Parabolic SAR: Wilders Klassiker — robust oder veraltet?
J. Welles Wilder hat den Parabolic SAR 1978 in „New Concepts in Technical Trading Systems" vorgestellt — im selben Buch wie RSI, ATR und ADX. Fast 50 Jahre später ist die Frage berechtigt: hält der SAR der modernen Marktdynamik noch stand? Die kurze Antwort: teilweise.
SAR steht für „Stop and Reverse". Wilder konstruierte den Indikator als Trailing-Stop- System für Trendmärkte. Die Idee ist elegant: ein Punkt unter (oder über) dem Preis, der bei jedem neuen Hoch (Tief) im Trend näher an den Preis heranrückt — anfangs langsam, dann beschleunigend.
Wie der SAR funktioniert.
Die Formel ist iterativ. Beim Long-Trend:
SAR(t+1) = SAR(t) + AF × (EP − SAR(t))
EP = Extreme Point (höchstes High seit Trend-Beginn)
AF = Acceleration Factor (startet bei 0.02, steigt um 0.02
bei jedem neuen EP, bis maximal 0.20)
Bei Long: SAR liegt unter Preis. Wenn Preis SAR berührt → Reverse zu Short.
Bei Short: SAR liegt über Preis. Wenn Preis SAR berührt → Reverse zu Long.
Der parabolische Charakter kommt daher: der AF beschleunigt mit jedem neuen Hoch, der SAR rückt also exponentiell näher an den Preis. In starken Trends ist das genial, weil der Stop den Gewinn dynamisch absichert. In Seitwärtsphasen ist es eine Katastrophe, weil die Stop-Reverses am laufenden Band ausgelöst werden.
Standard-Settings — und warum sie selten optimal sind.
Wilders Originalwerte: Start-AF 0,02, Step 0,02, Max 0,20. Diese Werte wurden 1978 an Rohstoff-Tagesdaten kalibriert. Märkte sind seitdem schneller geworden, die Tick-Frequenz hat zugenommen, intraday-Bewegungen sind anders strukturiert.
Was ich in Optimierungen gesehen habe:
- Auf liquiden FX-Paaren (H1): optimaler AF-Step zwischen 0,01 und 0,03, Max 0,15–0,25. Standard ist nicht furchtbar, aber selten optimal.
- Auf Krypto (BTC, D1): optimaler Start-AF deutlich höher, etwa 0,04, Max bis 0,30. Krypto trendet aggressiver, der Trail muss schneller mitziehen.
- Auf Aktien-Indizes (M30): optimaler Start-AF niedriger, etwa 0,015. Indizes haben mehr Mean-Reversion, ein zu schneller SAR wird zu früh getriggert.
Wichtig: alle diese Werte sind in-sample optimiert. In Walk-Forward-Tests verliert die Optimierung viel an Schärfe — die Standard-Werte 0,02/0,02/0,20 sind eine erstaunlich brauchbare Default-Wahl, wenn man nicht massiv über-fitten will.
SAR als Trailing-Stop vs. als Signal-Generator.
Hier liegt für mich die Hauptaussage. Der SAR als Trailing-Stop in einem Trend-Setup ist solide. Sie nehmen ein Signal von einem anderen System (z. B. Breakout, Moving-Average-Cross), und der SAR managt den Stop. Das funktioniert.
Der SAR als Entry-Signal (jedes SAR-Reverse = neue Position) ist in den meisten Märkten ein Whipsaw-Generator. In Range-Phasen wechselt der SAR im 2–5-Bar-Rhythmus, jeder Wechsel kostet Spread und Slippage.
SAR-Backtest auf EURUSD H1, 2015–2024: Als reines Entry-Signal (jedes Reverse): Trades: 4.823 Win-Rate: 38 % Profit-Factor: 0,91 → verliert Geld Sharpe: -0,12 Als Trailing-Stop in MA(50)-Cross-System: Trades: 612 Win-Rate: 44 % Profit-Factor: 1,38 Sharpe: 0,68
Der Unterschied ist eklatant. Derselbe Indikator, einmal als Trigger, einmal als Exit-Logik — und die Performance dreht sich von „verliert Geld" zu „solides System".
SAR-Whipsaws in Range-Märkten.
