← Alle Insights

EM-Carry-Trade: TRY, BRL, ZAR — wenn 10 % Zinsen zur Falle werden.

Eine Währung mit 15 % Zinsen sieht im Vergleich zu Euro oder Dollar wie ein Geschenk aus. Aber im EM-Carry-Trade verdient man jeden Tag ein bisschen Zinsen — und verliert in einer einzelnen Woche das ganze Jahr. Über Türkische Lira, Brasilianischen Real, Südafrikanischen Rand und die Frage, wie viel Carry der Markt verlangt, bevor er zur Falle wird.

Was Carry-Trade überhaupt ist.

Der klassische Carry-Trade: Geld in einer Low-Yield-Währung leihen, in einer High-Yield-Währung anlegen, die Zinsdifferenz einstreichen. Wer 100 000 Euro zu 3 % Zinsen leiht und in BRL zu 13 % anlegt, verdient theoretisch 10 % p. a. — sofern der Wechselkurs stabil bleibt. Das große Wort: sofern.

Die Theorie der "Uncovered Interest Rate Parity" besagt, dass die Zinsdifferenz durch Wechselkurs-Bewegungen kompensiert werden sollte: Hochzins-Währungen sollten entsprechend abwerten. Empirisch stimmt das langfristig — kurz- bis mittelfristig aber nicht. Carry-Trades verdienen Geld, weil die UIP-Theorie nicht hält. Bis sie es plötzlich tut.

Der klassische Carry: AUD/JPY, NZD/JPY — überholt.

Über zwanzig Jahre war AUD/JPY der archetypische Carry-Trade. Japan: 0 % Zinsen. Australien: 5 bis 7 % Zinsen, Rohstoff-Exporteur, stabil. Wer AUD long, JPY short stand, verdiente jahrelang stetig. Bis 2008 — und auch 2024.

Heute funktioniert dieser Trade nur eingeschränkt. Die BoJ hat die Zinsen leicht angehoben, Australien hat seine Spitze hinter sich. Die Zinsdifferenz ist auf unter 4 Punkte gefallen — historisch eher niedrig. Die Risk-Reward des klassischen G10-Carry ist unattraktiv geworden.

EM-Carry: USD/TRY, USD/BRL, USD/ZAR.

Wer heute Carry sucht, geht in Emerging Markets:

Crash-Cluster: 2018 und 2020.

Der wichtigste Fakt zum EM-Carry: die Crashes sind keine Einzelfälle, sie sind geclustert. Zwei Beispiele:

August 2018 (Türkei-Krise): USD/TRY sprang innerhalb von vier Wochen von 4,80 auf 7,20 — ein Verlust von 33 % für TRY-Longs. Die Auslöser waren US-Sanktionen, politische Spannungen, Inflation. Wer mit 5x Hebel TRY-Carry gespielt hatte, war ausgewischt.

März 2020 (COVID): alle EM-Währungen kollabierten synchron. BRL verlor 25 %, ZAR 20 %, TRY 15 %. Der Risk-Off-Modus ist gnadenlos: in einer Krise verkauft die Welt EM-Assets, der USD steigt, alle Carry-Trades brennen gleichzeitig.

Das Muster ist konsistent: lange Phasen ruhiger Carry-Erträge, unterbrochen von scharfen, korrelierten Crashes. Wer im Backtest zwei Jahre 12 % p. a. sieht und ohne Tail-Schutz einsteigt, verliert beim ersten Schock die kumulierten Gewinne.

Risk-Off vs. Risk-On.

EM-Carry ist eine reine Risk-On-Wette. In Risk-On-Phasen — niedrige Vola, steigende Aktien, ruhiges Sentiment — funktioniert er. In Risk-Off-Phasen — VIX über 25, DXY steigt, Aktien fallen — explodiert er.

Praktisch: die Korrelation zwischen Carry-Performance und dem MSCI EM Index liegt historisch bei 0,5 bis 0,7. Wer EM-Carry handelt, ist effektiv long EM-Risk — egal wie er das Setup nennt. Das ist nicht falsch, aber es muss zum Gesamtportfolio passen. Wer schon EM-Aktien hält, verdoppelt sein Exposure durch EM-Carry.

Hedging mit DXY-Korrelation.

