Robo-Advisors vs. eigene Strategie: was passt zu wem?
Robo-Advisors sind die freundlichste Erfindung der deutschen Finanzbranche seit dem ETF-Sparplan — und gleichzeitig eines der am häufigsten falsch verkauften Produkte. Hier eine ehrliche Betrachtung, was sie können, was sie kosten und ab wann es sich lohnt, eigene Wege zu gehen.
Marktüberblick: wer macht in Deutschland was?
Der deutsche Robo-Markt hat sich auf eine überschaubare Zahl ernstzunehmender Anbieter konsolidiert. Grob lassen sie sich in drei Kategorien einteilen:
- ETF-Robos für Retail: Scalable Capital (ab 1 €), Quirion (ab 500 €), VisualVest (ab 25 €), Whitebox (ab 25 €). Standard-ETF-Allokationen mit unterschiedlich aktivem Overlay.
- Premium-Robos für vermögende Kunden: Liqid (ab 100 k €), Estably (ab 25 k €), Solidvest (ab 100 k €). Differenziertere Strategien, Zugang zu alternativen Asset-Klassen, persönliche Beratung.
- Bank-eigene Lösungen: comdirect cominvest, ING Komfort-Anlage, DKB-Robos. Meist white-label-Lösungen auf Basis von einem der oben genannten.
Was alle gemeinsam haben: ein Risikoprofiling per Fragebogen, eine ETF-basierte Allokation, automatisches Rebalancing, häufig ein „aktives" Element (Value-at-Risk-Steuerung bei Scalable, Liqid Select-Komponenten, etc.). Was sie unterscheidet, sind im Wesentlichen Kosten, Mindestbeträge und die Tiefe der angebotenen Strategie.
Was kosten sie wirklich?
Die Gebührenstruktur hat zwei Ebenen, und genau hier fängt der Vergleich an, schief zu werden:
- Service-Gebühr: typischerweise 0,3–1,0 % p. a. auf das verwaltete Vermögen. Scalable bei 0,75 % (Standard), Quirion ab 0,48 %, Liqid 0,5–0,9 % je nach Strategie.
- Produkt-Kosten: die Total Expense Ratio der eingesetzten ETFs, meist 0,15–0,30 % p. a. Bei Robos mit aktiven Komponenten oder Alternative Investments deutlich höher (bis 0,8 %).
In Summe liegen die meisten Robos bei einer Total Cost of Ownership von 0,7–1,3 % p. a. Das klingt überschaubar, ist es aber nicht. Bei 9 % erwarteter Marktrendite bedeutet 1 % Kosten eine Reduktion der Endrendite um etwa 18 % über 30 Jahre — die Differenz zwischen einer Verzehnfachung und einer Verzwölffachung des Kapitals.
Ehrliche Performance: liegen sie über oder unter dem Markt?
Hier die unbequeme Wahrheit: die überwältigende Mehrheit der Robo-Advisors hat in den letzten 5–7 Jahren unter einer einfachen 70/30-Allokation (70 % MSCI World, 30 % Euro-Anleihen) performt — und sehr deutlich unter einem reinen S&P-500-ETF. Das hat zwei Gründe.
Erstens: Robos sind in der Regel global breit diversifiziert und enthalten Anleihen, Emerging Markets, manchmal Rohstoffe. Diese Diversifikation ist langfristig richtig, hat in der Aktien-Hausse 2015–2021 aber Performance gekostet, weil die USA so dominant gelaufen sind.
Zweitens: die Service-Gebühren reduzieren die Rendite jedes Jahr. Wer Scalable mit 0,75 % bezahlt und einen ETF mit 0,2 % TER nutzt, gibt strukturell jedes Jahr knapp 1 % gegenüber einem DIY-Anleger ab, der dieselbe Allokation selbst hält. Über 20 Jahre macht das den Unterschied zwischen 5,7× und 4,9× Endkapital.
Wann ein Robo trotzdem die richtige Wahl ist.
Robo-Advisors lohnen sich in drei klar definierten Szenarien:
- Kleine Beträge unter 25 k €, wenn der Anleger keine Lust hat, sich mit Allokation und Rebalancing zu beschäftigen. Die 0,5–0,8 % Mehrkosten sind in absoluten Zahlen tragbar, und die Alternative ist meistens nicht „selbst optimal investieren", sondern „gar nicht investieren" oder „auf dem Tagesgeld liegen lassen".
- Disziplin-Problem: wer nachweislich dazu neigt, im Crash zu verkaufen, ist mit einem Robo besser bedient, der das Rebalancing automatisch übernimmt und psychologisch eine Distanz zum Markt schafft. Die emotionale Komponente ist real und teurer als die Gebühren.
- Zeitmangel: wer einen anspruchsvollen Job hat und keine 2 Stunden im Monat in Portfolio-Pflege investieren will, sollte 0,7 % p. a. zahlen statt schlecht selbst zu verwalten.
Wann eine eigene systematische Strategie besser ist.
