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Drawdown verstehen: Mathematik und Psychologie.

Jeder Trader spricht über Rendite, fast keiner über Drawdown — dabei ist Drawdown der Faktor, der über Strategie-Überleben entscheidet. Was wirklich passiert, wenn Sie 30 % verlieren, und warum die Rückkehr härter ist, als Sie denken.

Drawdown — der Verlust vom letzten Hoch der Equity-Kurve — ist die einzige Zahl, die wirklich zählt, wenn Sie über Strategien sprechen. Hohe Rendite ohne Drawdown-Information ist wertlos. Hier eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was während Drawdowns mathematisch und mental passiert.

Die Mathematik der Recovery.

Wenn Sie 20 % verlieren, brauchen Sie nicht 20 % Gewinn, um wieder bei null zu sein. Sie brauchen 25 %. Die Gleichung ist asymmetrisch:

Drawdown 10%  →  Recovery nötig: 11.1%
Drawdown 20%  →  Recovery nötig: 25.0%
Drawdown 30%  →  Recovery nötig: 42.9%
Drawdown 40%  →  Recovery nötig: 66.7%
Drawdown 50%  →  Recovery nötig: 100.0%
Drawdown 70%  →  Recovery nötig: 233.3%
Drawdown 90%  →  Recovery nötig: 900.0%

Ein 50-%-Drawdown ist nicht „halbe Sache" — er ist mathematisch katastrophal. Sie brauchen eine Verdoppelung, um zurückzukommen. Bei einer Strategie mit 12 % p. a. Erwartungswert dauert das knapp 6 Jahre.

Was Drawdowns mit dem Kopf machen.

Der mentale Effekt eines Drawdowns ist nicht linear. Die Phasen sind erstaunlich konsistent:

Phase 1: −5 % „Normal"

Erste leichte Verluste. Sie denken: „Klar, gehört dazu. Backtest hatte Sharpe 1,4, das ist statistisch normal." Sie folgen dem System, keine Anpassungen.

Phase 2: −10 % „Aufmerksamkeit"

Sie schauen häufiger auf die Equity-Kurve. Sie öffnen den Backtest-Report nochmal und vergleichen, ob das in den historischen Daten auch so war. Noch kein Eingreifen, aber die mentale Last steigt.

Phase 3: −15 % „Zweifel"

Sie fangen an, an der Strategie zu zweifeln. „Hat sich der Markt geändert? Funktioniert das noch?" Sie überlegen, einen Parameter anzupassen. Sie googeln nach Erklärungen. Hier passieren die ersten teuren Eigenmaßnahmen.

Phase 4: −25 % „Panik"

Sie schalten die Strategie aus oder reduzieren die Position-Größe „kurz mal, bis es sich stabilisiert". Genau in dem Moment, in dem die Strategie statistisch am ehesten zur Mean kommt, sind Sie raus. Sie verpassen die Recovery. Sie steigen wieder ein, wenn es wieder „sicher" aussieht — meist am nächsten kleinen Hoch.

Phase 5: −35 % und mehr „Resignation"

Sie fragen sich, ob die Strategie überhaupt jemals funktioniert hat. Sie überlegen, alles zu liquidieren. Sie sprechen mit Freunden, die alle sagen „pass auf, ist gefährlich". Hier sterben die meisten Strategien — nicht weil sie kaputt sind, sondern weil der Trader sie abschaltet.

Welche Drawdowns sind „normal"?

Es gibt eine Faustregel, die ich Mandanten oft mitgebe: Erwarten Sie einen Drawdown von 1,5× dem maximalen historischen Drawdown. Wenn Ihr Backtest einen Max-DD von 22 % zeigt, planen Sie mental mit 33 %. Wenn Sie das nicht aushalten, ist die Strategie für Sie zu aggressiv.

Statistisch realistische Drawdowns für verschiedene Strategie-Typen:

Die ehrliche Drawdown-Statistik.

Wenn Sie eine Strategie evaluieren, schauen Sie auf mehr als „Max DD":

Wie Sie sich gegen Drawdown-Panik schützen.

1. Position-Sizing, das den Schmerz erträglich macht

Wenn Sie aus einem 30 %-Drawdown nicht mit kühlem Kopf rauskommen, ist Ihre Position-Größe zu hoch. Reduzieren Sie sie. Eine Strategie mit 0,5 % Pro-Trade-Risiko hat Drawdowns, die mental anders ankommen als eine mit 2 %.

2. Diversifikation auf Strategie-Ebene

Nicht eine Strategie, sondern 3–5 unkorrelierte. Wenn eine im Drawdown ist, sind die anderen möglicherweise im Plus oder neutral. Das Portfolio-Drawdown ist deutlich geringer als der Einzel-Drawdown.

3. Mentale Vorbereitung

Schreiben Sie sich jetzt, in ruhiger Phase, auf was Sie im Drawdown tun werden — und was nicht. Bei welchem Drawdown halten Sie an? Bei welchem reduzieren Sie? Bei welchem schalten Sie ab? Das auf Papier, mit Datum unterschrieben, ist Ihre Anti-Panik-Regel.

4. Re-Aktivierungs-Kriterien

Wenn Sie eine Strategie abschalten, definieren Sie vorher, was passieren muss, damit sie wieder anläuft. „Wenn der Drawdown von 35 % auf 20 % zurückkommt UND der Markt nicht weiter im Krisen-Regime ist UND der Backtest auf die letzten 12 Monate noch Sharpe > 0,8 zeigt, schalte ich wieder ein." Konkrete Bedingungen, nicht Bauchgefühl.

Die paradoxe Wahrheit über Drawdowns.

Strategien, die nie Drawdowns haben, sind verdächtig — entweder overfitting im Backtest, oder die Strategie nimmt versteckte Risiken (z. B. Tail-Risk wie das Verkaufen von Versicherungen). Echte Strategien haben echte Drawdowns. Wer einen Mandanten gewinnen will, sagt das deutlich. Wer einen Mandanten ehrlich beraten will, sagt es noch deutlicher.

Sie wollen wissen, ob die Drawdown-Charakteristik Ihrer Strategie zu Ihrer Risikotragfähigkeit passt? Erstgespräch buchen — wir gehen die Zahlen ehrlich durch.