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Sustainable Investing Real-Talk: was wirklich Impact hat.

ESG-ETFs sind die Wachstumskategorie der letzten Jahre — und gleichzeitig eines der am meisten missverstandenen Anlageprodukte. Was Sustainable Investing tatsächlich bewirkt, wo Greenwashing anfängt, und warum echtes Impact-Investing in den seltensten Fällen über einen ESG-ETF läuft.

Warum „nachhaltig investieren" oft mehr Marketing als Wirkung ist.

Wenn Sie heute einen MSCI World SRI oder einen vergleichbaren ESG-ETF kaufen, kaufen Sie ein Portfolio von Aktien — von Anlegern, die diese Aktien gerade verkauft haben. Das ist der Mechanismus: am Sekundärmarkt wird Eigentum getauscht. Die Unternehmen, deren Aktien Sie kaufen, erhalten keinen einzigen Cent von Ihrem Geld. Sie hatten den schon, als die Aktien beim IPO emittiert wurden — vor Jahrzehnten.

Diese unbequeme Realität wird in der ESG-Werbung systematisch verschwiegen. Wer einen „nachhaltigen ETF" kauft, fühlt sich, als unterstütze er etwas Gutes. Tatsächlich tauscht er nur seine ETF-Anteile mit einem anderen Anleger — typischerweise einem, der gerade aus irgendeinem Grund verkaufen wollte. Das hat mit Impact wenig zu tun.

Drei Konzepte, die ständig durcheinander geworfen werden.

ESG-Filter (Negative Screening)

Der ETF schließt bestimmte Branchen aus: Tabak, Waffen, fossile Brennstoffe, Glücksspiel. Der Anlage-Universum wird verkleinert. Das ist eine Werte-Aussage des Anlegers, kein Eingriff in das Unternehmensverhalten. Wenn Exxon aus Ihrem Portfolio fliegt, ändert sich an Exxon nichts.

Impact-Investing

Sie stellen direktes Kapital für ein Projekt oder Unternehmen bereit, das eine messbare positive Wirkung erzeugen soll — typischerweise außerhalb der börsennotierten Großkonzerne. Beispiele: direkte Beteiligung an einem Solar-Projekt in Afrika, ein Green Bond, der konkret den Bau einer Windkraftanlage finanziert, oder Beteiligungen an nicht-börsennotierten Cleantech-Startups.

Active Engagement

Sie behalten die Aktie, nutzen Ihr Stimmrecht auf Hauptversammlungen, treten in Dialog mit dem Management, fordern Veränderungen ein. Klingt nach Kleinaktionär ohne Hebel — aber große Asset-Manager (BlackRock, Vanguard, State Street) als kollektive Akteure haben empirisch nachweisbar Verhalten von Unternehmen verändert.

Die mathematische Realität des „Verkaufens".

Hier wird es technisch, aber relevant: in der Finanzwissenschaft gibt es das Konzept der Kapitalkosten-Wirkung. Wenn genügend Anleger eine Aktie meiden, sinkt deren Bewertung, was die Kapitalkosten des Unternehmens erhöht. Das könnte theoretisch Investitionen verteuern.

Empirische Studien (Berk und van Binsbergen, 2022; Pastor, Stambaugh, Taylor, 2022) zeigen allerdings: dieser Effekt ist quantitativ winzig. Selbst wenn 30 Prozent aller Investoren fossile Brennstoffunternehmen kategorisch meiden, würde das deren Kapitalkosten um geschätzt 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte erhöhen. Das ändert keine Investitionsentscheidung substantiell. Die Unternehmen, deren Aktien Sie verkaufen, finden weiter Käufer — gerade weil deren erwartete Renditen leicht ansteigen, sind sie für Investoren ohne ESG-Mandat attraktiver geworden.

Mit anderen Worten: der Verkauf einer Aktie hat fast keinen Effekt auf das Unternehmen. Sie verkleinern nur Ihr eigenes Portfolio.

Engagement schlägt Ausschlüsse — empirisch.

Was tatsächlich nachweisbare Wirkung hat: aktiver Dialog. Studien von Hoepner et al. (2024) zeigen, dass Engagement-Kampagnen großer institutioneller Investoren in 30–40 Prozent der Fälle zu messbaren Veränderungen im Unternehmensverhalten geführt haben — sei es bei CO2-Reduktionszielen, Vorstandszusammensetzungen oder Klima-Reporting.

Das ist auch intuitiv plausibel: ein Aktionär, der die Aktie hält und mit dem Vorstand spricht, hat mehr Einfluss als ein Aktionär, der sie verkauft hat und damit das Stimmrecht jemand anderem überlässt. Wer ernsthaft etwas verändern will, sollte deshalb in Fonds-Strukturen investieren, die explizit Engagement betreiben — etwa bei Anbietern wie Engine No. 1 (bekannt aus der Exxon-Kampagne 2021), Storebrand oder Robeco. Nicht jeder Article-8-ETF tut das. Die meisten machen nur Screening.

Greenwashing bei Article-8-Fonds.

