Money Flow Index (MFI): RSI mit Volume-Komponente.
Der Money Flow Index wird gern als „besserer RSI“ verkauft, weil er das Handelsvolumen einrechnet. In meinen Backtests zeigt sich: meistens ist der Unterschied klein, manchmal macht er aber genau das, wofür man ihn gebaut hat — er erkennt Tops und Bottoms früher als der reine Preis-RSI.
Gene Quong und Avrum Soudack haben den MFI Ende der 1980er als Volumen-erweiterten RSI entwickelt. Die Idee ist einfach: Bewegungen, die mit hohem Volumen kommen, zählen mehr als Bewegungen ohne Volumen. Das klingt zunächst plausibel — und ist in liquiden Märkten mit echtem Volumen tatsächlich messbar. In FX oder anderen Märkten ohne zentralen Handelsplatz wird die Sache schnell akademisch.
Wie der MFI berechnet wird.
Der MFI baut in vier Schritten auf:
- Typical Price: TP = (High + Low + Close) / 3
- Raw Money Flow: RMF = TP × Volume
- Positive / Negative Money Flow: Wenn der aktuelle TP > vorheriger TP, zählt RMF als positiv; sonst als negativ. Über N Perioden (Standard 14) summieren.
- Money Flow Ratio & Index: MFR = Σ Positive MF / Σ Negative MF, MFI = 100 − (100 / (1 + MFR))
Die Skala läuft, wie beim RSI, von 0 bis 100. Klassische Trigger sind 80 für „überkauft“ und 20 für „überverkauft“ — etwas extremer als die RSI-Standardwerte 70/30, weil der MFI durch das Volumen volatiler ausschlägt.
MFI vs. RSI — wo der Unterschied liegt.
Mathematisch zerlegt: der RSI gewichtet jede Kerze gleich, der MFI gewichtet sie mit ihrem Volumen. In ruhigen Seitwärtsphasen, in denen das Volumen ungefähr konstant bleibt, laufen beide Indikatoren nahezu identisch. Sobald sich Volumen-Spitzen oder Volumen-Lücken einstellen, divergieren die Kurven.
Ein typisches Beispiel: ein Stock bricht auf hohem Volumen aus. Der RSI zeigt z. B. 65 — grenzwertig, aber nicht überkauft. Der MFI ist bei 84, weil das hohe Volumen die positive Money-Flow-Seite stark belastet hat. Hier liefert der MFI das frühere Warnsignal.
Umgekehrt: ein Wert läuft auf dünnem Volumen seitwärts mit leichter Aufwärtstendenz. RSI steht bei 72, MFI bei 58. Der MFI sagt: „Da ist kein echter Käuferdruck dahinter.“ Wer short geht, hat mit dem MFI das stabilere Signal.
Klassische 80/20-Trigger.
Die Lehrbuch-Logik: MFI > 80 = überkauft, MFI < 20 = überverkauft. In der Praxis taugt das für sich allein nichts. In starken Trends bleibt der MFI wochenlang über 80, ohne dass eine Korrektur kommt — wer dort blind shortet, wird ausgewickelt.
Was ich tatsächlich nutze: die 80/20-Linien nicht als Trigger, sondern als Context-Filter. Long-Entries nur, wenn MFI vorher unter 20 war und nun wieder aufwärts dreht. Short-Entries nur nach MFI > 80 und einer Rückkehr unter 80. Das reduziert Fehlsignale erheblich, kostet aber Trades.
MFI-Divergenzen als Frühwarnsignal.
Das ist die einzige MFI-Anwendung, die in meinen Tests robust überlebt: bearishe und bullishe Divergenzen. Wenn der Preis ein neues Hoch macht, der MFI aber niedriger steht als beim letzten Hoch, hat die Bewegung an Volumen-Substanz verloren. Das ist oft ein sehr frühes Warnsignal für eine bevorstehende Korrektur.
Konkret bei US-Einzelaktien, Tagesdaten, MFI(14): In Auswertungen klassischer bearisher Divergenzen (neues 20-Tages-Preishoch ohne neues MFI-Hoch, Short erst nach Bestätigung durch eine MFI-Kreuzung unter 70) zeigen MFI-Divergenzen oft eine etwas höhere Trefferquote als dieselbe Logik mit dem reinen RSI.
