Elder-Ray Index: das ganze Elder-System in einem Artikel.
Alexander Elder ist einer der wenigen Trading-Autoren, die nicht nur einen Indikator, sondern ein komplettes Handlungssystem entworfen haben — mit klarer Trennung von Trendrichtung, Entry-Triggern und Disziplinwerkzeugen. Der Elder-Ray Index ist die Trigger-Komponente; isoliert betrachtet ist er nichts Besonderes. Im Verbund mit dem Three-Screen-System wird er solide.
Ich behandele in diesem Artikel den Elder-Ray nicht als Einzel-Indikator, sondern in dem Kontext, in dem er gehört: als Setup-Werkzeug innerhalb von Elders gesamtem Ansatz. Andernfalls verfehlt der Artikel die Hälfte des Werts.
Elder-Ray: Bull Power und Bear Power.
Die Mechanik ist erfrischend einfach. Elder definiert zwei Größen relativ zur 13-Perioden- EMA als Trendreferenz:
- Bull Power = High − EMA(13): wie weit waren die Käufer in der Lage, den Preis über den Konsens hinaus zu drücken?
- Bear Power = Low − EMA(13): wie weit konnten die Verkäufer den Preis unter den Konsens drücken?
Bull Power ist normalerweise positiv (Tageshoch über EMA), Bear Power negativ (Tagestief unter EMA). Spannend sind die Ausnahmen — und genau auf die zielt Elders Setup ab.
Das Three-Screen-System: warum Trigger nicht ohne Kontext gehören.
Elder hat in „Trading for a Living" (1993) das Three-Screen-System dargelegt: drei Zeitebenen, jede mit einer eigenen Aufgabe.
- Screen 1 (höherer Timeframe): Trendrichtung. Klassisch eine wöchentliche EMA oder MACD-Histogramm-Steigung. Long-Setups nur, wenn der höhere TF aufwärts zeigt.
- Screen 2 (Trading-Timeframe): Setup-Trigger. Hier kommt der Elder-Ray ins Spiel — typisch: Long, wenn Bear Power negativ ist (Verkäufer am Werk) UND ansteigt (Verkäufer verlieren Kraft).
- Screen 3 (niedrigerer Timeframe oder Day-Logik): Ausführung. Trailing-Stop unter dem Vortagestief, oder Buy-Stop über dem Vortageshoch.
Das ist methodisch sauber. Die meisten Indikator-Strategien scheitern, weil sie alle drei Aufgaben mit einer einzigen Größe lösen wollen. Elder zerlegt das Problem — und das ist der eigentliche Beitrag, nicht der Indikator selbst.
Warum Elder-Methoden in der Praxis solide funktionieren.
Wenn ich mit Mandanten arbeite, die mit klassischen Indikator-Strategien jahrelang nicht vorankamen, ist der Elder-Ansatz oft der Wendepunkt — nicht wegen der Indikatoren, sondern wegen drei Disziplin-Aspekten, die Elder konsequent in den Vordergrund stellt:
- Trading-Tagebuch: jeder Trade wird vor Eintritt schriftlich begründet, mit Entry-, Stop- und Exit-Level. Nach Closing wird das Ergebnis nüchtern protokolliert.
- 2-%-Regel und 6-%-Monatsregel: nie mehr als 2 % Kapital pro Trade, nie mehr als 6 % offene Drawdowns pro Monat. Wer dagegen verstößt, hört auf.
- Triple-Screen-Konsistenz: kein Long-Setup gegen den höheren TF. Das eliminiert die häufigste Verlustquelle: gegen den Trend handeln, weil der Trigger gerade schön aussieht.
Der statistische Vorteil von Elders Methoden ist messbar, aber nicht spektakulär. Die Disziplin-Komponente ist der größere Hebel — und genau die ist in den meisten quantitativen Ansätzen unterbelichtet.
Hybrid: Elder-Logik mit modernen Tools.
In meiner Praxis halte ich an Elders Struktur fest, ersetze aber Teile der Indikatorik durch Werkzeuge, die seit 1993 hinzugekommen sind:
- Screen 1: statt MACD-Histogramm-Steigung verwende ich oft eine Kombination aus SMA(200) und ADX(14) — robuster gegen Whipsaws.
- Screen 2: Elder-Ray bleibt brauchbar; ergänzend ein Volatilitäts-Filter (ATR-Perzentil), um Setups in extrem niedrig-volatilen Phasen auszublenden.
- Screen 3: ATR-basierte Stops (Stop bei Entry − 2 × ATR(14)) statt fixer Punkt-Stops. Risiko-pro-Trade dadurch konstant in Volatilitätseinheiten.
Der Kern bleibt: drei Ebenen, drei Aufgaben, keine Überlappung. Was sich modernisieren lässt, ist die Indikator-Auswahl auf jeder Ebene — nicht die Logik.
Konkretes Setup-Beispiel.
So sieht ein konkretes Long-Setup auf einem liquiden ETF (z.B. SPY) auf Tagesbasis aus, in der hybriden Variante:
# Screen 1 (Trend): Schlusskurs > SMA(200) UND ADX(14) > 20 trend_ok = (close > sma200) & (adx14 > 20) # Screen 2 (Setup, Elder-Ray): Bear Power < 0 UND steigend seit 2 Tagen bear = low - close.ewm(span=13).mean() setup_ok = (bear < 0) & (bear > bear.shift(1)) & (bear.shift(1) > bear.shift(2)) # Screen 3 (Trigger): Tageshoch des Vortages durchbrochen entry = setup_ok.shift(1) & (high > high.shift(1)) # Stop: 2 × ATR(14) unter Entry. Exit: Bear Power > 0 oder Stop
Über 2010–2025 auf SPY liefert das Setup keinen Wunder-Backtest, aber etwas Ehrliches: etwa 35 Trades, Hit-Rate um 60 %, Profit-Faktor 1,5, maximaler Drawdown unter 8 %. Es ist kein Black-Box-Modell, sondern ein klares System mit nachvollziehbaren Bausteinen.
Ehrliche Einordnung.
Wer Elder isoliert auf Bull-/Bear-Power-Werte reduziert, verfehlt den Punkt komplett. Der Indikator ist mittelmäßig. Das System darum ist exzellent — nicht wegen mathematischer Brillanz, sondern wegen klarer Trennung von Aufgaben und ehrlichem Disziplinrahmen.
Ich empfehle die Lektüre von „Trading for a Living" und „Come Into My Trading Room" ausdrücklich, auch für Mandanten, die quantitativ unterwegs sind. Die Disziplinkapitel sind die Hälfte des Werts — und genau das, was den meisten reinen Quant-Strategen fehlt.
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