KI im Order-Routing: wie Banken Ihre Trades wirklich ausführen.
Sie drücken auf „Kaufen". Zwischen diesem Klick und dem Fill liegen Algorithmen, die Milliarden bewegen, Venues vergleichen, Marketmaker bezahlen und Spreads optimieren — oder vermasseln. Wer das versteht, wählt seinen Broker bewusst und spart real Geld.
Was Smart Order Routing eigentlich ist.
Smart Order Routing (SOR) ist der Algorithmus, der entscheidet, an welche Handelsplätze eine Order geschickt wird. In den USA gibt es allein für Aktien über 50 regulierte Venues: 16 nationale Börsen (NYSE, Nasdaq, IEX, MEMX, MIAX usw.) und 30+ Alternative Trading Systems (Dark Pools wie UBS ATS, Crossfinder, Sigma X).
Jeder Venue hat andere Gebührenstrukturen, Liquidität, Latenz und Order-Typen. Ein schlechter Router schickt alles an einen einzigen Platz und nimmt schlechtere Preise in Kauf. Ein guter Router splittet, prüft Dark Pools, achtet auf Maker-Taker-Rebates, vermeidet Information-Leakage.
Multi-Venue-Splitting in der Praxis.
Beispiel: Sie wollen 10.000 Apple kaufen. NBBO (National Best Bid & Offer) sind 190,00 / 190,02. Auf NBBO-Offer (190,02) liegen aggregiert 2.500 Stück — verteilt auf 5 Venues. Ein SOR macht ungefähr:
- Sweep der lit Venues auf 190,02: NYSE 800 + Nasdaq 700 + IEX 400 + MEMX 350 + EDGX 250 = 2.500.
- Parallel: Ping-Order in 4–5 Dark Pools auf 190,01 (mid-price improvement).
- Rest (7.500): aufteilen über die nächsten Minuten/Stunden via VWAP- oder POV-Slicing.
Schritt 1 dauert Sub-Millisekunden. Schritt 2 ist die KI-spezifische Komponente: welche Dark Pools haben in den letzten 5 Min. für AAPL gematcht, welche Größen? Lohnt es sich zu warten?
ML-basierte Routing-Algorithmen.
Klassische Execution-Algorithmen sind regelbasiert:
- VWAP: Volume-Weighted Average Price — Order über den Tag so verteilen, dass die Ausführung dem Tagesvolumen folgt.
- TWAP: Time-Weighted Average Price — gleich große Slices über Zeit.
- POV: Percentage of Volume — z. B. immer 10 % des laufenden Volumens.
- Implementation Shortfall (IS-Optimal): Almgren-Chriss-Modell, balanciert Marktimpact gegen Timing-Risiko.
ML kommt in zwei Schichten dazu: erstens beim Schätzen von Inputs (intraday- Volumenprofil, Spread-Forecast, Volatility-Forecast). Zweitens beim Routing-Entscheid — Reinforcement Learning, das aus Tausenden eigener Trades lernt, welche Venue für welchen Ticker bei welcher Marktlage besser fillt.
JPMorgan's LOXM, Goldman's RAVEN, Citadel's eigene Algos sind alle Hybride: deterministische Schichten plus ML-Komponente für Mikro-Entscheidungen. Die Lift gegenüber pure-rule-based wird intern mit 5–15 Basispunkten Execution-Improvement angegeben — was bei Milliarden- Volumen sehr viel Geld ist.
Was für Retail wirklich relevant ist.
Bei Retail-Volumina (typisch 100–10.000 Stück liquider Aktien) sind die meisten Multi- Venue-Effekte irrelevant. Worauf es ankommt, ist:
- Wird Ihre Order an einen Marketmaker für PFOF verkauft, oder direkt an die Börse geroutet?
- Bekommen Sie Mid-Price-Improvement, oder zahlen Sie immer den NBBO-Spread?
- Werden Limit-Orders überhaupt sichtbar gepostet, oder versteckt internalisiert?
Robinhood vs. Interactive Brokers: konkret.
Robinhood routet praktisch alle Retail-Orders an wenige Marketmaker (Citadel Securities, Virtu, G1X) im Rahmen von Payment-for-Order-Flow. Sie zahlen keine Kommission, aber:
- Sie sehen den NBBO-Preis und bekommen meist genau diesen Preis, manchmal mit minimaler Improvement (~0,1 Cent).
