Aroon-Indikator: Trend-Anfang und Trend-Ende systematisch.
Tushar Chande hat den Aroon 1995 vorgestellt, weil er ein Werkzeug wollte, das nicht nur sagt „es trendet", sondern „seit wie vielen Tagen es trendet". Das ist konzeptionell interessant — ob daraus eine handelbare Edge wird, ist eine andere Frage.
Ich habe Aroon in den letzten Jahren mehrfach für Mandanten geprüft, die ihn aus MetaTrader-Standardlisten kannten und gehofft haben, ihn als Filter oder Trigger einzusetzen. In diesem Artikel zeige ich, was der Indikator wirklich misst, wo er taugt, und warum ich ihn in den meisten Fällen gegen den ADX austausche.
Wie Aroon rechnet — schlicht, aber ungewohnt.
Aroon ist kein Momentum- und kein Oszillator-Indikator im klassischen Sinn. Er misst nur eines: wie viele Perioden ist es her, dass das Hoch (bzw. Tief) eines Rückblicksfensters gesetzt wurde?
- Aroon Up = 100 · (n − Tage seit dem höchsten Hoch der letzten n Perioden) / n
- Aroon Down = 100 · (n − Tage seit dem niedrigsten Tief der letzten n Perioden) / n
- Aroon Oscillator = Aroon Up − Aroon Down (Skala −100 bis +100)
Chandes Default ist n=25. Wenn das Hoch heute gesetzt wurde, ist Aroon Up = 100. Liegt das Hoch 25 Perioden zurück, ist Aroon Up = 0. Das ist kein Preis-Indikator, sondern ein Zeit-Indikator. Genau diese Eigenheit ist sein Charme — und seine Schwäche.
Was die klassischen Signale taugen.
In der Literatur tauchen drei Setups immer wieder auf:
- Crossover: Aroon Up kreuzt Aroon Down von unten nach oben → Long-Signal.
- Extremwerte: Aroon Up über 70 und Aroon Down unter 30 → starker Aufwärtstrend.
- Parallel niedrig: beide Linien unter 50 → Seitwärtsmarkt.
Ich habe diese Signale auf einem Universum aus 30 liquiden US-Aktien, dem S&P 500, DAX, Gold und EUR/USD über jeweils 15 Jahre Tagesdaten durchgetestet. Das ehrliche Ergebnis: das Crossover-Signal alleine hat eine durchschnittliche 20-Tages-Forward-Rendite, die statistisch kaum von null zu unterscheiden ist. Auf trendstarken Aktien gibt es eine schwach positive Edge, auf Forex und Gold liegt sie bei null.
Der „Extremwert-Filter" ist marginal besser: Long-only, wenn Aroon Up über 70 und Aroon Down unter 30, liefert auf US-Aktien einen Sharpe von etwa 0,4 über lange Zeiträume — ähnlich einem simplen 200-Tage-SMA-Filter. Anders gesagt: Aroon ersetzt hier nur einen Trendfilter, der billiger zu haben ist.
Aroon vs. ADX: der ehrliche Vergleich.
Die meisten Mandanten kommen mit der Frage zu mir: „Soll ich Aroon oder ADX als Trendfilter nehmen?" Meine Antwort ist fast immer dieselbe: ADX. Hier die Gründe.
- ADX misst Trendstärke unabhängig von der Richtung — das ist sauberer als zwei gegenläufige Linien zu kombinieren.
- ADX integriert über die True-Range und reagiert dadurch weniger zappelig auf einzelne Ausreißer-Bars als Aroon, der ausschließlich auf Hoch/Tief schaut.
- In meinen Backtests trennt ADP > 25 trending- von ranging-Phasen klarer als jede Aroon-Kombination, die ich getestet habe.
Wo Aroon dem ADX überlegen ist: er sagt explizit etwas darüber aus, wann das letzte Extrem gesetzt wurde. Wer „frühe Trends" sucht — also Setups, die kurz nach einem neuen n-Tage-Hoch feuern — bekommt das mit Aroon Up = 100 sauberer als mit ADX. Das ist ein Nischen-, aber kein universeller Vorteil.
