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Faktor-Investing systematisch: Value, Quality, Size, Profitability.

Faktor-Investing ist kein Marketing-Konzept der 2010er Jahre, sondern hat eine akademische Geschichte, die bis in die 1960er reicht. Wer es ernst nimmt, kommt zu anderen Schlüssen als die ETF-Industrie. Über die Basis, die echten Prämien, die Crashes und die praktische Multi-Faktor-Umsetzung.

Akademische Basis: von CAPM zu Fünf-Faktor.

Sharpe und Lintner formulieren in den 1960ern das CAPM: Rendite einer Aktie ist eine lineare Funktion ihres Marktrisikos (Beta). Einfach, elegant — und empirisch zunehmend widerlegt. Banz zeigt 1981, dass kleine Unternehmen mehr Rendite liefern, als ihr Beta erklären kann. Basu zeigt 1977 dasselbe für niedrig bewertete Aktien.

1992/93 fasst Fama-French das in ein Drei-Faktor-Modell: Markt, Size (SMB), Value (HML). Das Modell erklärt rund 90 % der Querschnitts-Renditen — gegenüber den 70 %, die CAPM liefert. 2015 erweitern Fama-French zum Fünf-Faktor-Modell mit Profitability (RMW) und Investment (CMA). Carhart fügt 1997 Momentum als vierten Faktor hinzu. Das ist der akademische Kanon.

Die Faktor-Definitionen kompakt.

FaktorLong-SeiteShort-SeiteHistorische Prämie p. a.
Market (MKT)AktienmarktRisikoloser Zins~6–7 %
Size (SMB)Small CapsLarge Caps~2 %
Value (HML)Hohes B/MNiedriges B/M~3–4 %
Profitability (RMW)Robust ProfitableWeak~3 %
Investment (CMA)ConservativeAggressive~3 %
Momentum (UMD)Top-Performer 12-1Loser 12-1~4–6 %

Quelle: Ken French Data Library, US-Daten 1926–2024. Wichtig: Das sind Long-Short- Prämien aus akademischen Portfolios — implementierbar für Privatanleger sind die Long-Only-Versionen, die typisch nur 30–60 % der vollen Prämie liefern.

Drawdowns — die Kehrseite jeder Prämie.

Die Tabelle oben sieht aus wie ein Geldautomat. Sie ist es nicht. Jede Faktor-Prämie hat strukturelle Drawdowns, in denen sie über Jahre verschwindet oder negativ wird.

Das ist keine Schwäche von Faktor-Investing — das ist das Wesen davon. Die Prämien existieren, weil viele Anleger die Schmerzen während der Drawdowns nicht aushalten und vorher aussteigen.

Das Faktor-Zoo-Problem.

Cochrane prägt 2011 den Begriff: ein „Zoo" von angeblichen Faktoren. Die akademische Literatur dokumentiert mittlerweile über 400 angebliche Renditequellen — Profitability- Wachstum, asset growth, accruals, net stock issues, gross profitability, idiosyncratic volatility und so weiter. Wenn man genug Variablen gegen historische Renditen testet, findet man immer welche, die statistisch „signifikant" aussehen.

Harvey, Liu und Zhu zeigen 2016: bei Anwendung korrekter Multiple-Testing-Korrekturen überleben von Hunderten Faktoren nur eine Handvoll als wirklich robust. Mein persönlicher Filter, mit dem ich Mandanten-Portfolios baue:

Nach diesen Kriterien bleiben fünf Faktoren: Market, Value, Quality (RMW), Profitability, Momentum. Der Rest ist akademisches Rauschen oder Daten-Mining.

Multi-Faktor-Portfolios als praktische Lösung.

Niemand weiß, welcher Faktor in den nächsten fünf Jahren funktioniert. Das ist nicht Ignoranz, sondern Eigenschaft eines effizienten Marktes — wenn man es wüsste, wäre die Prämie schon weg. Die ehrliche Antwort: alle relevanten Faktoren gleichzeitig halten und über die Zeit die durchschnittliche Prämie ernten.