Das Hauptproblem des SAR: er kennt keinen „Stillstand". Er hat immer entweder Long- oder Short-Position. Wenn der Markt seitwärts läuft, oszilliert er an der Mittellinie entlang. In meinen Tests auf S&P-500 H1 von 2022 (klassisches Range-Jahr) hat ein reiner SAR 187 Reverses produziert, davon 71 % verlustreich. Das war keine Strategie, das war eine Spread-Pumpe für den Broker.
SAR in Kombination mit ADX-Filter.
Was den SAR rettet: ein vorgeschalteter Trend-Filter, der den Indikator nur in echten Trendphasen aktiviert. ADX(14) > 25 ist der klassische Filter. Das eliminiert die meisten Whipsaws.
EURUSD H1, 2015–2024, SAR mit ADX-Filter: Ohne Filter: PF 0,91 Sharpe -0,12 Trades 4.823 ADX > 20: PF 1,09 Sharpe 0,14 Trades 2.118 ADX > 25: PF 1,21 Sharpe 0,31 Trades 1.347 ADX > 30: PF 1,27 Sharpe 0,28 Trades 612
Der ADX-Filter macht den SAR von einer Verlust-Strategie zu einer marginal profitablen. Beachten Sie: bei ADX > 30 bricht die Sharpe wieder leicht ein, weil die Trade-Anzahl zu klein wird — ein klassischer Trade-off zwischen Filter-Härte und statistischer Robustheit.
Konkrete Implementation mit MetaTrader 5.
In MT5 ist der SAR als Built-in vorhanden. Das ist praktisch, aber Sie müssen wissen, wie Sie den iSAR-Handle korrekt referenzieren:
// MQL5 — SAR-Trailing in einem EA int sarHandle; double sarBuf[]; int OnInit() { sarHandle = iSAR(_Symbol, PERIOD_H1, 0.02, 0.20); if (sarHandle == INVALID_HANDLE) return INIT_FAILED; ArraySetAsSeries(sarBuf, true); return INIT_SUCCEEDED; } void TrailingStop() { if (CopyBuffer(sarHandle, 0, 0, 3, sarBuf) < 3) return; for (int i = PositionsTotal() - 1; i >= 0; i--) { if (!PositionSelectByTicket(PositionGetTicket(i))) continue; if (PositionGetString(POSITION_SYMBOL) != _Symbol) continue; double newSL = sarBuf[1]; // SAR der letzten geschlossenen Kerze double curSL = PositionGetDouble(POSITION_SL); long type = PositionGetInteger(POSITION_TYPE); if (type == POSITION_TYPE_BUY && newSL > curSL) trade.PositionModify(PositionGetTicket(i), newSL, 0); if (type == POSITION_TYPE_SELL && newSL < curSL) trade.PositionModify(PositionGetTicket(i), newSL, 0); } }
Wichtig: ich nehme bewusst sarBuf[1] — den SAR der letzten geschlossenen
Kerze, nicht der aktuell laufenden. Sonst läuft der Stop intra-bar mit jeder Tick-
Bewegung mit, das produziert Mikro-Repositionierungen und Broker-Probleme.
Ehrliche Bewertung.
Was der SAR kann, ist eng begrenzt — und genau dort gut:
- Trailing-Stop in echten Trends: solide, einfach zu implementieren, robust gegen Parameter-Drift.
- Visuelles Trend-Tool: auf einen Blick erkennen, ob der Markt seriös aufwärts läuft. Der SAR „springt" deutlich, wenn ein Trend bricht.
Was er nicht kann:
- Reverse-Signale generieren. Reaktiver, lagging Indikator — bis das Reverse kommt, ist der Move schon halb gelaufen.
- Range-Märkte überleben. Ohne ADX-Filter zerlegt der SAR jede Range-Phase finanziell.
- Mit modernen Volatilitäts-Regimes klarkommen. Bei Vola-Spikes und News-Events springt der SAR oft kontraproduktiv.
Mein praktisches Urteil: Wilders SAR ist nicht veraltet, aber er ist nicht das, wofür ihn viele Anleger halten. Als Stand-Alone-System ist er tot. Als Trailing-Stop- Komponente in einem sauberen Trendfolge-System ist er nach wie vor brauchbar — und mit nur drei Parametern eines der parametersparsamsten Werkzeuge im technischen Werkzeugkasten. Das hat Wert.
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