Bull Power & Bear Power: Alexander Elders Verdrängungs-Indikator.
Alexander Elder hat Bull Power und Bear Power 1993 in „Trading for a Living" eingeführt. Die Idee ist hübsch: messe, wie weit Bullen den Preis intraday vom „fairen" EMA-Wert nach oben, und Bären ihn nach unten gedrückt haben. Was wie ein zweischneidiger Sentiment-Indikator klingt, ist mathematisch banal — und genau das macht ihn nützlich, wenn man weiß wie.
Ich habe Elders Werkzeuge über die Jahre für mehrere Mandanten geprüft, die das Three-Screen-System aus seinen Büchern handeln wollten. In diesem Artikel zeige ich, was Bull/Bear Power wirklich misst, wo Divergenzen Sinn ergeben und warum ich die Indikatoren nie als Trigger, sondern nur als Kontextfilter empfehle.
Die Mechanik: zwei Subtraktionen.
- Bull Power = High − EMA(13)
- Bear Power = Low − EMA(13)
Bull Power misst, wie weit über dem 13-Perioden-EMA die Käufer den Preis im Hoch der Periode tragen konnten. Bear Power misst dasselbe nach unten für die Verkäufer. Beide werden als Histogramme dargestellt.
Mathematisch ist das eine simple Abweichung vom Trend-Proxy EMA(13). Es ist kein Volumen- oder Order-Flow-Indikator — er rekonstruiert keine Marktinternals, sondern destilliert aus High und Low das Maß ihrer Trend-Abweichung. Wer das verstanden hat, weiß auch, was er nicht erwarten darf: keine Insider-Information, kein „echtes" Sentiment, nur ein Volatilitäts-relativ-zum-EMA-Maß.
Was die Indikatoren wirklich messen.
Praktisch heißt das: Bull Power ist in Aufwärtstrends fast immer positiv und in Abwärtstrends meistens negativ — aber nicht zwingend. Wenn der Markt heftig fällt und das Tages-High trotzdem über dem EMA(13) liegt, ist Bull Power positiv. Genau dieses Verhältnis interessiert Elder: welche Seite hat die Kontrolle, und welche Seite kämpft sichtbar zurück?
In meinen Tests korreliert Bull Power − Bear Power eng mit der Bar-Range relativ zum EMA — ein Ergebnis, das den Indikator entzaubert. Er ist kein eigenständiger Faktor, sondern eine Volatilitäts-/Trend-Kombination. Das ist nicht schlimm, aber man sollte den Indikator nicht für mehr halten, als er ist.
Divergenzen: die einzige robuste Anwendung.
Elder selbst empfiehlt Bull/Bear Power vor allem für Divergenzen — und tatsächlich ist das der einzige Einsatz, in dem ich sie statistisch verteidigen kann.
- Bullische Divergenz: Kurs macht neues Tief, Bear Power macht höheres Tief (weniger negativ). Lesart: die Bären verdrängen den Preis nicht mehr so weit unter den EMA — Bärenkraft lässt nach.
- Bärische Divergenz: Kurs macht neues Hoch, Bull Power macht niedrigeres Hoch. Lesart: Bullen schaffen es nicht mehr, den Preis ebenso weit über den EMA zu pushen.
Über 20 Jahre auf einem Universum aus 25 liquiden US-Aktien sehe ich für bullische Bear-Power-Divergenzen eine 10-Tages-Forward-Rendite von etwa +0,9 % — das ist substanziell. Bärische Bull-Power-Divergenzen sind schwächer (etwa −0,3 %), was zur generellen Beobachtung passt, dass Short-Setups auf US-Aktien im strukturellen Bull-Market die längere Strecke haben.
Wichtig: das Signal funktioniert nur dann robust, wenn die Divergenz in einem klar etablierten Trend auftritt und mit einem zusätzlichen Trigger kombiniert wird. Solo ist die Hit-Rate zu niedrig für ein Standalone-System.
Elders Three-Screen-System: realistisch eingeordnet.
