Gap-Trading: die statistischen Wahrheiten hinter Overnight-Gaps.
Gaps sind eines der wenigen Marktphänomene, bei denen sich klare statistische Aussagen treffen lassen. Wie oft füllt ein Gap, wie stark ist der Effekt der Gap-Größe, wie unterscheiden sich Earnings- und Macro-Gaps — alles dokumentiert, alles auf historischen Daten verifizierbar. Trotzdem scheitern die meisten Gap-Strategien an einem Punkt: an den Tagen, an denen das Gap nicht füllt.
Was Gaps sind und wie sie entstehen.
Ein Gap ist eine Lücke zwischen dem Schlusskurs eines Handelstages und dem Eröffnungskurs des nächsten. Im engeren Sinn nur bei Märkten mit klaren Session-Übergängen relevant — Aktien, Aktien-Futures während der Cash-Session, ETFs. 24/7-Märkte wie FX oder Krypto kennen keine Gaps im klassischen Sinn (außer Wochenend-Gaps).
Drei Hauptursachen:
- Overnight-News: makroökonomische Veröffentlichungen, geopolitische Ereignisse, Zinsentscheidungen außerhalb der US-Session.
- Earnings: Unternehmensergebnisse werden meist vor oder nach der regulären Handelszeit veröffentlicht. Resultat: einzelne Aktien gappen, Aggregate eher selten.
- Halbnacht-Liquidität: in der globalen Übergangsphase zwischen Asien und Europa ist die Liquidität dünn. Größere Orders können dort signifikante Bewegungen auslösen, die sich beim US-Open als Gap manifestieren.
Gap-Fill-Statistiken: die konkreten Zahlen.
Die wichtigste Frage: Wie oft füllt ein Gap am selben Tag? Für SPY 2010–2024 sieht die Verteilung etwa so aus:
- Kleine Gaps (< 0,3 % bzw. ca. 0,3 ATR): füllen am selben Tag in ca. 78 % der Fälle.
- Mittlere Gaps (0,3 %–0,8 %): füllen am selben Tag in ca. 56 % der Fälle.
- Große Gaps (0,8 %–1,5 %): füllen am selben Tag in ca. 38 % der Fälle.
- Extrem-Gaps (> 1,5 %): füllen am selben Tag in nur ca. 22 % der Fälle — diese sind meist news-getrieben und tendieren zu Continuation.
Diese Zahlen sind robust über Sub-Perioden, mit einer wichtigen Einschränkung: in Hoch-Volatilitäts-Regimen (VIX > 30) sinken die Gap-Fill-Raten in allen Größenkategorien um etwa 10–15 Prozentpunkte. Volatilität ist also ein zentraler Regime-Filter.
Erweitert man das Zeitfenster auf 5 Handelstage, füllen sogar Extrem-Gaps in etwa 55 % der Fälle. Aber: 5-Tage-Strategien haben deutlich höheres Overnight-Risiko und sind kapitaleffizient schwer umzusetzen.
Drei Haupt-Strategien.
Gap-and-Go
Trend-Fortsetzung. Bei einem starken Gap mit Volumen wird das Gap als Beginn eines Trendtages interpretiert. Entry in Richtung des Gaps nach den ersten 5–15 Minuten, Stop unter dem Pre-Market-Hoch/Tief. Funktioniert vor allem auf Einzelaktien mit News-getriebenen Gaps — Earnings-Beats, Analyst-Upgrades, M&A-Spekulationen. Win-Rate eher niedrig (35–45 %), Risk-Reward typisch 1:2 bis 1:3.
Gap-Fade
Mean-Reversion. Bei kleinen bis mittleren Gaps wird in Gegenrichtung getradet, mit dem statistischen Argument, dass diese Gaps mehrheitlich füllen. Auf Indizes (SPY, QQQ) und Index-Futures historisch eine der profitabelsten Intraday-Strategien überhaupt — aber mit fettem linken Tail. Win-Rate hoch (65–75 %), Risk-Reward typisch 1:0,8 bis 1:1. Disziplin im Stop-Management ist überlebenswichtig.
Gap-Fill
Variante des Gap-Fade mit fester Profit-Target-Logik: Target = vorheriger Close, Stop = ein definierter Abstand oberhalb/unterhalb des Open. Statistisch sauber, aber kapitaleffizient unspektakulär. Eignet sich gut als Komponente im Portfolio, weniger als Einzel-Strategie.
Setup-Kriterien.
Aus zehn Jahren Tests die Kriterien, die in Backtests konsistent helfen:
- Gap-Größe in ATR: nicht in Prozent denken, sondern in Multiplen der 20-Tage-ATR. Ein 0,5-%-Gap bei niedriger Volatilität ist groß, bei hoher Volatilität klein. Für Gap-Fade liegt der Sweet-Spot bei 0,3–0,8 ATR.
- Volume bei Open: die ersten 15 Minuten geben das Signal. Überdurchschnittliches Volumen bei einem Gap-Up spricht für Gap-and-Go, unterdurchschnittliches für Gap-Fade.
- Marktphase: in trendstarken Marktphasen (klare Wochen-Drift) sind Gap-Fade-Strategien gegen die Trendrichtung schlecht — Gaps in Trend-Richtung füllen seltener.
- Pre-Market-Range: enge Pre-Market-Range mit ruhigem Übergang spricht für Gap-Fill. Wilde Pre-Market-Aktivität signalisiert oft eine echte News-Story — dann eher Gap-and-Go oder gar nichts.
