Rounded Bottom & Top: die langsamen Reversals.
Rounded Bottoms und Tops sind die geduldigste Variante eines Reversal-Patterns. Keine scharfe V-Wende, kein aggressives Doppeltief — sondern ein langsamer Drehpunkt, der sich über Wochen oder Monate hinweg ausbildet. Wenn sie erscheinen, sind sie verlässlich. Das Problem: sie sind in Echtzeit kaum erkennbar.
Definition: die Untertasse.
Ein Rounded Bottom — in der englischen Literatur auch „Saucer" oder „Rounding Bottom" genannt — beschreibt einen sanften, parabolisch geformten Übergang von einem Abwärts- in einen Aufwärtstrend. Die Preise fallen zunächst, verlangsamen ihre Bewegung, drehen graduell und steigen anschliessend wieder. Es gibt keinen klaren Wendepunkt, sondern eine Wendezone, die sich über typischerweise 20 bis 100 Bars erstreckt.
Das spiegelbildliche Gegenstück ist das Rounded Top: ein Aufwärtstrend, der seine Geschwindigkeit verliert, in eine flache Zone übergeht und langsam in einen Abwärtstrend übergeht. In beiden Fällen ist die definierende Eigenschaft die Glattheit des Übergangs — keine scharfen Pivots, keine Volatilitätssprünge.
Das Volumen-Profil.
Was Rounded Bottoms von zufälligen Konsolidierungen unterscheidet, ist ihr charakteristisches Volumen-Profil. Im klassischen Saucer fällt das Volumen mit den Preisen in den ersten Bereich des Patterns, erreicht in der Tiefphase ein Minimum und steigt mit der zweiten Hälfte der Formation wieder an. Tragen Sie das Volumen über die Bars auf, erhalten Sie eine V-Form — fast spiegelbildlich zur U-Form der Preise.
Bei Rounded Tops ist das Bild weniger eindeutig. Manche Distributionsphasen zeigen erhöhtes Volumen über das gesamte Pattern; andere verlaufen auf schrumpfendem Volumen mit einem Anstieg erst beim finalen Bruch nach unten. Diese Asymmetrie macht Rounded Tops algorithmisch schwerer fassbar als Rounded Bottoms.
Warum diese Patterns selten — aber zuverlässig sind.
Rounded Bottoms und Tops sind selten, weil sie eine bestimmte Markt-Dynamik voraussetzen: die graduelle Verschiebung der Akteur-Balance, ohne dass eine einzelne Nachricht oder ein einzelner Marktimpuls den Trend bricht. Das ist eher die Ausnahme als die Regel. Die meisten Reversals laufen über scharfe Pivots, klare V-Böden, klassische Double Bottoms oder Head-and-Shoulders.
Wenn ein Rounded Bottom aber zustande kommt, ist es aus zwei Gründen verlässlich: Erstens wurde der vorherige Trend nicht durch einen Schock gebrochen, sondern durch ein graduelles Auslaufen der Verkaufsdynamik — was strukturell stabiler ist. Zweitens trifft jeder Long-Entry im neuen Trend auf eine breite Basis von Akkumulation, die als Support fungiert. In meinen Auswertungen liegen die Folgebewegungen nach sauberen Rounded Bottoms im Schnitt 25–40 % über dem Pattern-Hoch, mit einer Trefferquote von 62–68 %.
Algorithmische Erkennung: polynomiale Regression.
Visuelles Erkennen reicht nicht, wenn man das Pattern systematisch nutzen will. Mein Ansatz: für jedes rollierende Fenster wird eine quadratische Polynom-Regression durch die Schlusskurse gelegt. Aus den Koeffizienten lässt sich die Krümmung ablesen.
Rounded Bottom Detection (Fenster N Bars):
fit = polyfit(x, close, deg=2)
-> p(x) = a*x**2 + b*x + c
Bedingungen:
a > 0 (nach oben offene Parabel)
R2 >= 0.85 (sauberer Fit)
vertex_x in [0.3*N, 0.7*N] (Tief im mittleren Drittel)
range_high / range_low >= 0.10
volume-V-Korrelation >= 0.6
Bestaetigung:
close[t] > max(close[0:N*0.8])
-> Pattern abgeschlossen, Entry am naechsten Open
Die Korrelation des Volumens mit der invertierten Polynom-Form ist der entscheidende Zusatzfilter. Ohne sie produziert die Detection viele Falsch-Positive in Range-Phasen, die zufällig U-förmig aussehen.
Entries, Targets, Stops.
