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Doji-Varianten in der Tiefe: Long-Legged, Dragonfly, Gravestone.

Der Standard-Doji — Open gleich Close, kleines Kreuz auf dem Chart — wird in Einführungstexten als „Entscheidungslosigkeit" beschrieben. Das ist richtig, aber unvollständig. Die vier wichtigsten Doji-Varianten erzählen jeweils eine eigene Geschichte. Wer sie nicht unterscheidet, verschenkt Information.

Rückblick: was ein Doji eigentlich ist.

Ein Doji liegt vor, wenn Open und Close praktisch identisch sind. In der Praxis verwende ich eine Toleranz von 5 % der Bar-Range — alles darunter zählt als Doji. Die Form sagt: Käufer und Verkäufer haben sich am Ende der Session ausgeglichen. Was dazwischen passiert ist, bestimmt die Variante.

Long-Legged Doji: extreme Indecision.

Form: Open ≈ Close, lange obere und lange untere Wick. Die Range ist groß, der Body verschwindend klein.

Der Long-Legged Doji ist statistisch der schwächste der vier Varianten in Bezug auf Reversal-Signal — und gleichzeitig der häufigste. Wer ihn als Trade-Trigger nutzt, handelt im Wesentlichen Rauschen.

Dragonfly Doji: Bullish-Reversal am Tief.

Form: Open ≈ Close ≈ High, lange untere Wick, keine obere Wick.

Der Dragonfly funktioniert deutlich besser als der Long-Legged Doji, weil er eine klare Aussage trifft: die Verkäufer haben den Tagesversuch verloren. Er ist im Wesentlichen ein Hammer mit Body nahe null — die Bullish-Lesart ist konsistent mit der Hammer-Logik.

Gravestone Doji: Bearish-Reversal am Hoch.

Form: Open ≈ Close ≈ Low, lange obere Wick, keine untere Wick.

Gravestones zeigen in meinen Tests systematisch schlechtere Werte als Dragonflys — ähnlich wie bei Engulfings ist die Bullish-Variante in Aktien tendenziell stärker. Das liegt am Long-Bias der Aktienmärkte: gegen den langfristigen Aufwärtstrend zu handeln, ist strukturell schwieriger.

Four-Price Doji: das Liquiditäts-Loch.

Form: Open = High = Low = Close. Eine waagerechte Linie ohne Wicks.

Der Four-Price Doji wird in Lehrbüchern manchmal als Reversal-Signal dargestellt. Das ist Unsinn. Was er real anzeigt, ist die Abwesenheit von Handel. Wer auf so eine Bar handelt, kämpft gegen Slippage und Spread, nicht gegen den Markt.

# Klassifikation der Doji-Varianten
def classify_doji(bar, doji_tol=0.05, wick_thresh=0.7):
    rng = bar.high - bar.low
    if rng == 0: return "four_price"
    body = abs(bar.close - bar.open)
    if body / rng > doji_tol: return None
    upper = bar.high - max(bar.open, bar.close)
    lower = min(bar.open, bar.close) - bar.low
    if upper / rng >= wick_thresh: return "gravestone"
    if lower / rng >= wick_thresh: return "dragonfly"
    return "long_legged"

Kontext entscheidet immer.

Die Doji-Variante allein ist nutzlos. Der Kontext macht das Signal:

Diese Filter-Logik gilt für alle Candle-Patterns, ist bei Doji aber besonders wichtig, weil die Signale ohnehin schwach sind und ungefiltert keinerlei Edge bieten.

Trading-Regeln, die ich verwende.

  1. Dragonfly Long-Setup: nach mindestens 5-Bar-Down-Trend, an Support, Volume > 1,3× Schnitt, Folgetag schließt über Doji-Hoch. Einstieg auf Break, Stop unter Wick, Ziel 2R.
  2. Gravestone Short-Setup: spiegelbildlich nach Up-Trend, an Resistance. Stop über Wick, Ziel 2R.
  3. Long-Legged Doji: niemals Trade-Trigger, immer nur Risikomanagement-Signal für offene Positionen.
  4. Four-Price Doji: Markt meiden bis zur Rückkehr normaler Liquidität.

Meine ehrliche Bewertung.

Doji-Varianten haben in der Candlestick-Literatur einen mystischen Ruf, der ihre tatsächliche statistische Leistung übersteigt. Long-Legged und Four-Price Doji sind als Trade-Signale wertlos. Dragonfly und Gravestone sind brauchbar, aber selten — ihre Frequenz reicht nicht für eine eigenständige Strategie.

Ich nutze die Klassifikation primär als Lese-Werkzeug für den aktuellen Marktzustand. Ein Dragonfly an einem klaren Support sagt mir mehr über das Sentiment als jede Sentiment-Umfrage. Aber als alleiniger Trade-Trigger sind selbst diese stärkeren Varianten zu schwach. Wer Doji-Patterns trotzdem in seinen Werkzeugkasten aufnehmen will, sollte sie auf großen Stichproben backtesten und mit Trend- und Volume-Filtern kombinieren. Ohne diese Filter sind alle Doji-Patterns Rauschen.

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