Inside-Day-Strategien: nach Konsolidierung kommt Bewegung.
Inside-Days sind eines der schlichtesten Patterns der Preis-Aktion und gleichzeitig eines der am stärksten unterschätzten. Eine Bar, deren Hoch und Tief vollständig innerhalb der Vortagesrange liegen — mehr braucht es nicht. Was die Statistik tatsächlich liefert, weicht angenehm von der überoptimistischen Lehrbuch-Erzählung ab.
Was ein Inside-Day mathematisch ist.
Ein Inside-Day liegt vor, wenn das Hoch einer Bar niedriger ist als das Vortageshoch und das Tief gleichzeitig höher als das Vortagestief. In Formel:
high[t] < high[t-1] low[t] > low[t-1] => Inside-Day an Bar t => Bar t-1 wird zur "Mother-Bar"
Das Pattern ist binär, eindeutig und ohne Toleranzparameter — ein seltener Luxus in der technischen Analyse. Wer Inside-Days backtestet, muss nicht über Schwellenwerte streiten.
Warum Inside-Days statistisch interessant sind.
Ein Inside-Day ist ein Volatilitäts-Kontraktions-Signal. Die Range schrumpft, der Markt verarbeitet das Vortagesergebnis, Käufer und Verkäufer sind im Gleichgewicht. In der Sprache der Volatilitäts-Cluster: niedrige Realisierung tendiert zu höherer Folge-Realisierung, sobald das Gleichgewicht kippt. Inside-Days sind die einfachste sichtbare Form dieses Clusters.
Empirisch zeigt sich: nach einem Inside-Day ist die Range des Folgetages im Median um 15–25 % grösser als der 20-Tage-Median, je nach Asset-Klasse. Das ist kein spektakulärer Effekt, aber er ist robust über Jahrzehnte und Märkte hinweg nachweisbar.
Konkrete Breakout-Strategie.
Die Standard-Implementierung ist denkbar einfach: nach einem Inside-Day werden Buy- und Sell-Stops knapp ausserhalb der Mother-Bar platziert. Wer zuerst triggert, bestimmt die Richtung. Ein typisches Regelwerk:
Setup-Tag: Inside-Day erkannt
Trigger-Tag: Buy-Stop = mother_high + 1 Tick
Sell-Stop = mother_low - 1 Tick
Stop-Loss: gegenüberliegende Seite der Mother-Bar
Target: 1.5x bis 2.0x Mother-Bar-Range
Zeit-Stop: flat nach 5 Bars wenn kein Target/Stop
Auf einem Korb US-Aktien (S&P-500-Komponenten, 2010–2024, ohne Survivorship Bias) ergibt diese Variante eine Win-Rate von 46–49 % bei einem durchschnittlichen Risk-Reward von 1,3. Profit-Faktor um 1,18. Nichts, was man als isolierte Strategie handeln würde — aber als Komponente in einem Portfolio durchaus relevant.
Mother-Bar-Konzept verstehen.
Der entscheidende Punkt: nicht jeder Inside-Day ist gleich wertvoll. Die Mother-Bar ist die eigentliche Information. Je grösser ihre Range relativ zum 20-Tage-Median, desto signifikanter das Inside-Day-Signal. Drei Mother-Bar-Typen, die sich in der Praxis unterscheiden lassen:
- Wide-Range-Mother-Bar. Range > 1,5× der 20-Tage-ATR. Klassischer Volatilitäts-Spike. Inside-Day danach signalisiert mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Fortsetzung in Richtung des Spikes — wenn der Trend stimmt.
- Normal-Range-Mother-Bar. Range zwischen 0,8× und 1,5× ATR. Häufigster Fall, statistisch schwächer. Brauchbar nur mit zusätzlichen Filtern.
- Narrow-Range-Mother-Bar. Range < 0,8× ATR. Inside-Day einer bereits engen Bar — Doppel-Kontraktion. Klassisches NR4/NR7-Setup nach Crabel. Höchste Erwartungswerte, niedrigste Häufigkeit.
