DAX Futures Overnight: Was die Statistik wirklich sagt.

Der Overnight-Effekt — Aktien-Indizes haben einen überproportionalen Teil ihrer langfristigen Rendite außerhalb der regulären Handelszeiten — ist am US-Markt extrem gut dokumentiert. Am DAX-Future (FDAX) sieht das Bild anders aus. Wer den Effekt blind aus US-Studien überträgt, baut eine Strategie, die nicht funktioniert. Hier ist, worauf es bei einer sauberen Auswertung ankommt.

Was Overnight am FDAX überhaupt heißt.

Der FDAX wird an der Eurex zwischen 01:10 Uhr und 22:00 Uhr gehandelt — knapp 21 Stunden täglich. Damit ist „Overnight“ nicht so klar definiert wie beim S&P 500, wo der Future zwischen 23:00 und 00:00 deutscher Zeit eine echte Pause hat. Trotzdem lassen sich die Returns sinnvoll segmentieren:

Wer „Overnight am FDAX“ sagt, sollte mindestens dazwischen unterscheiden, ob er Pre-Open, Post-Close oder beides meint. Die statistischen Eigenschaften sind sehr unterschiedlich.

Die zentrale Frage: Welches Fenster trägt die Drift?

Wie sich die Rendite des FDAX auf Pre-Open, Hauptsession und Post-Close verteilt, sollte man selbst auswerten. Häufig zeigt sich, dass ein Teil der Drift außerhalb der XETRA-Hauptzeit entsteht, vor allem während des US-Handels.

Wichtige Einschränkung: der Effekt ist statistisch nicht so robust wie am ES; einzelne Jahre kehren das Vorzeichen um. Wer eine reine „long over weekend, short during day“- Strategie auf den FDAX setzt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einen flachen Equity-Verlauf mit gelegentlichen größeren Drawdowns ernten.

Eine handelbare Variante: bedingter Post-Close.

Statt einer pauschalen Overnight-Position lässt sich eine bedingte Variante testen: long nur dann über den Post-Close hinweg, wenn die XETRA-Session selbst negativ geschlossen hat und der S&P 500 zur Eröffnung der US-Session positiv handelt. Die Idee: ein schwacher europäischer Tag wird oft im US-Handel teilweise zurückgekauft, und der FDAX bekommt eine Reversionsbewegung mit.

import pandas as pd

def conditional_overnight_signal(
    fdax_session: pd.DataFrame,  # mit open, close zu 09:00 und 17:30
    es_open_change: pd.Series,    # ES-Bewegung 15:30 bis 16:00 deutscher Zeit
) -> pd.Series:
    """
    Long ueber Post-Close (Entry 17:30, Exit 22:00), wenn:
      - FDAX XETRA-Session negativ
      - ES in ersten 30 Min nach Cash-Open positiv
    """
    xetra_ret = (fdax_session["close_1730"] / fdax_session["open_0900"]) - 1
    cond_fdax_weak = xetra_ret < 0
    cond_es_strong = es_open_change > 0
    return (cond_fdax_weak & cond_es_strong).astype(int)

Ob eine solche bedingte Variante auf historischen Daten tatsächlich besser abschneidet als ein unbedingter Overnight-Trade, muss ein sauberer eigener Backtest mit Kosten zeigen. Entscheidend ist der Vergleich, nicht eine einzelne Kennzahl.

Roll-Mechanik und Continuous Contracts.

Der FDAX rollt vierteljährlich, ähnlich wie der ES. Der Roll passiert in der Praxis am drittletzten Handelstag des Verfallsmonats, aber das Volumen wandert schon mehrere Tage vorher. Für Overnight-Strategien ist die Roll-Mechanik kritisch: wenn Sie eine Position über den Roll hinweg halten, müssen Sie den Spread zwischen den Kontrakten korrekt berücksichtigen, sonst verfälscht das die Statistik.

def adjust_for_roll(prices: pd.Series, roll_dates: list, spreads: dict) -> pd.Series:
    """
    Adjustiert die Preisserie rueckwirkend an den Roll-Tagen,
    indem die Differenz alter Kontrakt minus neuer Kontrakt
    vom historischen Teil abgezogen wird.
    """
    adjusted = prices.copy()
    for rdate in sorted(roll_dates):
        spread = spreads[rdate]  # alter - neuer Kontrakt zur Roll-Mitte
        adjusted.loc[:rdate] -= spread
    return adjusted

Risiko-Spezifika beim FDAX.

Der FDAX hat einen Punktwert von 25 EUR, der kleinere Mini-DAX (FDXM) 5 EUR. Die Margin-Anforderungen richten sich nach den Eurex-Risikoparametern und dem Broker und sollten vor dem Handel aktuell geprüft werden. Tagesranges sind historisch um die 1.0–1.5 % des Indexwerts, in Stressphasen schnell 3–4 %.

Was den FDAX in Sachen Risiko anders macht als US-Indizes: die Konzentration auf wenige Schwergewichte. SAP, Siemens, Allianz und Deutsche Telekom repräsentieren zusammen über 30 % des Index. Earnings-Tage dieser Werte erzeugen Gaps, die für statische Overnight-Modelle schädlich sind. Mein Filter: in den 24 Stunden vor einem Earnings-Termin der Top-5-Werte keine neue Overnight-Position eröffnen. Bestehende Positionen werden glattgestellt.

Steuerlich nicht trivial.

Ein Hinweis, der gerne unterschlagen wird: FDAX-Gewinne unterliegen für deutsche Privatanleger der Abgeltungssteuer, die frühere 20.000-EUR-Verrechnungsgrenze für Termingeschäftsverluste (2021–2024) wurde mit dem Jahressteuergesetz 2024 rückwirkend abgeschafft. Wer professionell tradet, sollte die Strukturierung (Einzelunternehmen vs. UG/GmbH vs. Holding) mit einem spezialisierten Steuerberater durchspielen. Pauschale Aussagen helfen niemandem.

Wann der Effekt versagt.

Drei Regime zerlegen jede Overnight-Strategie am FDAX:

Was ich aus über zehn Jahren FDAX gelernt habe.

Der FDAX ist ein gutes, aber kein einfaches Instrument. Die Liquidität ist solide, die Eurex ist technisch unauffällig, die Gebühren sind tragbar. Aber: der Index ist klein (40 Werte seit 2021), konzentriert und stärker politisch beeinflusst als US-Indizes. Wer Overnight-Strategien am FDAX baut, sollte sie immer mit einem Filter für US-Marktbewegungen kombinieren — ohne diesen Kontext sind die Returns weitgehend Rauschen.

Sinnvoller als eine eigenständige Strategie ist Overnight-FDAX meist als Diversifikator in einem breiteren Index-Portfolio, etwa mit ES, NQ und EuroStoxx. In dieser Rolle kann der FDAX Mehrwert beitragen, weil seine Korrelation zu US-Märkten zeitversetzt und regime-abhängig ist.

Stand: Mai 2026, überarbeitet Oktober 2026. Angaben zu Produkten, Preisen, Gesetzen und Fristen können sich seitdem geändert haben; maßgeblich sind die aktuellen Angaben der Anbieter und Behörden.

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