Ab einem Vermögen von etwa 250 k € beginnt sich der Eigenbau zu rechnen — vorausgesetzt, der Anleger ist bereit, etwa 4–8 Stunden im Monat in die Verwaltung zu investieren. Bei 500 k € sind 0,8 % Robo-Gebühren bereits 4.000 € pro Jahr, bei 1 Mio. € sind es 8.000 €. Für diesen Betrag bekommt man ein anständiges Vermögensverwaltungs-Setup mit drei bis fünf ETFs, einem klaren Rebalancing-Regelwerk und gegebenenfalls ein aktives Sleeve.
Die eigene Strategie schlägt den Robo nicht durch bessere Auswahl, sondern durch Kostenersparnis. Ein simples 4-ETF-Portfolio (MSCI World, EM, globale Anleihen, Gold) mit jährlichem Rebalancing kostet als TCO unter 0,2 % p. a. Das sind 50–80 Basispunkte weniger als jeder Robo — eingenommen ohne Wetten, ohne Markt-Timing, allein durch das Wegfallen der Service-Gebühr.
Total Cost of Ownership — die echte Rechnung.
Bei 500.000 € Anlagevolumen über 20 Jahre sieht die Rechnung beispielhaft so aus, bei angenommenen 7 % p. a. Brutto-Rendite:
- DIY-ETF-Portfolio, TCO 0,2 %: Endwert ca. 1,86 Mio. €.
- Günstiger Robo (Quirion, TCO 0,7 %): Endwert ca. 1,70 Mio. €.
- Standard-Robo (Scalable, TCO 1,0 %): Endwert ca. 1,61 Mio. €.
- Premium-Robo (Liqid, TCO 1,2 %): Endwert ca. 1,55 Mio. €.
Die Differenz zwischen DIY und Premium-Robo: etwa 310.000 € über 20 Jahre. Das ist die echte Frage: ist Ihnen die Bequemlichkeit, das Outsourcing der Disziplin und gegebenenfalls die Beratung diesen Betrag wert? Für manche ja, für manche nein. Beide Antworten sind legitim, aber sie müssen mit voller Zahl getroffen werden, nicht mit „kostet ja nur 0,8 %".
Meine Empfehlung je nach Lebensphase und Vermögen.
- Berufseinstieg, Vermögen unter 25 k €: ein klassischer ETF-Sparplan über einen Discount-Broker (Trade Republic, Scalable Free Broker). Robo ist Overhead, den Sie nicht brauchen.
- Aufbauphase, 25–250 k €: Robo macht Sinn, wenn die Zeit fehlt. Persönliche Empfehlung in dieser Klasse wäre Quirion oder Whitebox (günstig, transparent). Wer 2 Stunden im Monat Zeit hat, fährt mit einem Drei-ETF-Portfolio selbst besser.
- Etabliert, 250 k – 1,5 Mio. €: eigenes Setup mit 4–6 ETFs, gegebenenfalls ein aktives Sleeve. Hier sparen Sie ab 2.000 € pro Jahr Gebühren, die anderswo besser eingesetzt sind.
- Vermögend, 1,5–10 Mio. €: weder klassischer Robo noch reines DIY. Hier wird die Frage nach Struktur (Mantel, Holding), Steuern und Diversifikation über mehrere Manager relevant — das geht über das hinaus, was ein Robo liefern kann.
- Über 10 Mio. €: Family-Office-Lösung oder mehrere Vermögensverwaltungs-Mandate. Robos sind hier strukturell nicht das richtige Produkt.
Worauf ich bei der Auswahl achten würde.
Wenn es doch ein Robo werden soll, lohnt sich ein Blick über die Werbe-Versprechen hinaus:
- All-in-Kosten klar ausweisen lassen — inklusive Produktkosten. Manche Anbieter werben mit niedriger Service-Gebühr, kompensieren das aber über teurere Eigen-Produkte.
- Steuerstatus: nutzt der Anbieter thesaurierende ETFs, die Steuern stunden? Wird der Sparerpauschbetrag automatisch beachtet?
- Echte Performance-Historie über mindestens 5 Jahre — und zwar nach allen Kosten, nicht eine theoretische Backtest-Rendite.
- Exit-Bedingungen: wie schnell und zu welchen Kosten kommt man wieder raus? Bei einigen Premium-Anbietern dauert das Wochen.
Robo-Advisors sind ein gutes Produkt für die Zielgruppe, für die sie gemacht sind: Menschen, die einfach anfangen wollen, ohne sich tief einzulesen. Für vermögende Anleger oder Menschen, die Spaß an Selbst-Verwaltung haben, sind sie meistens zu teuer für das, was sie liefern. Beide Aussagen können gleichzeitig wahr sein.
Sie überlegen, ob ein Robo-Advisor in Ihrer Situation sinnvoll ist — oder ob Sie besser selbst aufstellen? Erstgespräch buchen — ich rechne Ihnen die TCO-Differenz für Ihr konkretes Volumen durch.