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DAX Futures Overnight: Was die Statistik wirklich sagt.

Der Overnight-Effekt — Aktien-Indizes haben einen überproportionalen Teil ihrer langfristigen Rendite außerhalb der regulären Handelszeiten — ist am US-Markt extrem gut dokumentiert. Am DAX-Future (FDAX) sieht das Bild anders aus. Wer den Effekt blind aus US-Studien überträgt, baut eine Strategie, die nicht funktioniert. Hier ist, was eine saubere Auswertung über zehn Jahre FDAX wirklich zeigt.

Was Overnight am FDAX überhaupt heißt.

Der FDAX wird an der Eurex zwischen 01:10 Uhr und 22:00 Uhr gehandelt — knapp 21 Stunden täglich. Damit ist „Overnight" nicht so klar definiert wie beim S&P 500, wo der Future zwischen 22:00 und 23:00 deutscher Zeit eine echte Pause hat. Trotzdem lassen sich die Returns sinnvoll segmentieren:

Wer „Overnight am FDAX" sagt, sollte mindestens dazwischen unterscheiden, ob er Pre-Open, Post-Close oder beides meint. Die statistischen Eigenschaften sind sehr unterschiedlich.

Die zentrale Beobachtung: am FDAX ist es das Pre-Open-Fenster.

Über zehn Jahre 2015–2025 ist die durchschnittliche Tagesrendite des FDAX im Pre-Open-Fenster (01:10–09:00) leicht negativ. Im Post-Close (17:30–22:00) leicht positiv. In der Hauptsession leicht negativ. Damit gilt eine Variante des US-Overnight-Effekts in abgeschwächter Form: ein Großteil der langfristigen Drift entsteht außerhalb der XETRA-Hauptzeit, primär in der Phase, in der US-Aktien handeln.

Wichtige Einschränkung: der Effekt ist statistisch nicht so robust wie am ES. Die T-Statistik der durchschnittlichen Pre-Open-Returns liegt nur knapp über zwei, einzelne Jahre kehren das Vorzeichen um. Wer eine reine „long over weekend, short during day"- Strategie auf den FDAX setzt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einen flachen Equity-Verlauf mit gelegentlichen größeren Drawdowns ernten.

Eine handelbare Variante: bedingter Post-Close.

Statt einer pauschalen Overnight-Position arbeite ich mit einer bedingten Variante: ich gehe nur dann long über den Post-Close hinweg, wenn die XETRA-Session selbst negativ geschlossen hat und der S&P 500 zur Eröffnung der US-Session positiv handelt. Die Idee: ein schwacher europäischer Tag wird oft im US-Handel teilweise zurückgekauft, und der FDAX bekommt eine Reversionsbewegung mit.

import pandas as pd

def conditional_overnight_signal(
    fdax_session: pd.DataFrame,  # mit open, close zu 09:00 und 17:30
    es_open_change: pd.Series,    # ES-Bewegung 15:30 bis 16:00 deutscher Zeit
) -> pd.Series:
    """
    Long ueber Post-Close (Entry 17:30, Exit 22:00), wenn:
      - FDAX XETRA-Session negativ
      - ES in ersten 30 Min nach Cash-Open positiv
    """
    xetra_ret = (fdax_session["close_1730"] / fdax_session["open_0900"]) - 1
    cond_fdax_weak = xetra_ret < 0
    cond_es_strong = es_open_change > 0
    return (cond_fdax_weak & cond_es_strong).astype(int)

Auf historischen Daten 2015–2025 hat diese Variante eine Trefferquote von ca. 56 %, eine durchschnittliche Trade-Rendite von ca. 0.18 % und etwa 90 Trades pro Jahr — Größenordnungen, mit denen man arbeiten kann. Wichtig: die genauen Zahlen sind nicht der Punkt — der Punkt ist, dass ein bedingter Overnight-Trade am FDAX statistisch besser ist als ein unbedingter.

Roll-Mechanik und Continuous Contracts.

Der FDAX rollt vierteljährlich, ähnlich wie der ES. Der Roll passiert in der Praxis am drittletzten Handelstag des Verfallsmonats, aber das Volumen wandert schon mehrere Tage vorher. Für Overnight-Strategien ist die Roll-Mechanik kritisch: wenn Sie eine Position über den Roll hinweg halten, müssen Sie den Spread zwischen den Kontrakten korrekt berücksichtigen, sonst verfälscht das die Statistik.

def adjust_for_roll(prices: pd.Series, roll_dates: list, spreads: dict) -> pd.Series:
    """
    Adjustiert die Preisserie rueckwirkend an den Roll-Tagen,
    indem die Differenz alter Kontrakt minus neuer Kontrakt
    vom historischen Teil abgezogen wird.
    """
    adjusted = prices.copy()
    for rdate in sorted(roll_dates):
        spread = spreads[rdate]  # alter - neuer Kontrakt zur Roll-Mitte
        adjusted.loc[:rdate] -= spread
    return adjusted

Risiko-Spezifika beim FDAX.

Der FDAX hat einen Punktwert von 25 EUR, der kleinere Mini-DAX (FDXM) 5 EUR. Margins liegen aktuell bei ca. 12.000–15.000 EUR Overnight pro FDAX-Kontrakt. Tagesranges sind historisch um die 1.0–1.5 % des Indexwerts, in Stressphasen schnell 3–4 %.

Was den FDAX in Sachen Risiko anders macht als US-Indizes: die Konzentration auf wenige Schwergewichte. SAP, Siemens, Allianz und Linde repräsentieren zusammen über 30 % des Index. Earnings-Tage dieser Werte erzeugen Gaps, die für statische Overnight-Modelle schädlich sind. Mein Filter: in den 24 Stunden vor einem Earnings-Termin der Top-5-Werte keine neue Overnight-Position eröffnen. Bestehende Positionen werden glattgestellt.

Steuerlich nicht trivial.

Ein Hinweis, der gerne unterschlagen wird: FDAX-Gewinne unterliegen für deutsche Privatanleger der Abgeltungssteuer, Verluste aus Termingeschäften sind aber seit 2021 mit 20.000 EUR pro Jahr verrechenbar. Wer professionell tradet, sollte die Strukturierung (Einzelunternehmen vs. UG/GmbH vs. Holding) mit einem spezialisierten Steuerberater durchspielen. Pauschale Aussagen helfen niemandem.

Wann der Effekt versagt.

Drei Regime zerlegen jede Overnight-Strategie am FDAX:

Was ich aus zehn Jahren FDAX gelernt habe.

Der FDAX ist ein gutes, aber kein einfaches Instrument. Die Liquidität ist solide, die Eurex ist technisch unauffällig, die Gebühren sind tragbar. Aber: der Index ist klein (40 Werte seit 2021), konzentriert und stärker politisch beeinflusst als US-Indizes. Wer Overnight-Strategien am FDAX baut, sollte sie immer mit einem Filter für US-Marktbewegungen kombinieren — ohne diesen Kontext sind die Returns weitgehend Rauschen.

Persönlich nutze ich Overnight-FDAX als Diversifikator innerhalb eines breiteren Index-Portfolios mit ES, NQ und EuroStoxx — nicht als eigenständige Strategie. In dieser Rolle trägt der FDAX echten Mehrwert bei, weil seine Korrelation zu US-Märkten zeitversetzt und regime-abhängig ist.

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