Single-Stock-Futures: das vergessene Derivat.
Optionen kennt jeder, Index-Futures auch. Single-Stock-Futures dagegen sind in den letzten zehn Jahren aus dem Bewusstsein der meisten retail-Trader verschwunden. Zu Unrecht — für bestimmte Setups sind sie das sauberste verfügbare Instrument.
Single-Stock-Futures (SSF) sind Futures auf einzelne Aktien — lineare Exposure, keine Optionalität, börsengehandelt, zentral gecleart. In den USA sind sie faktisch tot, in Europa lebt der Markt an der EUREX. Ich nutze sie selbst nur selten, aber bei strukturierten Mandanten-Setups sind sie regelmäßig die richtige Antwort. Dieser Artikel ist die kompakte Einordnung.
Was sind Single-Stock-Futures überhaupt?
Ein SSF ist ein Future-Kontrakt, dessen Basiswert eine einzelne Aktie ist (statt eines Index, eines Rohstoffs oder einer Währung). Bei der EUREX zum Beispiel kontrahieren Sie 100 SAP-Aktien pro Kontrakt, Lieferung physisch zum Verfallstag, Margin-finanziert über ein zentrales Clearing.
Wirtschaftlich ist ein SSF nahezu identisch mit einer Long- oder Short-Position in der Aktie. Der Preis-Spread zwischen SSF und Aktie reflektiert grob: risikofreier Zins minus erwartete Dividenden bis zum Verfall. Bei liquiden Werten ist die Konvergenz sehr eng.
Der US-Markt: faktisch tot.
In den USA wurden SSF lange Zeit primär an der OneChicago-Börse gehandelt. Das Volumen war klein, die Liquidität dünn — und 2020 wurde OneChicago geschlossen. Seitdem gibt es in den USA keinen aktiven SSF-Markt mehr. Wer US-Einzelaktien mit Future-Exposure handeln will, ist auf CFDs (off-shore), Total-Return-Swaps (institutionell) oder synthetische Konstruktionen aus Optionen angewiesen.
EUREX: das lebende SSF-Universum.
Die EUREX listet SSF auf rund 700 europäische Aktien — von DAX-Werten über EuroStoxx-50-Komponenten bis hin zu mid-caps aus Frankreich, Niederlande, Schweiz und Skandinavien. Aktive Liquidität gibt es bei den großen Werten: SAP, Siemens, Allianz, Deutsche Bank, ASML, LVMH, Nestlé, Roche.
Kontrakt-Standards (typisch):
- Kontraktgröße: 100 Aktien (manche Werte 10 oder 1.000, je nach Aktienkurs)
- Verfallszyklus: nächste drei Quartalsmonate (März, Juni, September, Dezember)
- Tick-Size: 0,01 EUR oder 0,001 EUR, je nach Kurs
- Settlement: physisch (Aktien werden bei Verfall geliefert)
Vorteile gegenüber Direkt-Aktien und Optionen.
Lineare Exposure ohne Margin-Stretching
Eine Long-Position in 1.000 SAP-Aktien à 150 EUR bindet 150.000 EUR Kapital (oder 75.000 EUR auf Reg-T-Margin). Ein einzelner SAP-SSF-Kontrakt (= 100 Aktien) benötigt typisch 10–15 % Initial-Margin auf den Nominalwert, also etwa 1.500–2.250 EUR pro Kontrakt. Für die identische Exposure von 1.000 Aktien wären das 10 Kontrakte = 15.000–22.500 EUR Margin statt 75.000 EUR Reg-T.
Vorteil: deutlich kapitaleffizienter, ohne den nicht-linearen Charakter von Optionen oder die Aufschläge von CFDs.
Calendar-Spreads für Pair-Trades und Carry
Wenn Sie verschiedene Verfallsmonate gegeneinander handeln, isolieren Sie reines Carry- oder Dividenden-Exposure ohne Aktien-Richtungs-Risiko. Beispiel: long März-SSF / short Juni-SSF — Sie spekulieren effektiv auf die Differenz zwischen erwarteter Dividende und Finanzierungskosten zwischen März und Juni. Bei Werten mit ungewöhnlichen Dividenden-Erwartungen kann das ein sauberer Trade sein.
Short-Selling ohne Borrow-Sourcing
Aktien-Short erfordert Stock-Borrow — beim Broker verfügbar oder nicht, mit zusätzlicher Borrow-Fee. Bei einem SSF gibt es kein Borrow-Problem; Sie können direkt short gehen, ohne sich Aktien zu leihen. Die Borrow-Kosten sind implizit im SSF-Preis enthalten und in der Regel günstiger als der Retail-Borrow-Markt.
Nachteile, die Sie kennen müssen.
Schlechtere Liquidität als die Aktien selbst
Selbst bei Top-Werten wie SAP oder Siemens ist das tägliche SSF-Volumen Größenordnungen kleiner als das Aktien-Volumen. Spreads sind weiter, gerade außerhalb der nächsten Verfallsmonate und außerhalb der DAX-30-Komponenten. Für taktisches Daytrading auf Einzelaktien sind SSF deshalb meist nicht das Mittel der Wahl.
