Sin Stocks: warum ESG-Ausschlüsse statistisch Renditen lassen.
Tabak, Alkohol, Glücksspiel, Waffen — die klassischen „Sin Stocks" werden von immer mehr ESG-Mandaten ausgeschlossen. Genau dieser Ausschluss erzeugt nach gängiger Theorie einen Bewertungs-Discount und damit höhere erwartete Renditen. Über die empirische Evidenz, die Mechanik und meine eigene Position als systematischer Trader, der keine ESG-Filter anwendet.
Definition: was als Sin Stock zählt.
Die klassische Definition umfasst vier Branchen — die sogenannten „Triumvirat plus Waffen":
- Alkohol: Anheuser-Busch InBev (BUD), Diageo (DEO), Pernod Ricard (RI.PA), Heineken (HEIA.AS), Constellation Brands (STZ), Brown-Forman (BF.B).
- Tabak: Philip Morris International (PM), Altria (MO), British American Tobacco (BTI), Japan Tobacco (2914.T), Imperial Brands (IMB.L).
- Glücksspiel: MGM Resorts (MGM), Las Vegas Sands (LVS), Wynn Resorts (WYNN), Caesars Entertainment (CZR), Flutter Entertainment (FLTR.L), Evolution AB (EVO.ST).
- Waffen / Defense: Lockheed Martin (LMT), Raytheon Technologies (RTX), General Dynamics (GD), Northrop Grumman (NOC), BAE Systems (BA.L), Rheinmetall (RHM.DE).
Erweiterte Definitionen schließen Fossil Fuels, Adult Entertainment und Cannabis- Aktien ein. Die Kernkategorien bleiben aber die klassischen vier.
Empirische Evidenz: die Studien.
Drei akademische Arbeiten sind in der Diskussion zentral:
- Hong & Kacperczyk (2009): „The Price of Sin: The Effects of Social Norms on Markets". US-Sin-Stocks 1965–2006 schlugen vergleichbare Branchen um durchschnittlich 2,5 % p. a. Niedrigere Bewertungen (P/E, P/B), bei vergleichbarer Profitabilität.
- Statman & Glushkov (2009): bestätigen die Outperformance, mit dem Hinweis dass sie weitgehend durch klassische Faktor-Risiken (Value, Quality) erklärbar ist. Sin Stocks sind oft günstig bewertete, hochprofitable Defensive — eben das, was Faktor-Modelle gerne kaufen.
- Jeremy Siegel (2014, „Stocks for the Long Run"): Altria, der Tabakgigant, hat zwischen 1957 und 2003 eine reale Rendite von 13,4 % p. a. geliefert und damit die beste Performance aller S&P-500-Aktien. Für das volle 20. Jahrhundert berechnet Siegel über 12 % p. a. real für US-Tabak.
Die ESG-Discount-Hypothese.
Die theoretische Erklärung ist elegant: wenn ein wachsender Anteil der institutionellen Anleger (Pensionsfonds, Staatsfonds, ESG-Mandate, Universitäts- Endowments) eine ganze Branche ausschließt, dann sinkt die Nachfrage nach diesen Aktien — bei unveränderter Profitabilität. Konsequenz: niedrigere Bewertungs- Multiples, höhere erwartete Renditen für die verbleibenden Halter.
Das ist im Grunde dasselbe Argument wie bei jeder Risikoprämie: wer ein Asset hält, das andere meiden, wird durch höhere Renditen kompensiert. Hier ist der „Risiko"- Faktor allerdings kein klassisches finanzielles Risiko, sondern ein Reputations- und Norm-Risiko.
Empirisch verstärkt das Phänomen sich seit 2015, weil die ESG-Welle institutionell stark zugenommen hat. Norwegischer Staatsfonds, niederländische Pensionsfonds, CalPERS — alle haben Sin-Stocks teils ausgeschlossen. Der Discount ist messbar.
Tabak: der Spezialfall mit der besten Evidenz.
Tabak verdient eine eigene Betrachtung. Siegels Berechnung von 12 %+ p. a. real seit 1900 ist nicht in der Sin-Discount-Hypothese allein erklärbar. Zusätzliche Faktoren:
- Cash-Cow-Geschäft: Tabak generiert massive operative Cashflows mit minimalen Reinvestitionsbedarfen.
- Hohe Buybacks und Dividenden: Cashflow wird konsequent zurückgegeben. Über lange Zeiträume macht das den Großteil der Total Return aus.