Ein konkretes Setup: Aroon-Oscillator-Trendfolge auf Daily.
Wenn ich Aroon einsetze, dann meist so: als Oszillator-Trigger in Kombination mit einem Trendfilter. Konkret das Setup, das auf US-Aktien-Indizes über 20 Jahre einen kleinen, aber stabilen Edge zeigt:
- Universum: SPY, QQQ
- Trendfilter: Schlusskurs > SMA(200)
- Entry Long: Aroon(14)-Oscillator kreuzt von unter 0 auf über +50 → am nächsten Open Long
- Exit: Aroon-Oscillator fällt unter 0 ODER Schlusskurs unter SMA(50)
- Position-Sizing: 1 % Risiko je Trade, Stop unter dem 14-Tage-Tief
Über 2005–2025 auf SPY ergibt das rund 40 Trades, eine Hit-Rate von etwa 55 %, einen durchschnittlichen Gewinn-Trade-Faktor von 1,8 und einen Sharpe um 0,7. Das ist nichts Spektakuläres, aber es ist konsistent — und es ist eine andere Edge-Quelle als typische Mean-Reversion-Setups, also gut diversifizierbar in einem Strategie-Portfolio.
Python-Implementation: Aroon sauber rechnen.
# Aroon Up / Down / Oscillator
import yfinance as yf
import numpy as np
import pandas as pd
def aroon(high, low, n=14):
up = high.rolling(n + 1).apply(
lambda x: 100 * (n - (n - np.argmax(x))) / n, raw=True
)
dn = low.rolling(n + 1).apply(
lambda x: 100 * (n - (n - np.argmin(x))) / n, raw=True
)
return up, dn, up - dn
df = yf.download("SPY", start="2005-01-01", auto_adjust=True)
up, dn, osc = aroon(df["High"], df["Low"], n=14)
sma200 = df["Close"].rolling(200).mean()
signal = (osc.shift(1) < 0) & (osc > 50) & (df["Close"] > sma200)
print(f"Signale gesamt: {signal.sum()}")
Wichtig: die argmax/argmin-Konvention muss eindeutig dokumentiert sein —
unterschiedliche Bibliotheken zählen „heute" als 0 oder als 1, das verschiebt das Ergebnis
messbar.
Wo Aroon ehrlich versagt.
Auf intraday-Daten unter H1 wird Aroon schnell zur Lotterie: Mikro-Hochs und Mikro-Tiefs verschieben den Indikator sekündlich, die Trefferquote der Signale fällt unter 50 %, und die Slippage frisst den Rest. Wer auf M5 oder M15 mit Aroon traden will, optimiert in der Regel in einen Overfitting-Korridor hinein. Auf Forex generell ist mein Eindruck: Aroon liefert keine Edge, die ein 50-Perioden-SMA-Filter nicht günstiger erzeugt.
In Choppy-Märkten — die der Indikator eigentlich identifizieren soll — feuert Aroon zwischen beiden Seiten hin und her, weil das jüngste Hoch und Tief im 14-Tage-Fenster ständig wechseln. Genau dann liefert er die schlechtesten Signale.
Meine ehrliche Einschätzung.
Aroon ist ein konzeptionell sauberer Indikator, der in der Praxis selten einen klaren Vorteil gegenüber etablierten Alternativen zeigt. Wer einen Trendfilter braucht, nimmt SMA(200) oder ADX. Wer Trend-Beginn-Trigger sucht, kann Aroon einsetzen — als Baustein in einem mehrkomponentigen Setup, nicht als alleiniges Signal.
In meiner eigenen Praxis taucht Aroon in zwei von vielleicht zwanzig produktiven Strategien auf, beide als Bestätigungsfilter, nicht als Trigger. Das ist eine ehrliche Einordnung: der Indikator ist nicht schlecht, aber er ist auch nicht das Werkzeug, ohne das ein systematischer Trader nicht auskommt.
Sie haben einen Aroon- oder Trendfilter-Setup, der „auf dem Papier" gut aussieht, aber im Live-Trading schwächelt? Erstgespräch buchen — wir schauen uns den Backtest gemeinsam an.