Keine Voting-Rights
Ein SSF gibt Ihnen die wirtschaftliche Exposure, aber keine Stimmrechte. Bei kurzfristigem Trading irrelevant, bei strukturellen Positionen für Mandanten mit Governance-Anspruch ein Punkt, den man explizit ansprechen muss.
Keine direkten Dividenden
Dividendenzahlungen erhalten Sie nicht als Cashflow auf das Konto — die erwarteten Dividenden sind im SSF-Preis schon eingepreist. Wirtschaftlich äquivalent, aber steuerlich anders zu behandeln: keine Kapitalertragssteuer auf Dividenden, dafür Bewertungsgewinne, die je nach Jurisdiktion anders besteuert werden. In Deutschland fallen SSF-Gewinne typisch unter Termingeschäfte — wichtig im Hinblick auf die Verlustverrechnungs-Beschränkung nach § 20 EStG.
Konkrete Anwendungsfälle.
Hedging einer Long-Position
Ein Mandant hält 5.000 Allianz-Aktien aus alten Mitarbeiter-Beteiligungen, will sie aber aus steuerlichen Gründen nicht verkaufen. Vor einem Quartalsergebnis, das er als Risiko sieht, kauft er short 50 Allianz-SSF (entspricht 5.000 Aktien). Sein Netto-Exposure ist nahezu null, sein Aktien-Bestand bleibt unangetastet (= steuerlich keine Realisierung). Nach dem Event löst er die SSF wieder auf.
Das ist kein perfekter Hedge — Basis-Risiko zwischen SSF und Aktie existiert, insbesondere wenn der nächste Verfall weit weg ist — aber für eine Halte-Dauer von Tagen bis Wochen sehr sauber.
Synthetic-Convertible (Long-SSF + Long-Put)
Eine klassische Konstruktion für asymmetrische Exposure auf Einzelaktien: Long-SSF gibt die volle Upside-Partizipation, ein Long-Put darunter limitiert das Downside. Wirtschaftlich: synthetische Wandelanleihe. Vorteil gegenüber dem Kauf der Aktie plus Put: deutlich weniger gebundenes Kapital, da der SSF margin-finanziert ist.
Beispiel: Mandant will 250.000 EUR Exposure auf ASML, mit Stop-Loss bei -15 %. Statt 250.000 EUR Aktien plus 15-%-OTM-Put zu kaufen, geht er SSF-Long mit etwa 30.000 EUR Margin, plus 15-%-OTM-Put für etwa 8.000 EUR Prämie. Eingebundenes Kapital: 38.000 EUR statt 250.000 EUR, mit dem Rest in Cash oder Anleihen.
Pair-Trades innerhalb einer Branche
Long Allianz / Short Munich Re zur Spielung eines spezifischen Versicherungs-Spreads — mit SSF auf beiden Seiten ist die Konstruktion direkt margin-finanziert und ohne Borrow-Risiko.
EUREX-Setup in der Praxis.
Zugang zu EUREX-SSF haben Sie über:
- Interactive Brokers: Vollzugriff auf EUREX, inklusive SSF. Symbole im Format
SAP@DTBoder über das IBKR-Symbol-Lookup. Margin-Tabelle wird live berechnet. - Lynx, CapTrader: IB-Reseller, gleicher Marktzugang, oft günstigere Gebühren als IB direkt.
- Direkt-EUREX-Mitglieder: für institutionelle Setups, nicht retail-relevant.
Was Sie wissen müssen: SSF-Trading erfordert bei den meisten Brokern explizite Freischaltung für Futures-Trading inkl. physischer Lieferung. Wer den Verfallstag erreicht, ohne die Position zu schließen, bekommt Aktien geliefert (oder muss sie liefern bei Short) — gepaart mit den entsprechenden Settlement-Cashflows.
Meine Praxis.
In eigenen Strategien spielen SSF bei mir kaum eine Rolle. Mein Fokus liegt auf FX, Index-Futures und Optionen; Einzelaktien handle ich selbst selten taktisch. Wo SSF aber regelmäßig auftauchen, ist in strukturierten Setups für Mandanten mit konzentrierten Einzelaktien-Beständen: Mitarbeiter-Aktien, Erbschaften, Altpositionen. Da löst ein SSF-Hedge oft sauberer, was sonst nur unter Inkaufnahme einer Steuer-Realisierung gegangen wäre.
Für reine taktische Trader sind SSF meist die falsche Antwort — die Liquidität reicht nicht, der Spread frisst die Edge auf. Aber als strukturelles Instrument im Werkzeugkasten lohnt sich das Wissen darum. Wer es nicht hat, übersieht gelegentlich die eleganteste Lösung.
Sie haben eine konzentrierte Einzelaktien-Position, die Sie temporär absichern wollen, ohne sie zu realisieren? Erstgespräch buchen — wir prüfen, ob ein SSF-Setup für Sie passt.