Die EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) hat seit 2021 zwei Hauptkategorien eingeführt:

Das Problem: Article 8 ist eine sehr breite Kategorie. Studien wie der ESMA-Report 2024 zeigen, dass viele Article-8-Fonds nur marginal anders sind als ihre konventionellen Pendants. Die Top-10-Positionen sind oft identisch. Manche Article-8-Fonds halten weiter Anteile an klassischen Öl- und Gas-Konzernen — schlicht weil deren ESG-Ratings „akzeptabel" sind, gemessen an Branchen-Benchmarks.

Die Aussage „Article 8 = nachhaltig" ist deshalb nicht haltbar. Wer wirklich strenge Nachhaltigkeitskriterien sucht, muss in den Prospekt schauen, sich die Ausschlusslisten ansehen und im Zweifel direkt bei der KVG nachfragen.

Konkrete Strategien für ernsthaftes Sustainable Investing.

Thematische Strategien

Statt breit „ESG", konzentriert auf konkrete Themen mit messbarem Beitrag: Clean Energy (iShares Global Clean Energy, INRG), Water Scarcity (iShares Global Water, IH2O), Circular Economy, Hydrogen, Sustainable Agriculture. Sie sind keine ESG-Reskins, sondern bündeln Unternehmen, deren Geschäftsmodell selbst nachhaltig ist. Höhere Vola, konzentriertes Risiko, aber thematisch klar.

Direkte Beteiligungen

Konkrete Projekte: Bürger-Solarparks, Genossenschafts-Windkraftanlagen, regionale Energieprojekte. Sie stellen direkt Kapital bereit, das eine konkrete Anlage finanziert. Das ist echtes Impact-Investing. Renditen typischerweise 3–6 Prozent, Liquidität gering, Diversifikation begrenzt — aber die Wirkung ist real.

Impact-Bonds und Green Bonds

Bei seriös strukturierten Green Bonds (mit Verwendungs-Zweckbindung, etwa nach ICMA Green Bond Principles) wissen Sie, welches Projekt Ihr Kapital finanziert. Vorsicht allerdings vor „Sustainability-Linked Bonds" ohne klaren Zweckbindung — hier wird die Definition häufig sehr weich.

Performance-Realität: kein konsistenter Outperform-Effekt.

Das marketinggetriebene Versprechen „nachhaltig ist auch profitabel" lässt sich empirisch nicht konsistent belegen. ESG-Strategien hatten 2017–2021 eine Outperformance-Phase — getrieben vor allem von der Tech-Übergewichtung (Tech-Konzerne haben hohe ESG-Scores wegen niedriger direkter Emissionen). 2022 underperformten dieselben Strategien deutlich, als Energieaktien explodierten. 2023–2026 sind die Performance-Unterschiede zwischen ESG- und konventionellen Welt-ETFs typischerweise im Bereich von 0,5 bis 1 Prozentpunkt pro Jahr — kein systematischer Effekt, sondern Sektor-Rotation.

Wer ESG aus Performance-Gründen kauft, kauft im Wesentlichen einen Tech-Tilt mit Marketing. Wer ESG aus Werte-Gründen kauft, sollte sich der Performance-Volatilität bewusst sein. Beides ist okay — aber bitte ehrlich.

Meine ehrliche Empfehlung.

Wer wirklich Impact will, sollte vier Optionen ehrlich gegenüberstellen:

  1. Direktspende an effektive Klima- oder Sozial-Organisationen. Klingt unsexy, ist aber pro Euro deutlich wirkungsvoller als jeder ESG-ETF.
  2. Direkte Projektbeteiligung (Bürgerenergie, Genossenschaft, Mikrofinanz). Niedrigere Liquidität, aber echter Kapital-Fluss zu realer Aktivität.
  3. Engagement-fokussierte Fonds, die aktiv mit Unternehmen interagieren.
  4. ESG-ETF als Komfort-Lösung — wenn Sie das Gefühl haben wollen, etwas zu tun, ohne Performance zu opfern. Verstehen Sie das ehrlich als Werte-Filter, nicht als Wirkungs-Beitrag.

Ich rate Mandanten regelmäßig: Wenn Ihnen Impact wirklich wichtig ist, splitten Sie die Allokation. 95 Prozent in einen kosteneffizienten Welt-ETF, die ersparten 0,3 bis 0,5 Prozent jährlicher TER-Differenz zwischen ESG- und konventionellem ETF direkt als Spende an eine effektive Organisation. Das ist mathematisch wirkungsvoller als jede ESG-Allokation — und Sie haben gleichzeitig die maximale Diversifikation.

Wem das zu radikal ist, weil das Bauchgefühl etwas anderes verlangt: dann eben ein ESG-ETF, aber bitte mit Bewusstsein darüber, was er ist und was er nicht ist. Das ist ein vernünftiger Kompromiss zwischen Werte-Ausdruck und Anlagepragmatismus.

Sie wollen Ihre Anlage an Ihren Werten ausrichten — ohne sich etwas vorzumachen? Erstgespräch buchen — wir gehen Ihre Werte-Prioritäten und Ihre Wirkungs-Erwartung konkret durch.