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Mass Index: Donald Dorseys Reversal-Indikator.

Donald Dorsey hat 1992 den Mass Index vorgestellt — einen Indikator, der nicht Richtung, sondern Range-Expansion misst, und der genau ein klares Signal kennt: den „Reversal Bulge". Charmant simple Idee, prominent in Lehrbüchern, und in der Praxis ein Nischen-Tool mit überschaubarem Nutzen.

Ich finde den Mass Index intellektuell interessant, weil er einen ungewöhnlichen Winkel hat: nicht Momentum, nicht Trend, nicht Volumen, sondern die Geschwindigkeit, mit der sich Bar-Ranges ausdehnen. Aber wer ihn als zuverlässigen Reversal-Trigger handelt, wird in den meisten Märkten enttäuscht.

Die Idee: Range-Expansion als Trendwende-Vorbote.

Dorseys Hypothese: bevor ein Trend dreht, weiten sich die Bar-Ranges auf — der Markt wird volatiler, Spannung baut sich auf. Wenn das passiert, sollte das Verhältnis aus „schneller geglätteter Range" zu „langsamer geglätteter Range" ansteigen und einen kritischen Wert überschreiten. Genau das misst der Mass Index.

Berechnung — kurz und nachvollziehbar.

Der Standard-Mass-Index nach Dorsey:

  1. Range = High − Low je Bar.
  2. EMA1 = EMA(9) der Range.
  3. EMA2 = EMA(9) von EMA1 („double-smoothed").
  4. Ratio = EMA1 / EMA2.
  5. Mass Index = rollierende Summe der Ratio über 25 Bars.
# Mass Index nach Donald Dorsey
import yfinance as yf
import pandas as pd

def mass_index(df, ema=9, sum_win=25):
    rng  = df["High"] - df["Low"]
    e1   = rng.ewm(span=ema, adjust=False).mean()
    e2   = e1.ewm(span=ema, adjust=False).mean()
    ratio = e1 / e2
    return ratio.rolling(sum_win).sum()

df = yf.download("SPY", start="2005-01-01", auto_adjust=True)
mi = mass_index(df)

# Reversal Bulge: MI > 27, dann Dropdown unter 26,5
bulge = (mi.shift(1) > 27) & (mi < 26.5)

Der „Reversal Bulge" als einziger Trigger.

Dorsey definiert das Signal sehr eng: der Mass Index muss zunächst über 27 steigen — das ist der „Bulge" — und dann unter 26,5 zurückfallen. Erst dann wird ein Reversal erwartet. Wichtig: der Mass Index sagt nichts über die Richtung des Reversals. Er signalisiert nur, dass eine Wende plausibel ist.

Genau hier kommt der praktische Pferdefuß: ohne Trend-Filter ist das Signal blind. Steht der Markt in einem Aufwärtstrend und liefert einen Bulge, ist die Erwartung eine Korrektur nach unten. Im Abwärtstrend genau umgekehrt. Wer die Trend-Richtung nicht zusätzlich klärt, schießt im Dunkeln.

Statistische Tests an US-Aktien.

Ich habe den klassischen Bulge-Trigger an 80 großen US-Aktien und an SPY über 20 Jahre Tagesdaten getestet. Bulge erkennen, danach 5/10/20-Tage-Forward-Renditen in Trendrichtung gegen das Signal messen. Ergebnis:

Konsequenz: der Mass Index zeigt zwar überdurchschnittlich oft Reversals an, aber nicht stark genug, um eine eigenständige Strategie zu tragen. Als Filter neben anderen Indikatoren ist er brauchbar, als Trigger schwach.

Konkrete Setups, die zumindest plausibel sind.

Wo der Mass Index strukturell scheitert.

Erstens: in modernen Märkten mit häufigen Volatilitäts-Schocks generiert der Mass Index regelmäßig Bulges, die nicht aus echter Range-Expansion vor einer Wende kommen, sondern aus singulären Event-Tagen (Fed, Earnings). Das verzerrt das Signal.

Zweitens: die Parameter (EMA 9, Summe über 25) sind seit 1992 unverändert und in der Literatur kaum ehrlich revalidiert. Wer sie optimiert, läuft direkt in Overfitting. Wer sie unverändert übernimmt, handelt einen 30 Jahre alten Standard mit nicht-stationären Marktbedingungen.

Drittens: Range-basierte Indikatoren sind anfällig für Gaps. Eröffnungs-Gaps blasen die Range auf und erzeugen künstliche Bulges, die mit der eigentlichen Idee nichts zu tun haben.

Mein Fazit: interessantes Konzept, geringer praktischer Wert.

Der Mass Index ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine charmante Idee in der Literatur einen Platz findet, ohne die statistischen Tests zu bestehen, die heutige Standards verlangen. Wer ihn als Ergänzungs-Filter in einem ausgereiften System einsetzt, gewinnt eine zusätzliche, leicht informative Größe. Wer ihn als zentralen Reversal-Indikator nutzt, baut auf zu wenig.

Ich nutze den Mass Index gelegentlich als Visualisierung von Range-Dynamik, aber nicht als Trade-Trigger. Es gibt schlicht zu viele bessere Werkzeuge — ATR-Perzentile, Realized-Vol-Quotienten, Bollinger-Bandbreite — die das Gleiche transparenter messen.

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