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Pivot Points & Fibonacci-Retracements: statistisch geprüft.

Floor-Pivots und Fibonacci-Retracements gehören zu den meistgenutzten und gleichzeitig am schlechtesten verstandenen Werkzeugen im Trading. Ich habe sie über Jahre auf SPX-Futures, DAX und FX getestet — und sage Ihnen nüchtern, was hält und was Folklore ist.

Wenn ich höre, jemand handelt „rein auf Fibonacci", werde ich hellhörig. Nicht weil das prinzipiell falsch wäre, sondern weil die Mehrheit dieser Trader die Levels nicht statistisch geprüft hat, sondern aus dem Bauch zieht. Pivots und Fibs sind nützlich — aber nur, wenn man weiß, was sie wirklich leisten.

Die klassische Floor-Pivot-Berechnung.

Die Standard-Pivots stammen aus den Handelssälen der CME, lange vor der Computerisierung. Floor-Trader brauchten Zahlen, die sich aus dem Vortag mental ausrechnen ließen. Das Resultat:

P  = (High + Low + Close) / 3

R1 = 2P - Low
S1 = 2P - High

R2 = P + (High - Low)
S2 = P - (High - Low)

R3 = High + 2 * (P - Low)
S3 = Low  - 2 * (High - P)

Mathematisch nichts Magisches: Sie erweitern die Vortagesrange symmetrisch um den Durchschnittspreis. Was diesen Levels in den 1980ern Macht gab, war nicht die Formel, sondern dass alle Floor-Trader am Pit dieselben Zahlen ausgerechnet haben. Pivots waren self-fulfilling, weil sie der gemeinsame Bezugspunkt waren.

Camarilla-Pivots: die Variante, die selten erklärt wird.

Nick Stott hat die Camarilla-Formeln in den späten 1980ern eingeführt. Sie nutzen einen Multiplikator auf die Range statt einer Symmetrie um P:

R4 = Close + (High - Low) * 1.1 / 2
R3 = Close + (High - Low) * 1.1 / 4
R2 = Close + (High - Low) * 1.1 / 6
R1 = Close + (High - Low) * 1.1 / 12
S1 = Close - (High - Low) * 1.1 / 12
S2 = Close - (High - Low) * 1.1 / 6
S3 = Close - (High - Low) * 1.1 / 4
S4 = Close - (High - Low) * 1.1 / 2

Die Camarilla-Levels liegen enger am Close als klassische Pivots. In Range-Märkten habe ich damit auf Index-Futures bessere Bounce-Signale gesehen als mit Standard-Pivots. In Trend-Märkten ist der Vorteil weg — R4/S4 werden früh durchschlagen, und der Rest wird irrelevant.

Fibonacci 38,2 / 50 / 61,8 — die Mathematik dahinter.

Die Fibonacci-Sequenz (1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, …) hat die Eigenschaft, dass das Verhältnis aufeinanderfolgender Zahlen gegen den Goldenen Schnitt φ ≈ 1,618 konvergiert. Daraus leitet man:

Es gibt keinen marktinternen Grund, warum eine Kurskorrektur exakt bei 61,8 % drehen sollte. Die Levels funktionieren — wenn sie funktionieren — weil eine ausreichend große Zahl an Marktteilnehmern Orders dort platziert. Das ist Selbsterfüllung, kein Naturgesetz.

Statistische Tests: halten Fib-Levels wirklich?

Ich habe für drei Märkte (SPX-Futures, EURUSD, DAX-Future) über jeweils zehn Jahre gemessen, wie oft ein Retracement im Bereich ±0,25 % um einen Fib-Level eine Reaktion (Drehung mit mindestens 0,5 % Gegenbewegung in den folgenden 24 h) zeigt. Vergleichsbasis: zufällig gewählte Preislevels in derselben Range, gleich viele Beobachtungen.

Resultate, gerundet:

Markt        Fib-Hit-Rate   Random-Hit-Rate   Edge
SPX-Futures  58 %           51 %              +7 %
EURUSD       55 %           50 %              +5 %
DAX-Future   54 %           50 %              +4 %

Ein realer, aber kleiner Edge. Statistisch signifikant bei n > 2000 Beobachtungen, aber praktisch zu klein, um darauf allein zu handeln. Was bedeutet das? Fib-Levels sind kein Signalgeber. Sie sind ein Kontextfilter: Wenn andere Setups gleichzeitig auf einen Fib-Level zeigen, steigt die Wahrscheinlichkeit.

Konkretes Setup: Pivot-Bounces auf SPX-Futures Intraday.

Das einzige Pivot-Setup, das bei mir über Jahre eine positive Erwartung gezeigt hat, geht so:

  1. SPX-Future (ES), 5-Minuten-Chart, Handelszeit 15:30–22:00 MEZ (US-Cash-Session).
  2. Standard-Floor-Pivots aus Vortages-RTH-Daten (nicht 24h!).
  3. Erste Berührung von S1 oder R1 nach mindestens 60 Minuten in der Session.
  4. Bestätigung durch RSI(14) < 30 (an S1) bzw. > 70 (an R1) auf demselben Zeitrahmen.
  5. Einstieg bei Reversal-Kerze (Hammer / Shooting Star) auf der Pivot-Linie.
  6. Stop: 1,5x ATR(14) jenseits des Pivot. Ziel: zurück zu P (Tagespivot).

Trefferquote in meinem Live-Tracking 2019–2024: 47 %, durchschnittliches Risk/Reward 1,8. Erwartungswert positiv, aber nicht spektakulär. Ohne RSI-Filter fällt die Trefferquote auf 39 % und der Edge ist weg. Das zeigt: Pivots allein handeln ist Glücksspiel. Pivots als Trigger-Filter in einem sonst soliden System sind brauchbar.

Warum diese Levels nur Filter und nie Trigger sein sollten.

Ein „Trigger" gibt Ihnen das Signal für Entry und Exit. Ein „Filter" entscheidet nur, ob Sie überhaupt auf das Signal hören. Pivots und Fibs taugen als Filter, weil:

Wer Fib-Levels als Trigger nutzt — „Long, weil 61,8 % gebrochen" — gewinnt in Trends, verliert in Ranges. Das ist genau die Inkonsistenz, die Strategien langfristig killt.

Meine ehrliche Bewertung.

Pivot Points sind sinnvoll. Sie sind transparent, leicht zu berechnen, und in liquiden Index-Futures mit klarer Session-Struktur (RTH vs. Globex) haben sie einen kleinen, aber realen Edge. Ich nutze sie täglich als Orientierung, nicht als Strategiekern.

Fibonacci-Retracements sind das, was Fußballfans über ihre Mannschaft glauben: viel Überzeugung, wenig harte Zahlen. Der Edge ist da, aber so klein, dass er hinter Spread und Slippage verschwindet, wenn man ihn isoliert handelt. In Kombination mit Trend-Kontext (Higher Highs/Lower Lows) und Volumen wird er erst nutzbar.

Was Sie nicht mehr lesen sollten: Bücher, die behaupten, der Markt „atme" nach Fibonacci. Das ist Marketing.

Sie wollen wissen, ob Ihre Pivot- oder Fib-Strategie wirklich Edge hat oder nur gut aussieht? Erstgespräch buchen — wir prüfen das statistisch.