Doji-Varianten in der Tiefe: Long-Legged, Dragonfly, Gravestone.
Der Standard-Doji — Open gleich Close, kleines Kreuz auf dem Chart — wird in Einführungstexten als „Entscheidungslosigkeit" beschrieben. Das ist richtig, aber unvollständig. Die vier wichtigsten Doji-Varianten erzählen jeweils eine eigene Geschichte. Wer sie nicht unterscheidet, verschenkt Information.
Rückblick: was ein Doji eigentlich ist.
Ein Doji liegt vor, wenn Open und Close praktisch identisch sind. In der Praxis verwende ich eine Toleranz von 5 % der Bar-Range — alles darunter zählt als Doji. Die Form sagt: Käufer und Verkäufer haben sich am Ende der Session ausgeglichen. Was dazwischen passiert ist, bestimmt die Variante.
Long-Legged Doji: extreme Indecision.
Form: Open ≈ Close, lange obere und lange untere Wick. Die Range ist groß, der Body verschwindend klein.
- Bedeutung: heftige intraday Schwankungen, am Ende kein Gewinner. Volatilitäts-Spike ohne Direktions-Auflösung.
- Häufigkeit im S&P-500-Daily 2010–2025: ~1,2 % aller Bars.
- Win-Rate als Reversal-Signal (mit Konfirmation am Folgetag): 48–52 % — kein verlässliches Reversal.
- Beste Verwendung: als Volatilitäts-Warnung. Position-Sizing reduzieren, Stops nachziehen, keine neuen Trades in die laufende Richtung.
Der Long-Legged Doji ist statistisch der schwächste der vier Varianten in Bezug auf Reversal-Signal — und gleichzeitig der häufigste. Wer ihn als Trade-Trigger nutzt, handelt im Wesentlichen Rauschen.
Dragonfly Doji: Bullish-Reversal am Tief.
Form: Open ≈ Close ≈ High, lange untere Wick, keine obere Wick.
- Bedeutung: intraday Verkaufsdruck wurde komplett aufgekauft, Schlusskurs am Tageshoch. Klares Bullish-Signal — wenn der Kontext stimmt.
- Häufigkeit: ~0,3 % aller Bars. Relativ selten.
- Win-Rate nach Down-Trend mit Konfirmation: 56–60 % bei 1:1,5 R/R.
- Beste Verwendung: an einer technischen Support-Zone nach einem etablierten Down-Trend. Einstieg auf Break des Hochs, Stop unter der Wick.
Der Dragonfly funktioniert deutlich besser als der Long-Legged Doji, weil er eine klare Aussage trifft: die Verkäufer haben den Tagesversuch verloren. Er ist im Wesentlichen ein Hammer mit Body nahe null — die Bullish-Lesart ist konsistent mit der Hammer-Logik.
Gravestone Doji: Bearish-Reversal am Hoch.
Form: Open ≈ Close ≈ Low, lange obere Wick, keine untere Wick.
- Bedeutung: intraday Kaufdruck wurde komplett verkauft, Schlusskurs am Tagestief. Bearish-Signal.
- Häufigkeit: ~0,3 % aller Bars.
- Win-Rate nach Up-Trend mit Konfirmation: 53–57 % bei 1:1,5 R/R.
- Beste Verwendung: an einer Resistance-Zone nach Up-Trend. Einstieg auf Break des Tiefs, Stop über der Wick.
Gravestones zeigen in meinen Tests systematisch schlechtere Werte als Dragonflys — ähnlich wie bei Engulfings ist die Bullish-Variante in Aktien tendenziell stärker. Das liegt am Long-Bias der Aktienmärkte: gegen den langfristigen Aufwärtstrend zu handeln, ist strukturell schwieriger.
Four-Price Doji: das Liquiditäts-Loch.
Form: Open = High = Low = Close. Eine waagerechte Linie ohne Wicks.
- Bedeutung: extrem niedrige Liquidität. Kein realer Marktteilnehmer hat das Instrument in dieser Bar gehandelt — oder nur einer.
- Häufigkeit in liquiden Märkten: praktisch null. In Small-Caps, illiquiden Optionen oder Pre-Market-Sessions häufig.
- Trading-Regel: nicht handeln. Ein Four-Price Doji ist kein Pattern, sondern ein Datenproblem.
Der Four-Price Doji wird in Lehrbüchern manchmal als Reversal-Signal dargestellt. Das ist Unsinn. Was er real anzeigt, ist die Abwesenheit von Handel. Wer auf so eine Bar handelt, kämpft gegen Slippage und Spread, nicht gegen den Markt.
# Klassifikation der Doji-Varianten
def classify_doji(bar, doji_tol=0.05, wick_thresh=0.7):
rng = bar.high - bar.low
if rng == 0: return "four_price"
body = abs(bar.close - bar.open)
if body / rng > doji_tol: return None
upper = bar.high - max(bar.open, bar.close)
lower = min(bar.open, bar.close) - bar.low
if upper / rng >= wick_thresh: return "gravestone"
if lower / rng >= wick_thresh: return "dragonfly"
return "long_legged"
Kontext entscheidet immer.
Die Doji-Variante allein ist nutzlos. Der Kontext macht das Signal:
- Doji nach langem Trend in der Trendrichtung: Warnsignal.
- Doji in einer Seitwärtsphase: Rauschen, kein Signal.
- Doji an einer signifikanten S/R-Zone: ernst zu nehmen.
- Doji bei niedrigem Volume: höchstens ein Hinweis — keine Aktion.
Diese Filter-Logik gilt für alle Candle-Patterns, ist bei Doji aber besonders wichtig, weil die Signale ohnehin schwach sind und ungefiltert keinerlei Edge bieten.
Trading-Regeln, die ich verwende.
- Dragonfly Long-Setup: nach mindestens 5-Bar-Down-Trend, an Support, Volume > 1,3× Schnitt, Folgetag schließt über Doji-Hoch. Einstieg auf Break, Stop unter Wick, Ziel 2R.
- Gravestone Short-Setup: spiegelbildlich nach Up-Trend, an Resistance. Stop über Wick, Ziel 2R.
- Long-Legged Doji: niemals Trade-Trigger, immer nur Risikomanagement-Signal für offene Positionen.
- Four-Price Doji: Markt meiden bis zur Rückkehr normaler Liquidität.
Meine ehrliche Bewertung.
Doji-Varianten haben in der Candlestick-Literatur einen mystischen Ruf, der ihre tatsächliche statistische Leistung übersteigt. Long-Legged und Four-Price Doji sind als Trade-Signale wertlos. Dragonfly und Gravestone sind brauchbar, aber selten — ihre Frequenz reicht nicht für eine eigenständige Strategie.
Ich nutze die Klassifikation primär als Lese-Werkzeug für den aktuellen Marktzustand. Ein Dragonfly an einem klaren Support sagt mir mehr über das Sentiment als jede Sentiment-Umfrage. Aber als alleiniger Trade-Trigger sind selbst diese stärkeren Varianten zu schwach. Wer Doji-Patterns trotzdem in seinen Werkzeugkasten aufnehmen will, sollte sie auf großen Stichproben backtesten und mit Trend- und Volume-Filtern kombinieren. Ohne diese Filter sind alle Doji-Patterns Rauschen.
Sie wollen einen quantitativen Ansatz für Candlestick-Filter aufbauen? Erstgespräch buchen — ich zeige Ihnen, wie ich die Klassifikation systematisiere.