ESG & Sustainable Investing: was die Studien wirklich sagen.
ESG ist seit Jahren das politisch korrekte Etikett im Asset Management — und gleichzeitig das inkonsistenteste. Wer nüchtern in die akademische Evidenz und in die Rating-Daten schaut, sieht ein Feld, das oft nicht hält, was es verspricht. Das ist kein Argument gegen wertegetriebenes Investieren, sondern eines für ehrliche Etiketten.
Was ESG eigentlich misst — und was nicht.
ESG steht für Environmental, Social und Governance. Hinter den drei Buchstaben verbergen sich mehrere hundert Einzel-Indikatoren, die je nach Rating-Agentur unterschiedlich gewichtet werden: CO2-Intensität, Wassernutzung, Arbeitsbedingungen, Vorstandsdiversität, Compliance-Vorfälle, Bestechungsindikatoren — die Liste ist lang.
Was ESG nicht misst, ist genauso wichtig: es ist keine Messung des realen ökologischen oder sozialen Impacts eines Unternehmens, sondern eine Messung der Risiken für das Unternehmen, die sich aus ESG-Faktoren ergeben. Ein Ölkonzern mit ausgereiftem Risikomanagement und guter Governance kann ein höheres ESG-Rating bekommen als ein kleines Solarunternehmen mit schwachem Vorstand — weil ESG das relative Risiko innerhalb der Branche misst, nicht den absoluten Beitrag zum Planeten.
Die Inkonsistenz der Rating-Industrie.
Hier wird es interessant: die großen ESG-Rating-Agenturen — MSCI ESG, Sustainalytics (Morningstar), ISS ESG, Refinitiv, S&P Global — bewerten dieselben Unternehmen mit erschreckend unterschiedlichen Ergebnissen. Akademische Untersuchungen (Berg, Kölbel und Rigobon, MIT Sloan 2022) zeigen Korrelationen der ESG-Ratings zwischen den großen Anbietern von durchschnittlich nur etwa 0,54.
Zum Vergleich: Credit-Ratings von Moody's und S&P korrelieren bei rund 0,99. Wenn fünf Agenturen dieselbe Sache messen und untereinander nur halb-übereinstimmend sind, dann messen sie offensichtlich nicht „dieselbe Sache". Die Konsequenz: zwei ESG-Fonds, die beide das Label tragen, können sehr unterschiedliche Portfolios halten — und die Differenz ist nicht etwa geringfügig, sondern strukturell.
Die akademische Evidenz zur Performance.
Die ehrliche Antwort auf die Frage „bringt ESG mehr Rendite?" lautet: meistens nicht messbar, weder positiv noch negativ. Mehrere Meta-Studien haben das untersucht — Friede, Busch und Bassen (2015) als bekanntester Sammelband, neuere Arbeiten von Berg et al. und Pástor, Stambaugh und Taylor (Journal of Financial Economics, 2022) bestätigen das Muster: über mehrere Tausend Einzelstudien gemittelt ergibt sich für ESG-Investments im Mittel eine neutrale Performance gegenüber konventionellen Vergleichs-Indizes.
Einzelne Studien zeigen Outperformance, einzelne Underperformance, und beide Lager finden in den jeweils anderen Methoden Schwächen. Was sich aber konsistent zeigt: in Phasen, in denen Energiewerte gut laufen (wie 2022 nach dem Ukraine-Krieg), unterperformen ESG-Fonds strukturell, weil sie diese Sektoren typischerweise untergewichten. In Phasen, in denen Tech-Werte stark laufen, geht es umgekehrt — Tech ist in ESG-Indizes überdurchschnittlich vertreten, weil die CO2-Intensität niedrig ist.
Greenwashing — der ehrliche Blick.
Eine Auswertung der EU-Wertpapieraufsicht ESMA aus 2023 hat gezeigt, dass etwa 40 % der als „nachhaltig" beworbenen Fonds bei genauerer Prüfung Holdings enthielten, die mit der beworbenen Ausrichtung schwer vereinbar sind: Fluggesellschaften, Tabakkonzerne, große Öl-Player.
Das ist kein Anbieter-Bashing — sondern strukturell zu erklären. Viele „ESG-ETFs" sind schlichte Ausschluss-Filter, die einen Standard-Index nehmen und die schlechtesten 20–30 % der jeweiligen Branche aussortieren. Was übrig bleibt, ist immer noch zu 90 % der ursprüngliche Index. Der Anteil tatsächlich „dunkelgrüner" Fonds — solche, die nach SFDR Artikel 9 klassifiziert sind und einen klaren Nachhaltigkeitsbezug haben — ist deutlich kleiner.
SFDR: Article 6, Article 8, Article 9 — was bedeutet das?
Die EU-Offenlegungs-Verordnung SFDR teilt Fonds in drei Klassen:
- Article 6: konventionelle Fonds, keine besonderen Nachhaltigkeitsmerkmale beworben.
- Article 8: Fonds, die ESG-Merkmale „bewerben". Das ist der Sammeltopf, in dem die meisten als „nachhaltig" verkauften Produkte landen — und das ist die Kategorie, in der Greenwashing am häufigsten passiert, weil der Bewertungsmaßstab niedrig ist.