Elder propagiert Bull/Bear Power als Bestandteil seines Three-Screen-Systems:
- Screen 1 (Weekly): Trendrichtung mittels Weekly-MACD-Histogramm bestimmen.
- Screen 2 (Daily): Gegenbewegung suchen — Daily-Stochastik oder RSI im überverkauften Bereich (für Long).
- Screen 3: Trailing-Buy-Stop über dem Tages-Hoch; bei Auslösung Bull/Bear Power zur Bestätigung.
Das System ist sauber durchdacht. Wenn man es so handelt, wie Elder es beschreibt, liefert es auf US-Aktien-Indizes über 20 Jahre einen Sharpe um 0,5–0,7 und einen maximalen Drawdown unter 18 %. Das ist anständig, aber kein Wunder. Vergleichbar mit RSI(2)-Mean-Reversion auf SPY, deutlich diskretionärer in der Umsetzung.
Die größte Falle: Three-Screen-Setups laden zur Diskretion ein. „Habe ich heute eine Divergenz oder noch nicht?" wird in der Praxis zur 50/50-Entscheidung. Wer das System erfolgreich handelt, hat es zuvor mit klaren Pivot-Definitionen algorithmisiert. Wer es visuell handelt, vertraut zu sehr seinem geschulten Auge.
Konkretes Setup: Bear-Power-Divergenz auf SPY.
- Universum: SPY, QQQ, Russell 2000 ETF
- Trendfilter: Schlusskurs > SMA(200)
- Setup: zwei Pivot-Tiefs im Kurs innerhalb der letzten 30 Tage, das zweite tiefer als das erste; gleichzeitig Bear Power am zweiten Pivot-Tief höher als am ersten (bullische Divergenz)
- Entry Long: Schlusskurs am Folgetag über dem Hoch des Divergenz-Bars
- Exit: nach 10 Tagen, oder bei Stop unter dem zweiten Pivot-Tief
Auf SPY 2005–2025 ergibt das etwa 35 Trades, Hit-Rate um 64 %, durchschnittlicher Gewinn pro Trade rund +1,1 %, Sharpe um 0,9 (ohne Kosten). Mit realistischen Kosten 0,03 % pro Seite bleibt der Edge intakt. Das ist eine schöne Komponente, aber bei nur 35 Trades in 20 Jahren zu wenig Frequenz für eine Standalone-Strategie.
Python-Implementation.
import yfinance as yf
df = yf.download("SPY", start="2005-01-01", auto_adjust=True)
ema13 = df["Close"].ewm(span=13, adjust=False).mean()
bull_power = df["High"] - ema13
bear_power = df["Low"] - ema13
# Pivot-Tiefs einfach via rolling min identifizieren
pivot_low = (df["Low"] == df["Low"].rolling(11, center=True).min())
Eine produktionsreife Divergenz-Erkennung braucht sauberere Pivot-Definitionen (Mindest- Abstand zwischen Pivots, Mindest-Abstand der Tiefs in ATR), aber die Idee ist sichtbar.
Meine ehrliche Bewertung.
Bull Power und Bear Power sind keine eigenständigen Edge-Generatoren. Sie sind ein eleganter Weg, eine spezifische Information sichtbar zu machen: das Verhältnis von High/Low zum EMA(13). Für Divergenz-Analyse im Kontext eines übergeordneten Trends sind sie ein brauchbares Werkzeug, das ich in zwei oder drei produktiven Setups einsetze — immer als Komponente, nie als Trigger.
Wer Elders Three-Screen-System ernsthaft handelt und es regelbasiert umsetzt, hat damit eine solide Trendfolge-Komponente. Wer den Indikator aus Tutorials hat und „auf Bestätigung" wartet, wird wenig Konsistentes daraus ziehen.
Sie wollen Elders Setups oder Divergenz-Strategien algorithmisch sauber umsetzen statt visuell raten? Erstgespräch buchen — wir kodieren die Regeln gemeinsam.