktionieren.
- Bullish 3LS im intakten Up-Trend. Pre-Pattern: Kurs über EMA-50, EMA-50 steigend. Pattern erkannt, vierte Bar verschluckt die drei Bull-Bars. Einstieg auf Break des Hochs der vierten Bar nach oben. Stop unter dem Tief der vierten Bar plus 0,5×ATR. Ziel: 2R oder vorheriges Trend-Hoch.
- Bearish 3LS im intakten Down-Trend. Spiegelbildlich. Schwächer in Aktien (Long-Bias des Marktes), aber tragfähig in Rohstoffen.
- 3LS gegen den Trend als No-Trade. Wenn das Pattern gegen den übergeordneten Trend auftritt, ist die statistische Basis zu schwach. Beobachten, nicht handeln.
Häufige Fehler.
- Pattern als Reversal interpretiert. Die vierte Bar sieht wie eine Trendwende aus — ob sie es ist, muss der eigene Backtest zeigen. Wer ungeprüft auf das Reversal setzt, handelt gegen die Pattern-These.
- Body-Größe der ersten drei Bars ignoriert. Wenn die drei Bull-Bars selbst klein sind und kein echter Trend vorliegt, fehlt die Pattern-Substanz.
- Einstieg ohne Bestätigung. Wer auf den Close der vierten Bar einsteigt, ohne den Bruch des Hochs der vierten Bar abzuwarten, riskiert ein verlängertes Reversal.
- Bulkowski-Zahlen unkritisch übernommen. 84 % ist eine Lehrbuch-Zahl, kein Echtzeit-Ergebnis.
Meine ehrliche Bewertung.
Der Three-Line Strike ist ein interessantes Candlestick-Muster — aber nicht mit 84 % Trefferquote, sondern mit deutlich bescheideneren Werten, die sich erst mit sauberer Filterung spürbar verbessern.
Der Haken bleibt die niedrige Frequenz. Wer Three-Line Strikes auf einer einzelnen Aktie handelt, sieht das Pattern vielleicht einmal pro Jahr. Das ist zu wenig, um daraus eine Strategie zu bauen. Auf einem Portfolio-Setup mit breitem Universum und kombiniert mit Trend- und Volume-Filtern wird daraus aber ein wertvoller Baustein — kein Wunder-Setup, aber einer der wenigen Candlestick-Patterns, die einen genaueren Blick lohnen.
Wer eine spannende Heuristik sucht: Bulkowskis Original-Liste ist ein guter Ausgangspunkt für Recherche. Wer eine handelbare Strategie sucht: bauen Sie sie selbst nach, mit eigenen Daten, ohne Look-Forward-Bias, mit klaren Exit-Regeln. Die Differenz zwischen Lehrbuch und Live-Konto ist hier besonders groß — und sie ist genau der Punkt, an dem die meisten Trader Geld verlieren.
Stand: Mai 2026, überarbeitet Oktober 2026. Angaben zu Produkten, Preisen, Gesetzen und Fristen können sich seitdem geändert haben; maßgeblich sind die aktuellen Angaben der Anbieter und Behörden.
Sie wollen ein Candlestick-Pattern auf Ihrem Datenset out-of-sample verifizieren? Unverbindlich anfragen — ich zeige Ihnen, wie ich Backtests aufsetze, denen ich vertraue. Mehr zu meinem Angebot: Trading-Systeme entwickeln lassen.