- Pricing Power: trotz schrumpfender Stückzahlen seit Jahrzehnten steigende Preise und Margen.
- Regulatorische Eintrittsbarrieren: es entstehen keine neuen Tabak-Konzerne, der Markt ist oligopolistisch zementiert.
Aktuell laufen alle großen Tabak-Konzerne auf das Heated-Tobacco-/Vaping-Segment zu (IQOS bei Philip Morris, Glo bei BAT). Das könnte den nächsten Wachstumsschub liefern — oder regulatorisch eingefangen werden. Schwer prognostizierbar.
Ethische Diskussion — kurz, ohne Empfehlung.
Die ethische Frage ist real und individuell. Wer aus persönlicher Überzeugung keine Tabak-, Glücksspiel- oder Waffenaktien halten möchte, sollte das nicht halten. Die Renditeentscheidung ist hier nachgeordnet — es ist eine Wertentscheidung, keine finanzielle.
Was ich nicht für tragfähig halte, sind „weiche" Argumente in beide Richtungen: weder die Behauptung, ESG-Investments seien renditeschwach (die Evidenz dazu ist gemischt), noch die Behauptung, Sin-Stocks zu meiden mache die Welt besser (auch das ist empirisch fraglich, weil Sin-Stocks von anderen Marktteilnehmern gehalten werden — der Unternehmens-Output ändert sich kaum).
Steuerliche Behandlung in Deutschland.
Für deutsche Privatanleger gibt es bei Sin Stocks keine steuerlichen Besonderheiten. Es gilt die normale Kapitalertragsteuer von 25 % plus Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer. Die Teilfreistellung bei Aktien-Fonds (30 %) greift auch für Sin- Stocks-ETFs. Wichtig: viele Sin-Stocks sind US-Werte mit Quellensteuer-Anrechnung zu beachten.
Konkrete Umsetzung: ETFs und Direkt-Aktien.
ETF-Optionen (UCITS, fuer DE-Anleger):
- VanEck Defense ETF (DFEN.DE / DFNS.L)
Defense-fokussiert, RTX/LMT/NOC/RHM Top-Holdings
- VanEck Global Defence Industry UCITS ETF
Globale Diversifikation inkl. BAE und Asien
- HANetf Future of Defence UCITS ETF (NATO.L)
NATO-fokussierte Defense-Aktien
ETFs mit Sin-Stocks-Tilt (US-domiziliert, fuer EU schwierig):
- USA Mutuals Vice Fund (VICEX)
Klassischer Sin-Stock-Fonds, in DE nicht zugaenglich
Direkt-Aktien (UCITS-freundlich ueber IBKR, Comdirect etc.):
- Tabak: PM, MO, BTI, IMB.L
- Alkohol: BUD, DEO, RI.PA, HEIA.AS
- Defense: LMT, RTX, GD, NOC, RHM.DE, BA.L
- Glucksspiel: MGM, LVS, WYNN, FLTR.L, EVO.ST
Einfacher "Sin Basket" zur Selbstanlage:
- Equal-weight 12 Titel, je 3 pro Subbranche
- Quartalsweises Rebalancing
- Erwartete Vol etwa wie der Markt, leicht hoehere Yield
Meine Praxis: keine ESG-Filterung.
In meinen systematischen Strategien wende ich keine ESG-Filter an. Der Grund ist nicht ideologisch, sondern methodisch: ein ESG-Filter ist eine zusätzliche Restriktion auf das Investierbare-Universum, und Restriktionen senken im Schnitt die Sharpe-Ratio. Wer eine Faktor-Strategie ohne Filter laufen lässt, lässt sie ihre volle Optimierung nutzen. Sobald Tabak, Defense oder Alcohol durch externe Filter ausgeschlossen werden, ist die Strategie suboptimal — egal ob die ausgeschlossenen Aktien gerade gut oder schlecht performen.
Für Mandanten, die explizit ESG-Präferenzen haben, baue ich entsprechende Filter ein und akzeptiere die Performance-Implikation. Das ist eine legitime Entscheidung, so wie jede andere Restriktion auch (Branchengewichtung, Country-Tilts, Maximal- Konzentration). Aber sie sollte als das benannt werden, was sie ist: eine Wertentscheidung mit Performance-Kosten — typisch 0,5–1,5 % p. a. über lange Zeiträume.
Sie wollen Faktor- oder Single-Stock-Strategien mit oder ohne ESG-Filter aufsetzen? Erstgespräch buchen — wir besprechen die Implikationen offen und transparent.