Eine pragmatische Hedge-Logik: EM-Währungen korrelieren stark negativ mit dem DXY (dem Dollar-Index). Wer EM-Carry hält, kann eine teilweise Absicherung über DXY-Long aufbauen. Wenn der USD stark wird, fallen EM-Währungen — der DXY-Long fängt einen Teil davon auf.

Vorteil: relativ günstig, da DXY-Futures liquide sind. Nachteil: nicht alle EM-Crashes laufen über USD-Stärke. Eine Türkei-spezifische Krise (Sanktionen, Politische Schocks) zeigt sich kaum im DXY. Der Hedge ist partiell, nicht vollständig.

Carry-to-Vol als Filter.

Wann lohnt sich ein Carry-Trade? Eine einfache Metrik ist das Carry-to-Vol- Ratio: Zinsdifferenz dividiert durch annualisierte FX-Volatilität.

# Carry-to-Vol-Ratio
zins_diff_BRL = 0.13 - 0.045   # BRL-Selic minus USD-Fed = 8.5 %
vol_BRL_ann   = 0.18           # annualisierte USD/BRL-Volatilität

ctv_BRL = zins_diff_BRL / vol_BRL_ann
        = 0.085 / 0.18
        = 0.47

# Faustregel:
# CTV > 0.5  -> attraktiv
# CTV 0.3-0.5 -> marginal
# CTV < 0.3  -> meiden

Der Sinn: ein hoher Zinsdifferential ist nur dann attraktiv, wenn die Volatilität relativ zur Differential klein ist. Bei TRY ist die Zinsdifferenz hoch — aber die FX-Volatilität ebenfalls. Das CTV-Ratio bleibt mittelmäßig.

Caveat: Capital Controls und politische Risiken.

EM-Carry hat ein Risiko, das im Backtest nicht auftaucht: regulatorische Eingriffe. Capital Controls können Positions-Schließung unmöglich machen. Argentinien hat das in den 2010er Jahren mehrfach demonstriert. Russland hat es 2022 binnen Tagen eingeführt. Wer mit einer Position festsitzt, während die Konvertibilität aufgehoben wird, hat ein Total-Loss-Risiko, das in keiner Vola-Berechnung steckt.

Diese politischen Tail-Risiken sind der Hauptgrund, warum institutionelle Investoren EM-Allokationen begrenzen — und warum Retail-Trader Vorsicht walten lassen sollten.

Realistisches Position-Sizing für Retail.

Pragmatischer Vorschlag: maximal 3 bis 5 % des Portfolios in einer einzigen EM- Carry-Position. Insgesamt nicht mehr als 10 bis 15 % in EM-Carry. Diversifikation über mehrere Währungen (TRY + BRL + ZAR + MXN), keine Konzentration auf einen Markt. Stop-Loss auf Volatilitäts-Basis (1,5 bis 2 ATRs), keine Toleranz für "warten bis es zurückkommt".

Wer das nicht akzeptieren kann — wer 10 % Zinsen zu attraktiv findet, um nur 5 % zu allokieren — sollte EM-Carry nicht handeln. Die Mathematik der Crash-Cluster ist gnadenlos: 95 % der Zeit verdient man, 5 % der Zeit kostet es zehn Jahre Erträge.

Meine Praxis: EM-Carry mit harten Stops.

Ich halte EM-Carry-Positionen als kleinen, klar definierten Sleeve. Konkret: maximal 8 % Brutto-Exposure, verteilt auf drei Währungen. Stop-Loss auf Basis von 2-ATR-Abständen. Wenn der USD-Index DXY um mehr als 3 % über vier Wochen steigt, reduziere ich automatisch das Brutto-Exposure auf die Hälfte.

Wichtig: ich gehe nie short volatility und long Carry gleichzeitig. Beide Strategien explodieren in denselben Krisen. Wer Carry und Vola-Short kombiniert, verdoppelt das Tail-Risiko ohne Diversifikation. Genau das hat 2018 mehrere Multi-Strategy-Hedgefonds in den Ruin getrieben.

EM-Carry ist eine der ehrlichsten Risiko-Strategien überhaupt: die Erträge sind real, die Verluste auch. Wer mit klarem Risk-Budget einsteigt, kann eine funktionierende Allokation aufbauen. Wer ohne Stops und mit Hebel agiert, geht früher oder später unter.

Sie wollen EM-Carry mit klarem Risk-Budget aufsetzen? Erstgespräch buchen — wir schauen uns das Sizing, die Hedge-Logik und die Stop-Mechanik gemeinsam an.