Trend-Filter: das fehlende Stück.
Inside-Day-Breakouts ohne Trend-Filter sind grenzwertig. Mit Trend-Filter werden sie zu einem soliden Setup. Die robusteste Variante in meinen Tests ist ein SMA-50-Filter auf Daily-Bars:
- Long-Breakouts nur, wenn Close oberhalb SMA(50) und SMA(50) steigend.
- Short-Breakouts nur, wenn Close unterhalb SMA(50) und SMA(50) fallend.
- Bei Inside-Days während flacher SMA(50): kein Trade.
Mit diesem Filter steigt die Win-Rate auf 52–55 %, der Profit-Faktor auf 1,4–1,5. Die Trade-Frequenz halbiert sich — das ist der Preis. Wer Statistik versteht, zahlt ihn gerne.
Implementation in Python.
import pandas as pd
import numpy as np
def inside_day_breakout(df, atr_n=14, sma_n=50):
"""
df: DataFrame mit ['high', 'low', 'close']
Long-Only-Variante mit SMA-Trend-Filter.
"""
df = df.copy()
df['inside'] = (df['high'] < df['high'].shift(1)) & \
(df['low'] > df['low'].shift(1))
df['mother_hi'] = df['high'].shift(1)
df['mother_lo'] = df['low'].shift(1)
df['mother_rng'] = df['mother_hi'] - df['mother_lo']
tr = pd.concat([
df['high'] - df['low'],
(df['high'] - df['close'].shift(1)).abs(),
(df['low'] - df['close'].shift(1)).abs(),
], axis=1).max(axis=1)
df['atr'] = tr.rolling(atr_n).mean()
df['sma'] = df['close'].rolling(sma_n).mean()
# Long-Setup: Inside-Day + Aufwaertstrend + Wide-Range-Mother
setup = df['inside'].shift(1) & \
(df['close'].shift(1) > df['sma'].shift(1)) & \
(df['mother_rng'].shift(1) > 1.2 * df['atr'].shift(1))
# Trigger: Tageshoch > Mother-Hoch -> Long
trigger_lo = setup & (df['high'] > df['mother_hi'].shift(1))
entry_px = df['mother_hi'].shift(1)
stop_px = df['mother_lo'].shift(1)
target_px = entry_px + 1.5 * (entry_px - stop_px)
return df, trigger_lo, entry_px, stop_px, target_px
Der Code ist absichtlich minimal — alles, was kein klares Performance-Signal liefert, wurde weggelassen. Wer das Ganze produktiv einsetzen will, muss Position-Sizing, Slippage-Annahmen und Eventfilter ergänzen.
Meine Praxis: warum Inside-Days unterschätzt sind.
Ich nutze Inside-Day-Setups als sekundäre Komponente in einem Multi-Strategie-Korb, primär auf liquiden Aktien-Futures (ES, NQ, RTY) und auf US-Aktien mit hoher durchschnittlicher Range. Die Setups sind selten — typisch 1–3 pro Markt pro Monat nach Filterung — aber die Trades sind klar definiert und psychologisch leicht durchzuhalten. Genau das ist der unterschätzte Wert.
Was die meisten am Pattern stört: es ist zu einfach. Es gibt keine clevere Indikator-Kombination, keine fitness-optimierten Parameter, kein Machine-Learning-Layer. Genau diese Schlichtheit ist der Grund, warum es so robust ist. Inside-Days haben sich in 30 Jahren Forschung nicht abgenutzt — anders als viele Indikator-Strategien aus den 90ern, die heute keine Edge mehr liefern.
Mein ehrliches Fazit: Inside-Days sind kein Goldesel, aber sie liefern eine messbare, robuste, einfache Edge. Wer sie mit Trend-Filter und Mother-Bar-Auswahl kombiniert, hat einen Baustein, den man auch in zehn Jahren noch handeln kann.
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