Earnings-Trading mit Algorithmen: was systematisch funktioniert.
Earnings-Saisons sind Hochsaison für Trader — und gleichzeitig Friedhof für naive Strategien. Vier Mal pro Jahr werden Märkte um Quartalsberichte herum statistisch ungewöhnlich. Wer die Mechaniken systematisch nutzt, hat eine echte Edge. Wer einfach „auf Earnings spielt", verliert vorhersehbar.
Drei Phänomene rund um Earnings.
1. Pre-Announcement-Drift
Aktien zeigen in den 5–10 Tagen vor einem Earnings-Termin oft eine systematische Bewegung — typischerweise leicht positiv, weil institutionelle Investoren in Anticipation aufstocken. Effektgröße: 0,3–0,6 % im Durchschnitt, statistisch signifikant über große Samples (Studie von Brandt et al., 2016).
2. Earnings-Surprise und Post-Earnings-Drift (PEAD)
Aktien, die Earnings über/unter Erwartung melden, bewegen sich am Tag der Meldung stark — und tendieren dann in den nächsten 60 Tagen weiter in die gleiche Richtung. Das ist eine der ältesten dokumentierten Anomalien im Aktienmarkt (Ball & Brown 1968). Effektgröße: 4–8 % Excess Return über 60 Tage für die obersten/untersten Surprise- Dezile.
3. Volatility Crush
Optionen auf eine Aktie sind vor Earnings teuer (hohe implizite Vola, weil Unsicherheit). Direkt nach der Veröffentlichung kollabiert die IV. Ein ATM-Straddle, der vor Earnings für 5 % gekauft wird, ist danach oft nur noch 3 % wert — selbst wenn die Aktie sich kaum bewegt hat. Vola-Verkäufer profitieren, Vola-Käufer verlieren.
Vier algorithmische Strategien.
Strategie 1: Pre-Announcement-Long
Konzept: Kaufe 10 Handelstage vor Earnings, verkaufe am Tag vor der Meldung.
- Filter: nur Aktien mit Marktkap > 5 Mrd., positive 6-Monats-Performance.
- Position-Sizing: gleichgewichtet über alle Trades.
- Historische Performance: ~0,4 % pro Trade brutto, nach Kosten ~0,25 %. Bei 200 Trades/Jahr: ~5–8 % Excess Return.
Strategie 2: PEAD-Long-Short
Konzept: Long-Aktien mit großen positiven Surprises, Short-Aktien mit großen negativen Surprises. Halten 60 Handelstage.
- Surprise-Definition: gemeldetes EPS vs. Analysten-Konsens, normiert auf Standard-Abweichung der Schätzungen.
- Filter: Surprise > 2 Std-Abw für Long, < −2 für Short.
- Historische Performance: Sharpe-Ratio um 0,8–1,0. Mehr in Bull-Markets, weniger in Bear-Markets.
Strategie 3: Earnings-Iron-Condor
Konzept: Verkaufe einen Iron Condor 1 Tag vor Earnings, schließe direkt nach Eröffnung am Tag nach Earnings. Profit kommt aus Vola-Crush, nicht aus Direction.
- Strike-Wahl: Short Strikes bei ungefähr 1 Standardabweichung (aus der impliziten Vola berechnet) — etwa 16-Delta-Optionen.
- Win-Rate: 65–75 %, aber Verlust-Trades verlieren 2–3× so viel wie Gewinner gewinnen.
- Sharpe: ~0,7 bei sauberem Sizing. Bei aggressiver Sizing: Konto-Killer in 1–2 % der Fälle.
Strategie 4: Avoid Earnings
Konzept: trade jede andere Strategie, schließe Positionen vor Earnings.
Das ist eine ehrliche Strategie, die in vielen Mandanten-Setups die richtige ist. Wenn Sie eine Trendfolge- oder Mean-Reversion-Strategie auf Einzelaktien laufen lassen, ist das Earnings-Risiko einer der größten Vola-Quellen Ihrer Strategie. Wer es einfach ausschließt, reduziert max. Drawdown um 30–50 % bei geringen Performance-Kosten.
Daten, die Sie brauchen.
- Earnings-Kalender mit historischen Daten: Zacks, Estimize, EarningsWhispers, oder Bloomberg/Refinitiv.
- Analysten-Schätzungen und Surprises: Refinitiv (IBES), Zacks, FactSet.
- Optionen-Daten mit IV-Historie: ORATS, IvolMarkets, CBOE LiveVol.
Kostenlose Datenquellen reichen für Backtesting nicht — Estimize ist okay für Surprises, aber für seriöse Backtests ist ein institutioneller Datenfeed nötig (~5.000–15.000 €/Jahr).
Die fünf häufigsten Fehler.
- Naive Vola-Verkauf-Strategien: „Iron Condor vor Earnings funktioniert immer." Nein. In 5–10 % der Fälle gibt es 3-Sigma-Bewegungen, die mehrere Monate Gewinn wegblasen.
- Survivorship-Bias im Backtest: Sie testen nur auf aktuell existierenden Aktien. Aber zwischen 2000 und 2026 sind Hunderte aus dem S&P 500 verschwunden. Backtest ohne historische Index-Mitgliedschaft = 2–3 % p. a. zu optimistisch.
- News-Reaktionen mit zu hoher Frequenz: Wer 30 Sekunden nach Earnings versucht zu reagieren, kämpft gegen HFTs mit Co-Location. Realistisch sind Strategien mit 1+ Tag Reaktionszeit.
- Ignorieren von Macro-Kontext: PEAD funktioniert besser in Bull-Markets als in Bear-Markets. Wer 2022 unverändert long-short PEAD lief, hat verloren.
- Korrelation zwischen Positionen: 30 Long-PEAD-Trades sind nicht 30 unabhängige Wetten. In Sektor-Selloffs verlieren alle gleichzeitig.
Was wir konkret tun.
In unseren systematischen Aktien-Portfolios laufen zwei Earnings-Komponenten: ein PEAD-Long-Short mit Marktkap- und Liquiditäts-Filter, und ein Vola-Filter, der Positionen vor Earnings reduziert (nicht ausschließt, weil PEAD-Effekte verloren gingen). Das gibt uns 1,5–2 % zusätzlichen Annual Return mit kontrolliertem Risiko.
Earnings sind keine Lotterie — sie sind statistisch ausnutzbar. Aber nur, wenn Sie die Mechaniken trennen können.
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