Slippage, Spread & Kommissionen: was Trading wirklich kostet.
Eine Strategie mit 20 % Backtest-Rendite und 4 % Live-Rendite hat selten ein Edge-Problem. Sie hat ein Kosten-Problem. Wer die Kosten nicht ehrlich modelliert, hat keine Strategie — er hat eine Hoffnung.
Die vier Kosten-Komponenten.
Jeder Trade kostet auf vier Ebenen. Im Backtest werden in der Regel nur die ersten zwei abgebildet — wenn überhaupt:
- Spread: Die Differenz zwischen Geld- und Briefkurs. Bei einer Marktorder zahlen Sie den Spread sofort.
- Kommissionen: Broker-Gebühren pro Trade. Fix oder variabel.
- Slippage: Differenz zwischen erwartetem und tatsächlichem Ausführungspreis.
- Marktauswirkung: Wenn Ihre Order groß genug ist, dass sie den Preis bewegt — relevant ab mittlerer fünfstelliger Lot-Größe.
Hinzu kommen Halte-Kosten: Finanzierung bei gehebelten Positionen (Overnight Swap), Borrowing-Kosten bei Shorts, Dividenden-Anpassungen, Roll-Kosten bei Futures.
Spread ist nicht konstant.
Der größte Backtest-Fehler in diesem Bereich: ein fixer Spread (z. B. „2 Pips für EUR/USD") über die gesamte Historie anzusetzen. Spreads atmen mit der Liquidität:
- Asiatische Session, EUR/USD: 0,4–0,8 Pips bei einem ECN-Broker.
- London-Open: 0,1–0,3 Pips — beste Liquidität des Tages.
- NFP-Veröffentlichung (Freitag 14:30 Uhr): 3–10 Pips für 30–60 Sekunden.
- Sonntag-Open: 5–20 Pips, manchmal über 50, wenn das Wochenende News brachte.
Ein Backtest mit fixem 1-Pip-Spread, der auch Trades am Sonntag-Open ausführt, lügt um Faktor 10. Realistisch modelliert man Spreads als zeitabhängig — am besten mit echten historischen Spread-Daten, die ECN-Broker auf Anfrage liefern.
Slippage: das vergessene Drittel.
Slippage ist das, was beim Vergleich von Backtest und Live am häufigsten unter den Tisch fällt. Vier Quellen:
- Latenz-Slippage: Zwischen Signal und Order vergehen Millisekunden bis Sekunden. In dieser Zeit bewegt sich der Markt. Bei Limit-Orders: kein Problem. Bei Markt-Orders: typisch 0,1–0,5 Pips pro Trade.
- Liquiditäts-Slippage: Ihre Order ist größer als der Top-Bid/Ask. Sie laufen durch mehrere Level im Orderbuch. Relevant ab ~50.000 Notional pro Trade.
- Asymmetrische Slippage: In schnellen Märkten bekommen Sie tendenziell schlechtere Preise. Das ist nicht Zufall — das ist der Markt-Mikrostruktur-Effekt, dass schnell-handelnde Akteure adverse Selektion erzeugen.
- Slippage bei Stops: Stop-Loss-Orders werden zu Markt-Orders, sobald das Stop-Level berührt wird. In Sell-Offs oder Gaps: massive Slippage. EUR/CHF im Januar 2015: viele Stops wurden 500–800 Pips schlechter ausgeführt als gesetzt.
Das ehrliche Kosten-Modell.
Wir nutzen in Backtests dieses Modell, vereinfacht:
TradeKosten = Spread/2 + Kommission + ATR(20) * SlippageFaktor SlippageFaktor je nach Strategie: Limit-Orders, langsame Strategie: 0.05 Markt-Orders, normale Strategie: 0.10 Markt-Orders, News-Reaktion: 0.25 Stops in volatilen Phasen: 0.40 Beispiel EUR/USD, ATR 80 Pips, Markt-Order: Spread/2: 0.5 Pips Kommission: 0.5 Pips Slippage: 80 * 0.10 = 8 Pips ?! → Slippage als % vom Range pro Bar nehmen, nicht ATR. → Realistisch: 0.5 + 0.5 + 0.3 = 1.3 Pips.
Der ATR-Ansatz ist ein Anhaltspunkt, kein Gesetz. Beste Praxis: führen Sie ein paar Wochen live mit Mini-Lots, messen Sie tatsächliche Slippage je Strategietyp, und kalibrieren Sie den Faktor.
Was eine Strategie kostet — in Zahlen.
Zwei Beispiele aus der Praxis, in basis points (bp) Round-Trip-Kosten:
- Trendfolge auf S&P-500-Futures, Daily-Bars, 10 Trades/Monat: ca. 8 bp pro Round Trip (1 Tick Spread + 1 Tick Slippage + 2 USD Kommission). Bei 20 % Bruttorendite/Jahr ergibt das ~2 % Kosten — verkraftbar.
- Daytrading auf DAX-CFDs, 5 Trades/Tag: ca. 25 bp pro Round Trip (0,7 Punkte Spread, 0,3 Punkte Slippage, 0,2 Punkte Finanzierung). 5 × 250 Tage × 25 bp = ~30 % jährlich allein an Kosten. Da muss die Strategie schon stark sein, um netto positiv zu bleiben.
Die Kosten-Killer im Setup.
- Markt-Orders vermeiden, wo möglich. Limit-Orders kosten Sie manchmal eine Ausführung — aber im Schnitt sparen sie 60–80 % der Slippage.
- Trade nicht direkt am Open/Close. Die ersten und letzten 5–10 Minuten haben breitere Spreads und mehr Slippage. Wenn die Strategie es erlaubt, 15 Minuten warten.
- Achten Sie auf den Broker-Typ. Market Maker verdienen am Spread — der ist breiter. ECN-Broker geben den Top-of-Book weiter, kassieren stattdessen Kommission. Bei kleinen Lots oft schlechter, bei mittleren Lots besser.
- Stop-Loss als Limit-Order: viele Broker erlauben „Stop-Limit". Das schützt vor Gap-Slippage, riskiert aber Non-Execution. Für Strategien mit strikten Risiko-Regeln keine Option, für andere ein guter Trade-off.
- Trading-Zeiten begrenzen. Eine Mean-Reversion-Strategie, die nur in der Mittags-Asia-Phase tradet (niedrige Liquidität, breite Spreads), zahlt 3× so viel Kosten wie eine, die nur London-NY-Overlap tradet.
Was Sie tun sollten, bevor Sie live gehen.
Machen Sie einen Cost-Sensitivity-Test: laufen Sie den Backtest mit 1×, 2× und 4× der modellierten Kosten. Wenn die Strategie bei 4× noch positiv ist, ist sie robust. Wenn sie bei 2× kollabiert, haben Sie keine Strategie — Sie haben einen Cost-Arbitrage, und der ist live nicht reproduzierbar.
Kosten sind das ehrlichste Kriterium. Sie lügen nicht, sie diskutieren nicht und sie verschwinden nicht, weil Sie überzeugt sind. Sie kommen jeden Trade. Bauen Sie Ihr System so, dass es nach Kosten Sinn ergibt — nicht davor.
Sie wollen wissen, ob Ihre Strategie nach realistischen Kosten noch funktioniert? Erstgespräch buchen — wir setzen ein ehrliches Cost-Modell auf.