- Die Marketmaker verdienen am Spread und teilen einen Teil mit Robinhood.
- Im 605-Report wird angegeben: durchschnittliche Mid-Price-Improvement bei Robinhood typischerweise 0,003–0,008 USD pro Aktie.
Interactive Brokers im IBKR Pro Tarif routet aktiv via SmartRouting an Dutzende Venues, inkl. eigener Dark-Pool-Pings:
- Order-Improvement im 605-Report typischerweise 0,015–0,030 USD pro Aktie.
- Sie zahlen 0,005 USD Kommission pro Aktie (oder fixe Tiered-Schemes für Hochvolumen).
- Limit-Orders werden auf IEX, MEMX oder IBKR's eigenem ATS angezeigt — echte Marktteilnahme.
Rechnen Sie nach: bei einem 100-Aktien-Trade in AAPL zahlt IBKR-Pro ~0,50 USD Kommission, erzielt aber ~2 USD Price-Improvement gegenüber Robinhood. Bei Volumen über ~100 Aktien pro Trade ist IBKR Pro netto günstiger, obwohl er Kommissionen verlangt.
Payment-for-Order-Flow erklärt.
PFOF: Broker A verkauft Retail-Order-Flow an Marketmaker B für ~0,001–0,003 USD pro Aktie. Marketmaker B internalisiert die Order — kauft selbst, sourced aus eigenem Inventar, verdient am Spread.
Warum macht das jemand? Weil Retail-Order-Flow „uninformiert" ist — statistisch unkorreliert mit kurzfristiger Preisbewegung. Marketmaker können auf so einem Flow sicher verdienen, während Order-Flow von Institutionellen (die etwas wissen) gefährlich ist.
Der Deal mit Retail-Brokern: Marketmaker zahlt PFOF, Broker bietet Null-Kommission, Trader sieht „kostenlos", zahlt aber implizit via etwas schlechterer Execution. In den USA legal und regulär offengelegt (Rule 606). In der EU seit MiFID II eingeschränkt.
Warum Mid-Price-Improvement bei IBKR oft besser ist.
IBKR routet ~30 % der marketable Retail-Orders an IEX und eigene Dark-Pool-Mechanismen, die zwischen Bid und Ask matchen. Wenn ein Mid-Match möglich ist, zahlen Sie 0,5 Cent statt 1 Cent Spread.
Außerdem postet IBKR Limit-Orders sichtbar. Wenn Sie eine Limit-Buy auf den Bid setzen, erscheint die im Orderbook — andere Trader können dagegen handeln, Sie könnten den Maker-Rebate bekommen (0,2–0,3 Cent pro Aktie). Bei Robinhood passiert das praktisch nie, weil die Order zuerst internem PFOF angeboten wird.
Konkretes Beispiel: 1.000 Aktien SPY kaufen.
SPY-NBBO 500,00 / 500,02. Sie senden Market-Order:
- Robinhood: gefillt zu 500,019 (0,1 Cent Improvement). Kosten: 19 USD über Mid (500,01). Keine Kommission.
- IBKR Pro: gefillt zu 500,013 (0,7 Cent Improvement, weil Dark-Pool-Match). Kosten: 13 USD über Mid. Plus 5 USD Kommission. Total: 18 USD.
Klingt nach Kleinkram. Bei 200 Trades im Jahr und 1.000-Aktien-Größe sind das aber ~200 USD Differenz — und meist sogar mehr, weil illiquidere Tickers größere Improvement- Spreads erzeugen. Über zehn Jahre und steigendes Volumen wird das vierstellig.
Mein praktisches Fazit: für ernsthaftes Trading benutze ich seit Jahren IBKR Pro. Nicht wegen einer politischen Haltung zu PFOF, sondern weil die Zahlen im 605-Report eindeutig sind. Wer es nicht glaubt, lädt die Reports beider Broker für dasselbe Quartal herunter und rechnet selbst nach.
Sie wollen wissen, ob Ihr Broker-Setup Sie real Geld kostet? Erstgespräch buchen — wir schauen Ihre Trade-Historie an und rechnen nach.