Ein einfaches Equal-Weight-Multi-Faktor-Setup für Privatanleger:

20 % MSCI World Quality
20 % MSCI World Value Enhanced
20 % MSCI World Momentum
20 % MSCI World Small Cap Quality
20 % MSCI World Standard (als Beta-Anker)
Rebalancing: jährlich auf 20 %-Gewichte

Backtest 2001–2024 (synthetisch aus den Index-Daten): Rendite ca. 8,5 % p. a. gegenüber 7,2 % MSCI World, Sharpe ca. 0,55 gegenüber 0,45. Maximum Drawdown vergleichbar. Keine spektakuläre Outperformance — aber strukturell solider als der reine Markt.

ETF-Implementation: iShares MSCI Factor Series und Alternativen.

iShares bietet mit der „Edge MSCI Factor"-Serie die breiteste UCITS-Auswahl für europäische Anleger: Quality, Value, Momentum, Minimum Volatility, Multifactor. TER liegt typisch zwischen 0,25 und 0,40 %. Vergleichbare Produkte gibt es von Xtrackers und Invesco, teils mit anderer Methodik (etwa Solactive- oder Stoxx-Indizes).

Wichtig für deutsche Anleger: thesaurierend wählen wegen Teilfreistellung, im Aktien- ETF-Fall Replikationsmethode prüfen (physisch vs. Sample). Bei Multi-Faktor-ETFs unbedingt das Faktoblatt lesen — die Methodik unterscheidet sich erheblich. Manche kombinieren die Faktoren intern auf Score-Basis (echtes Multi-Faktor), andere sind schlicht ein Korb aus vier Single-Faktor-Indizes (Faktor-Bottom-up). Letzteres ist steuerlich und kostenseitig oft suboptimal.

Aktive Faktor-Strategien für größere Mandate.

Ab einem Anlagebetrag von etwa 500.000 Euro kann eine direkte Faktor-Implementation über Einzeltitel sinnvoll werden — sogenanntes Direct Indexing mit Faktor-Tilts. Vorteil: steuerliches Loss-Harvesting auf Einzeltitel-Ebene, individuelle ESG-Ausschlüsse, präzise Faktor-Gewichtung. In meiner Praxis nutze ich das für Mandanten mit substanziellen Bestands-Aktien (Mitarbeiter-Aktien, Erbschaften), bei denen das bestehende Portfolio steuerschonend in eine Faktor-Struktur überführt werden soll.

Für Mandate ab etwa 2 Mio. Euro sind regelbasierte Long-Short-Faktor-Strategien zugänglich, die die volle akademische Prämie zugänglich machen — mit Hebel, Shortpositionen und entsprechend höheren Anforderungen an Risikomanagement und Mandanten-Aufklärung. Das ist kein Standard, sondern Spezialfall.

Meine Praxis: Multi-Faktor mit Volatilitäts-Skalierung.

Was ich für mich selbst und für Mandanten mit aktivem Profil mache: Multi-Faktor- Portfolio plus eine Vola-Overlay-Komponente. Wenn die realisierte Volatilität des Portfolios den Zielwert (typisch 12 % p. a.) übersteigt, wird das Exposure proportional reduziert. Konkret durch Verkauf des Standard-Aktien-Anteils zugunsten von Cash oder kurzfristigen Anleihen.

Effekt: in Vola-Spikes (Q1 2020, Q4 2022) automatisch geringeres Aktienrisiko, ohne Marktprognose. Performance-Effekt im Backtest 2001–2024: Rendite leicht niedriger (ca. 8,0 % p. a. statt 8,5 %), aber Sharpe deutlich höher (0,72 statt 0,55) und Drawdowns rund ein Drittel kleiner. Das ist der ehrliche Kompromiss: man verzichtet auf etwas Rendite für deutlich besseres Risiko-Verhalten. Für Mandanten in Auszahlphase ist das fast immer die richtige Wahl.

Sie wollen Faktor-Investing in Ihr Portfolio integrieren — ohne im Faktor-Zoo verloren zu gehen? Erstgespräch buchen — wir bauen ein robustes Multi-Faktor-Setup passend zu Ihrer Anlagephase.