- Article 9: Fonds mit explizitem Nachhaltigkeits-Ziel. Die Hürde ist höher, in den letzten Jahren wurden viele ursprünglich als Art. 9 klassifizierte Fonds wieder auf Art. 8 zurückgestuft, nachdem die Regulierung präzisiert wurde.
Wer ESG ernst nimmt, sollte primär bei Article 9 schauen — und auch dort die tatsächlichen Holdings prüfen, nicht nur das Label. Die Differenz zwischen Werbung und Realität bleibt auch hier ein laufendes Thema.
Aktive vs. passive ESG-Strategien.
Innerhalb der ESG-Welt gibt es einen zweiten Riss: zwischen einfachen Ausschluss-Filtern und aktiver „Engagement"-Strategie.
Ausschluss-Filter (Best-in-Class oder Negativ-Listen) sind die häufigste Umsetzung. Sie sind günstig, leicht zu skalieren, machen aber nichts an der Welt besser — sie sortieren nur das Kapital so um, dass der Fonds-Anleger eine reinere Conscience hat. Was die Marktpreise der ausgeschlossenen Unternehmen angeht, gibt es einige akademische Hinweise, dass Ausschlüsse deren Kapitalkosten leicht erhöhen können (Pástor, Stambaugh, Taylor 2021). Der Effekt ist real aber klein.
Engagement-Strategien (wie sie z. B. Engine No. 1 bei ExxonMobil 2021 demonstriert hat) sind anders gelagert: aktiver Aktionärs-Aktivismus, Vorstands-Wahlen, Resolutions. Das ist personell aufwendig, lässt sich nicht beliebig skalieren — kann aber tatsächlich Verhalten in Unternehmen verändern. Für Privatanleger praktisch nicht direkt zugänglich, aber über manche spezialisierte Fonds indirekt erreichbar.
Praktische Umsetzung mit ETFs.
Wer eine ESG-Allokation ins Portfolio aufnehmen will, hat im ETF-Bereich konkrete Bausteine:
- iShares MSCI World ESG Screened: einfache Ausschluss-Liste auf MSCI-World-Basis. Sehr niedrige Abweichung zum konventionellen MSCI World, niedrige TER. Wer das Label haben will ohne Performance-Risiko: hier richtig.
- UBS MSCI World Socially Responsible oder iShares MSCI World SRI: schärfere Filter, deutlich konzentrierteres Portfolio (200–400 Titel statt 1.500), höhere Abweichung zum Standard-Index, dafür ESG-Profil deutlich klarer.
- Article-9-ETFs: noch überschaubares Universum, aber wachsend. Konkrete Themen-ETFs (Clean Energy, Water, Circular Economy) sind hier die größere Gruppe — mit der Vorwarnung, dass thematische ETFs typischerweise nach drei guten Jahren aufgelegt werden und dann mehrere magere folgen.
Für Anleger, die ESG primär als Wertefrage sehen (also nicht primär Rendite-Optimierung), wäre mein eigener Ansatz: lieber ein klares Article-9-Produkt mit signifikant abweichendem Portfolio als einen Article-8-Fonds, der zu 95 % aussieht wie der Standard-Index. Wenn ich nicht bereit bin, die Abweichung zu tragen, ist die ESG-Komponente meines Portfolios nur ein Etikett.
Meine ehrliche Bewertung.
ESG ist primär werte-getrieben, nicht performance-getrieben. Wer „doing good" mit „doing better" verwechselt, lügt sich selbst an — und gibt der Industrie ein Argument, weiter unschärfere Produkte zu verkaufen. Die ehrliche Position lautet aus meiner Sicht:
- Wenn Ihnen Nachhaltigkeit wichtig ist: investieren Sie aktiv in Article-9-Produkte oder spezialisierte Themen-Fonds, und akzeptieren Sie, dass Sie sich vom Markt-Index unterscheiden — manchmal nach oben, manchmal nach unten.
- Wenn Ihnen primär Rendite wichtig ist: nehmen Sie den ganz normalen Welt-Index, ohne Etiketten. Die akademische Evidenz gibt Ihnen keinen Grund, ESG einen Renditevorteil zuzuschreiben.
- Wenn beides wichtig ist: erkennen Sie, dass es ein echter Trade-off ist. Sie können beides anstreben, aber Sie werden auch beides nur abgeschwächt erreichen — kein Wunderprodukt löst diesen Konflikt auf.
Was ich persönlich nicht mehr akzeptiere: das Marketing-Versprechen, ESG-Investments seien quasi automatisch auch besser in der Rendite. Diese Behauptung ist statistisch nicht belegt und politisch in eine Sackgasse geführt — siehe die Anti-ESG-Bewegung in den USA, die in Teilen genau auf diesen Anspruch reagiert. Wer ESG ernst nimmt, sollte es nicht über Rendite-Argumente verkaufen. Ehrliche Etiketten halten länger als gute Stories.
Sie überlegen, wie ESG ehrlich in Ihre Portfolio-Strategie passt — ohne Etikettenschwindel? Erstgespräch buchen — wir gehen Ihre Werte und Ihre Renditeziele getrennt durch und schauen, wo sich beides ehrlich abbilden lässt.