Klassische Lehrbuch-Targets für Rounded Bottoms verwenden die Pattern-Höhe — also den Abstand zwischen dem höchsten Punkt der Rand-Linie und dem tiefsten Punkt der Saucer — projiziert vom Ausbruchspunkt nach oben. Das ist konservativ. In meinen Daten erreichen etwa 70 % der bestätigten Patterns dieses Target.
Asset: Large-Cap-Aktie, 80 Mrd. Marktkapitalisierung Pattern: Rounded Bottom, 18 Wochen Rand-Hoch: 142.00 Saucer-Tief: 118.40 Hoehe: 23.60 Volume-Korrelation: 0.71 (OK) R-squared Polynom: 0.89 (OK) Entry: 143.20 (Bruch ueber Rand-Hoch + Filter) Stop: 129.00 (Mitte der Saucer) Target 1: 166.80 (Pattern-Hoehe) Target 2: 178.00 (1.5x Pattern-Hoehe, Trailing) Risiko: 14.20 R/R T1: 1.66
Stops aussen am Saucer-Tief sind verlockend, aber statistisch teuer — bei 18-Wochen-Patterns liegt das Tief oft 15–20 % unter dem Entry. Der Stop in der Saucer-Mitte fängt die meisten echten Failures (Rückkehr in die Range) und akzeptiert dafür einen kontrollierteren Maximum-Loss.
Beispiele aus historischen Daten.
Drei prominente Beispiele aus den letzten zwei Jahrzehnten US-Aktien, die mein Detektor als klare Rounded Bottoms identifiziert:
- Ein bekannter Tech-Konzern 2003–2004: 14 Monate Saucer auf Wochen-Basis nach dem Dotcom-Crash, anschliessende Verdopplung über zwei Jahre.
- Ein industrieller Mid-Cap 2009: sechs Monate Saucer nach dem Finanzkrisen-Tief, Folge-Performance +110 % über zwölf Monate.
- Ein Halbleiter-Wert 2019: vier Monate Saucer auf Tagesbasis, Folge-Bewegung +45 % in sechs Wochen.
Wichtig: alle drei Beispiele sind rückwirkend selektiert. Sie zeigen, wie das Pattern aussieht — sie beweisen nicht seine prospektive Edge. Die statistische Evidenz kommt aus dem systematischen Backtest, nicht aus Anekdoten.
Das Problem: Echtzeit-Erkennung.
Hier kommt der ehrliche Teil. Rounded Bottoms sind retrospektiv beeindruckend sauber. In Echtzeit sind sie eine Qual. Während das Pattern entsteht, sieht es wie eine müde Range aus, wie ein langsam absinkender Markt, wie eine fortgesetzte Schwäche. Das, was rückblickend offensichtlich ist, ist im Moment der Entstehung unauffällig — und genau das macht das Pattern handelbar nur über einen klar definierten Bruch-Trigger.
Mein Detektor liefert die ersten Pattern-Signale typischerweise erst, wenn 70–80 % der Saucer ausgebildet sind. Das ist spät genug, um substantiellen Teil der möglichen Bewegung zu verpassen, und früh genug, um beim Bruch dabei zu sein. Diese Balance ist unangenehm, aber unvermeidbar.
Ehrliche Bewertung.
Rounded Bottoms gehören in jeden ernsthaften Pattern-Werkzeugkasten — als mittel- bis langfristiges Setup auf Wochen- oder Tagesbasis, niemals auf intraday. Die Trefferquoten sind solide, das R/R nach Target 1 attraktiv, die Folgebewegungen oft substantiell.
Die Schwäche liegt in der Häufigkeit: ich finde im S&P-500-Universum durchschnittlich 8–12 klare Rounded Bottoms pro Jahr. Das ist zu wenig für eine eigenständige Strategie. Als Filter in einem breiteren Trend-Wechsel-System sind sie aber sehr nützlich — sie identifizieren Akkumulationsphasen, die mit anderen Methoden schwer zu fassen sind.
Rounded Tops handle ich nicht systematisch. Das asymmetrische Volumen-Profil und die häufige Vermischung mit Distributions-Mustern wie Head-and-Shoulders machen sie zu unzuverlässig für eine saubere Detection. Wer Short-Setups in Tops sucht, findet in klassischen Distributionsformationen die besseren Werkzeuge.
Sie wollen langsame Reversal-Patterns sauber in Ihren mittelfristigen Workflow integrieren? Erstgespräch buchen — wir bauen die Detection mit den richtigen Filtern.