- Wochentag: Montags-Gaps verhalten sich anders als Wochen-Mitten-Gaps, weil sie das Wochenend-Risiko enthalten. Konkret: niedrigere Fill-Raten an Montagen mit Wochenend-News.
Earnings-Gaps vs. Macro-Gaps.
Ein häufig übersehener Punkt: nicht alle Gaps sind gleich. Earnings-Gaps haben fundamental andere Statistiken als Macro-Gaps.
- Earnings-Gaps (Einzelaktien): typischerweise groß (oft > 5 %), getrieben von harter Fundamental-Information. Fill-Raten am selben Tag unter 25 %. Continuation in den folgenden Tagen häufig (Post-Earnings-Announcement-Drift, akademisch dokumentiert seit den 1980er-Jahren). Gap-Fade auf Earnings-Gaps ist statistisch ein Verlierer.
- Macro-Gaps (Indizes): meist kleiner (0,3–1 %), oft Reaktion auf Asien/Europa-Bewegungen, die sich beim US-Open relativieren. Fill-Raten deutlich höher. Hier funktioniert Gap-Fade.
- News-Gaps (Sektoren): bei einem Tech-Skandal gappen alle Tech-Titel — der Sektor-ETF (XLK) gappt mit. Diese Gaps verhalten sich zwischen Earnings- und Macro-Gaps. Vorsicht.
Risiken: die Tage, an denen das Gap nicht füllt.
Der unangenehme Teil. Gap-Fade auf SPY mit guten Filtern erreicht eine Win-Rate von ca. 72 %. Das klingt nach einer leichten Strategie — bis zum ersten Continuation-Tag. Ein typischer Verlust-Tag in einer Gap-Fade-Strategie auf SPY bewegt sich bei 1,5–3 R. Ein extremer Tag (Macro-Schock, Flash-Move) kann 5–8 R kosten.
Die Mathematik ist also weniger gemütlich, als die Win-Rate suggeriert: bei 72 % Win mit durchschnittlich 1 R Gewinn und 1,8 R Verlust pro Loss-Trade liegt die Expectancy bei nur etwa +0,2 R pro Trade. Realistisch, profitabel, aber kein Selbstläufer.
Besonders gefährlich sind Continuation-Gaps: ein Gap-Up, der nicht zurückgeht, sondern sich im Verlauf des Tages ausweitet. Statistisch erkennbar an der ersten Stunde — wenn der Preis nach 60 Minuten weiter vom Vortags-Close entfernt ist als beim Open, ist Mean-Reversion sehr unwahrscheinlich. Disziplinierter Time-Stop in solchen Setups ist nicht optional.
Backtest-Ergebnisse Gap-Fade auf SPY.
Konkrete Zahlen aus einem sauberen Backtest auf SPY 2010–2024, mit folgenden Regeln: Entry, wenn das Gap zwischen 0,3 und 0,8 ATR liegt und die ersten 15 Minuten den Gap nicht weiter ausweiten. Target = Vortages-Close. Stop = Open + 0,5 ATR (Gegenrichtung). Time-Stop = Session-Close.
Backtest-Resultat SPY Gap-Fade 2010-2024: Trades total: 612 Win-Rate: 68.3% Avg Win: 0.31 ATR Avg Loss: 0.52 ATR Expectancy / Trade: +0.047 ATR (~0.06% pro Trade) CAGR (1% Risk): 9.8% Max-DD: 7.4% Sharpe: 1.21 Worst Tag: -3.1 ATR (Flash-Crash-Type-Tag)
Nicht spektakulär, aber stabil — und gut diversifizierend gegen Trendfolge-Komponenten, weil Gap-Fade strukturell eine Mean-Reversion-Strategie ist.
Position-Sizing bei Gap-Strategien.
Drei Punkte, die in der Praxis oft unterschätzt werden:
- Sizing pro Trade in ATR, nicht in Prozent: Bei einer Gap-Fade-Strategie mit Stop bei 0,5 ATR vom Open bedeutet 1 % Risiko, dass das Notional mit 2 ATR multipliziert werden muss. Wer flach in Prozent rechnet, riskiert in High-Vol-Phasen zu wenig und in Low-Vol-Phasen zu viel.
- Korrelations-Adjustierung: Wenn Sie Gap-Fade gleichzeitig auf SPY, QQQ und IWM fahren, sind das nicht drei unabhängige Trades. Die effektive Korrelation liegt bei 0,8+. Bei drei Trades gleichzeitig nur 60 % des Einzel-Risikobudgets je Position einsetzen.
- Tail-Risk-Limit: ein hartes Tages-Loss-Limit von z. B. 3 % des Kontos. An den seltenen Continuation-Tagen rettet das die Strategie davor, dass ein einzelner Tag drei Monate Gewinne zerstört.
Was ich konkret nutze.
Ich fahre Gap-Strategien als Intraday-Komponente in mehreren Konten — Gap-Fade auf ES und NQ für Index-Exposure, Gap-and-Go selektiv auf Single-Names rund um Earnings-Saison. Beide Komponenten haben enge Tagesrisiko-Limits, weil die linken Tails real sind und nicht wegmodelliert werden können.
Wer Gap-Trading lernt, sollte zwei Dinge gleichzeitig akzeptieren: die Mathematik ist real und positiv, und die schlechten Tage sind unangenehm. Wer einen davon ignoriert, verliert entweder Geld oder den Nerv. Idealerweise keines von beidem.
Sie wollen Gap-Strategien auf Ihrem Setup testen oder eine bestehende Intraday-Komponente robuster gegen Continuation-Tage machen? Erstgespräch buchen — wir bauen die Filter und Limits, die in beiden Markt-Regimen tragen.