Das Problem mit FX.
FX-Märkte haben kein zentrales Volumen. Was Ihr Broker als „Volumen“ anzeigt, sind Tick-Zahlen — also wie oft sich der Kurs bewegt hat. Tick-Volumen korreliert teilweise mit echtem Volumen, aber eben nur teilweise, und je nach Paar und Zeitrahmen unterschiedlich stark.
Praktische Konsequenz: MFI auf EURUSD ist nicht unbrauchbar, aber er liefert keinen klaren Vorteil gegenüber RSI. Auf EURUSD liefert eine MFI-Divergenz-Strategie typischerweise keinen messbaren Vorteil gegenüber derselben Logik mit dem RSI — Unterschiede liegen im statistischen Rauschen.
Konkretes Setup auf liquide US-Aktien.
Ein typisches Beispiel ist ein MFI-Reversal-Setup auf US-Large-Caps mit durchschnittlich > 5 Mio. Stück Tagesvolumen. Die Regeln:
- Universum: S&P-500-Werte mit Median-Volume > 5 Mio. (rolling 50 Tage)
- Trend-Filter: Preis muss über der 200-Tage-EMA liegen (kein Counter-Trend gegen Bär-Märkte)
- Setup: MFI(14) muss in den letzten 5 Tagen mindestens einmal unter 20 gewesen sein
- Trigger: MFI kreuzt 25 von unten
- Stop: 2 × ATR(14) unter Entry
- Exit: MFI erreicht 70 oder Stop ausgelöst
Wichtig beim Backtest eines solchen Setups: realistische Slippage und Kommissionen einrechnen. Sie drücken die Kennzahlen spürbar, und übrig bleibt im besten Fall ein solides, aber kein spektakuläres Ergebnis.
Statistische Tests: schlägt MFI den RSI?
Rechnet man das gleiche Setup mit RSI(14) statt MFI, sonst alles identisch, ergibt sich typischerweise ein Bild wie in diesem illustrativen Rechenbeispiel (keine Messwerte):
MFI-Variante RSI-Variante Differenz
Trades 3.412 3.687 -275
Win-Rate 58,0 % 55,2 % +2,8 pp
Profit-Factor 1,42 1,33 +0,09
Sharpe 0,87 0,79 +0,08
Max-DD -11,3 % -13,1 % +1,8 pp
Der MFI schneidet in solchen Vergleichen oft etwas besser ab, aber der Unterschied ist klein. Ein White-Reality-Check mit Bootstrap-Resamples zeigt dann häufig, dass die Outperformance nur grenzwertig signifikant ist. Wer das als „klare Überlegenheit“ verkauft, übersieht das statistische Rauschen.
Ehrliche Bewertung.
Der MFI ist kein Wundermittel und kein „besserer RSI“ im pauschalen Sinn. Was er kann:
- In hochliquiden Märkten mit echtem Volumen liefert er marginal bessere Signale als der RSI — vor allem bei Divergenzen.
- Er filtert Ausbrüche ohne Volumen-Substanz zuverlässiger als der reine Preis-RSI.
- In FX und auf weniger liquiden Werten verliert er seinen Vorteil komplett.
Was er nicht kann: aus einer schlechten Strategie eine gute machen. Wer den MFI als Stand-Alone-Trigger mit 80/20 nutzt, wird in Trends mehrfach ausgestoppt. Als Filter innerhalb eines sauberen Setups ist er ein nützliches Werkzeug — mehr aber auch nicht.
Sinnvoll sind MFI-basierte Signale vor allem in US-Aktien-Strategien. Auf FX-Setups bringt der MFI erfahrungsgemäß keinen Mehrwert.
Stand: Mai 2026, überarbeitet Oktober 2026. Angaben zu Produkten, Preisen, Gesetzen und Fristen können sich seitdem geändert haben; maßgeblich sind die aktuellen Angaben der Anbieter und Behörden.
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